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Eine frühe Feministin

08.07.2003 — In der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern ist unter der Signatur «H. varia 2616» eine Schrift mit seltsamem, umständlichem Titel abgelegt: «In der Schweiz ist das Leben für eine ernste und feinbegabte Klavierkünstlerin ein für sie Schaden bringendes und unwürdiges.»

08.07.2003 — In der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern ist unter der Signatur «H. varia 2616» eine Schrift mit seltsamem, umständlichem Titel abgelegt: «In der Schweiz ist das Leben für eine ernste und feinbegabte Klavierkünstlerin ein für sie Schaden bringendes und unwürdiges.»

In der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern ist unter der Signatur «H. varia 2616» eine Schrift mit seltsamem, umständlichem Titel abgelegt: «In der Schweiz ist das Leben für eine ernste und feinbegabte Klavierkünstlerin ein für sie Schaden bringendes und unwürdiges.»

Beim Namen der Verfasserin, «Alice Severin» handelt es sich offenbar um ein Pseudonym. (Im Kopf der Schrift steht lediglich «A. Severin». Dass das «A» als «Alice» zu lesen ist, kann einer Bibliotheks-Karteikarte entnommen werden.) Wer die Schrift in Wirklichkeit verfasste, ist zu ihrer Zeit jedoch offensichtlich bekannt gewesen: Die mit Bleistift gesetzte Ergänzung weist als wirkliche Autorin eine Laura Kupferschmid aus. Ebenso wurde direkt unter dem Untertitel «Kritische Beleuchtung von Begebenheiten aus dem schweizerischen Musikleben» von Hand die Jahrzahl «1924» hinzugesetzt.

Die Schrift beginnt folgendermassen:

«DER ERNSTEN UND DENKENDEN FRAUENWELT GEWIDMET

Das Maiheft der ,Musik‘ (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart) brachte eine Abhandlung ,Ueber Schweizer Tonkunst‘ von Ludwig Kelterborn in Burgdorf. Um sich über seine Wirkungsstätte hinaus im Lande bekannt und beliebt zu machen und ein Land in ein wohliges Verdauungsschläfchen einzulullen, mag eine solche Schönschreiberei gut geeignet sein, aber wenig angetan, ein Land durch Selbsterkenntnis vorwärtszubringen.»

Die Verfasserin schildert ihren Kampf für eine neue Klaviermethodederen Grundlage die «Natürliche Technik» des Berliner Pädagogen Rudolf Maria Breithaupt bildete. Die Verfasserin scheint jedoch auch bittere Erfahrungen mit ihrer Umgebung gemacht zu haben. Weiter unten bemerkt sie zum Beispiel (Seite 13):

«Selbst Intrigen, die an Schmutz und Bosheit nichts zu wünschen übrig liessen, wurden gegen mich ausgespielt, Intrigen aus dem Kreis der sogenannten guten Gesellschaft, deren boshafte Beschränktheit stets glaubt, Menschen und besonders Frauen, die ihre eigenen Wege gehen, gehen müssen, auf die frechste und schmutzigste Art beleidigen und schädigen zu müssen und sich in ihrem festgewurzelten Eigendünkel masslos verwundern und beleidigt fühlen, wenn sich diese zu rechtfertigen oder gar zu wehren suchen!»

Zwei halbe Franken

Dass Laura Kupferschmid mit dem schweizerischen Musikleben durchaus vertraut war, beweist eine Bemerkung über den Musikpädagogischen Verband (19):

«Der S.M.-P.-Verband bringt jährlich zirka 3500 Franken auf; die Bundessubvention beträgt 1500 Franken = zusammen 5000 Franken. Wieviele Franken fallen von dieser Summe in Frauenhände? Zwei halbe! – Zudem wird das Geld, das in grösserer Summe von dem stärker vertretenen weiblichen Geschlecht herrührt, vielfach für Dinge ausgegeben, von denen die Frau ausgeschlossen ist: Kampfrichterangelegenheiten, Blechmusik, Expertisen etc.

Der Vorstand des S.M.-P.-Verbandes besteht nur aus Herren, obschon der Verband mehr weibliche Mitglieder zählt. Das einzige weibliche Vorstandsmitglied im Anfang des Verbandsbestehens verschwand, diente nur als Lockvogel für weibliche Mitglieder zur Speisung der Verbandskasse.»

Unter dem Titel «Ursachen und Wirkungen u.a. m.» wird die Verfasserin grundsätzlich (19):

«Der Mann ist als eingefleischter Egoist bekannt. Dazu ist er mit der leidigen Sucht behaftet, der Frau unbedingt imponieren und sie bevormunden zu wollen – weil er von kleinem auf gewöhnt wurde, das weibliche Geschlecht nicht ernst und vollwertig zu nehmen. So wird es auch bleiben, bis die seit Jahrhunderten vernachlässigte körperliche Kraft der Frau derjenigen des Mannes nachentwickelt ist. (…) Der Mann seufzt über die 9 Stunden Arbeitszeit, und die Frau bringt es zu nichts mit der 18stündigen.

Sein Leben lang möchte der Mann das weibliche Geschlecht als Puppe oder Schulmädchen behandeln. Die nötige Brutalität, Grobheit und Nervosität stehen reichlich zu Gebot. (…) Der Mann hetzt die Frau durch seine ewig neuen, aber selten geschmackvollen Schöpfungen auf den Mode- und Formenkultus (…) damit sie sich mit den vielen andern ihr auferlegten Pflichten zersplittere und ihm keine richtige Konkurrenz erwachse. Daher der Konkurrenz nicht fähig, sucht sie ein Unterkommen durch die Heirat und muss zu diesem Zweck gefallen – und reizen (Kleider u. a. m.) Die auf diese Weise und anderswie gepflegte Ueberreiztheit des Mannes (natürlich auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme!) schliesst einen speziell auch in der Kunst für beide Teile notwendigen und gewinnbringenden geistigen Verkehr aus.

In der Ehe wird die sexuell viel öfters normal veranlagte, unaufgeklärte und daher verschacherte und preisgegebene Frau oft genug nicht nur zur unbezahlten Magd, sondern zur unbezahlten Dirne hinuntergedrückt. Das Handwerk der Liebe (Beethoven).»

Eine derartige Radikalität in dieser Zeit macht neugierig auf das Schicksal, das dahinter steht. Und das ist die Geschichte der Laura Kupferschmid – oder soviel sich heute davon noch rekonstruieren lässt:

Laura Kupferschmid wurde am 19. Februar 1870 als Tochter des Oberförsters Samuel Jakob Alfred Kupferschmid und der Laura Pflüger geboren. Längere Zeit wohnte sie zusammen mit ihren Eltern im Berner Weissenbühlquartier, in dem sie eine «Schule für künstlerisches Klavierspiel» unterhielt. Nach Auskunft ihrer Schwiegertochter wohnte auch die Familie ihres zukünftigen Mannes, des Oberingenieurs Heinrich Schneider, in der Nachbarschaft der Familie Kupferschmid. Heinrich Schneider scheint bei Kupferschmids ein häufiger Gast gewesen zu sein. Nach dem Tode seiner Mutter kam ein Brief zum Vorschein, den die Eltern Kupferschmid an die Familie Schneider gerichtet hatten. Ein Drohung: Entweder Heinrich heirate Laura, oder es werde ihm das Haus verboten. Der Brief musste für Laura begreiflicherweise eine Kränkung bedeutet haben, konnte sie sich doch nach der Lektüre über die Motive ihres Mannes zur Heirat nicht im Klaren sein.

Pionierleistungen

Schon sehr früh scheint sie sich mit Breithaupts Klaviertechnik, die dem damals üblcihen Fingerspiel ein System von durchdachten Körperbewegungen entgegensetzte, beschäftigt zu haben. Dass sie in der Klavierpädagogik in Bern engagierte Pionierleistungen erbrachte, beweisen die Berichte über ihre Vortragsübungen, die in den «Schweizerischen Musikpädagogischen Blättern» regelmässig erschienen. So liest man zum Beispiel (I, Nr. 12, 1912): «Schule für künstlerisches Klavierspiel Klavierspiel von Laura Schneider-Kupferschmid. Die musikalische Unterhaltung vom 6. November im Uebungssaale des Kasinos hinterliess bei dem zahlreich anwesenden Auditorium einen in jeder Beziehung vorzüglichen Eindruck. Vor allem sei erwähnt, dass von gezwungenem, schülerhaftem Wesen, das derartigen Darbietungen naturgemäss anhaftet, sehr wenig zu bemerken war. (…)» oder (III, Nr. 15, 1914): «(…) Frau Schneider darf mit ihren Erfolgen, die – man braucht das eigentlich nicht erst zu sagen – nicht ohne Mühe und sorgsame Ausdauer errungen sind, zufrieden sein.» (IV, Nr.5/6, 1915): «(…) Frau Schneider erwies sich als gewissenhafte Lehrerin, die mit ihren Eleven Resultate erzielte, die zum Besten gehören, was auf musikpädagogischem Gebiet in Bern geleistet wird..» (X, Nr. 3, 1921): «Der recht vorteilhafte Gesamteindruck liess erkennen, dass die Schüler einer musikpädagogisch zuverlässigen Ausbildung und Obhut anvertraut sind.»

Für die «Musikpädagogischen Blätter» betätigte sie sich auch als Autorin. So lesen wir in der Nummer VI/24 aus dem Jahre 1917 einen Titelessay aus ihrer Feder: «Brennpunkte zur Hebung der sozialen Stellung des Musikpädagogen» und in den Nummern 12 folgende des gleichen Jahrgangs «Musikpädagogische und andere Streiflichter». Neben einem Einsatz für soziale Gerechtigkeit in Lohnfragen und Status zeigt sich Laura Kupferschmid auch in ihnen als engagierte Kämpferin für die Sache der Frau: «Zum Schluss möchte ich noch einige Worte über die Frau in der Kunst erwähnen, deren Fortkommen weitaus die grösseren Hindernisse begegnet und das nicht nur, was die Ausbildung betrifft, da es stets heisst, sie heiratet dann doch und alle Kosten sind vergebens. (…) Oft genug wird sie durch systematische Verleumdung und Verfolgung förmlich lahmgelegt, sei es im Kampf gegen das andere Geschlecht, besonders wenn sie auf private Vergnügen ihres Vorgesetzten nicht einzugehen gewillt ist, aber auch, und das eigentlich noch viel mehr, im Kampfe gegen die Frau, die, von Natur kleinlicher oder oft selber eingeengt, wieder andere niederdrückt und der Künstlerin und Lehrerin begegnet, wie sie es sich dem männlichen Geschlecht gegenüber nie erlauben würde…» (SMB VI, Nr. 24)

Die einzige Frau

Die einzigartige Stellung Laura Kupferschmids zeigt sich auch mit Blick auf die Gepflogenheiten an der Berner Musikschule, deren Vortragsübungen in den «Musikpädagogischen Blättern» entsprechend grössern Einwänden ausgesetzt waren. Ein Schüler des damaligen Direktors Dominik von Reding erinnert sich, dass dieser während der Stunden die Korrepsondenz der Schule zu erledigen pflegte…

Vieles in Laura Kupferschmids anonymer Polemik aus dem Jahre 1924 muss allerdings auch relativiert werden. So hat sie mit ihren Leistungen offensichtlich durchaus ein gute Presse gehabt. Über den Wahrheitsgehalt vieler ihrer Behauptungen ist aus heutiger Sicht schwierig zu entscheiden. Über den Rücktritt der «einzigen Frau im Vorstand» zum Beispiel äussert sich das Protokoll der entsprechenden Mitgliederversammlung: «Vier Vorstandsmitglieder, die Herren Vizepräsident Schaad, Sekretär Abbé Bovet, Bibliothekar Weinmann und Fräulein Roner erklären, keine Wiederwahl annehmen zu können. (…) Da die Versammlung keine Vertretung der Damen im Vorstande wünscht, verspricht Präsident Vogler, dass die Angelegenheiten und Wünsche der weiblichen Mitglieder trotzdem aufs gewissenhafteste erledigt werden sollen.» (SMB 1917, Nr. 20) Die erwähnt Anna Roner war eine in Zürich lebende Mitstreiterin für die Breithaupt-Methode; auffallend viel in den Schilderungen von Charakter und äusserer Erscheinung der beiden Frauen gleicht sich.

Analytikerin

Laura Kupferschmids Schwiegertochter beschreibt sie als sehr knochig und gross, breit im Becken, aber nicht fest. Vermutlich durch das Klavierspiel sei sie «immer etwas vorneherein gekommen», ihr Gesicht habe dem eines Habichts geglichen, mit kleinen, grauen Augen – alles in allem im ganzen Ausdruck eine harte, eigensinnige Frau mit ausgeprägtem Besitzanspruch. Ihr Reitpferd liess sie erschiessen, als es ihr den Dienst versagte – weil sie es nicht dulden konnte, dass etwas, was ihr gehörte, in andere Hände hätte kommen können. Genauso scheint sie Mühe gehabt zu haben, ihren Sohn freizugeben, dem sie eine Laufbahn als Pianist aufzuzwingen versuchte.

Was mag sie zu ihrer Polemik bewegt haben? Ein Blick in den erwähnten Artikel Kelterborns, der sich im damaligen Musikleben übrigens auch mit seinem Einsatz für das noch völlig unvertraute Cembalo einen Namen machte, gibt nicht viel Aufschluss, lässt die Verärgerung der scharfsinnigen Analytikerin jedoch erklärbar werden: «…Höchst selten anzutreffen ist derjenige Künstler, der allein das abgeklärte Ergebnis des siegreichen Überwindens seiner zwiespältigen Natur in der geadelten Stilisierung seiner Schöpfungen mitteilt…» erfährt man da etwa, und «…Die Ethik eines Künstlers – auf Grund seiner religiösen Gesinnung und philosophischen Einstellung – spricht sich als Kerngehalt seines Schaffens, am deutlichsten aus in der Art seiner Stellungnahme zum Konflikt: Wirklichkeit – ersehnte Welt…» («Die Musik», XVI/8, S. 541) Die folgende, sehr detaillierte Auflistung bedeutender Persönlichkeiten des schweizerischen Musiklebens erwähnt genau eine Frau, die brillante Geigerin Stefi Geyer – nicht als Künstlerin, sondern lediglich in ihrer Eigenschaft als Ehefrau von Walter Schulthess. Doch kann Kelterborns Darstellung nur Anlass für die verzweifelten Worte Laura Kupferschmids gewesen sein, die Gründe dafür liegen wohl tiefer. Versucht man ihnen nachzugehen, stösst man auf dieselben Schwierigkeiten, denen man beim Recherchieren von Frauenschicksalen immer und immer wieder begegnet: Sie sind nicht oder nur zufälligerweise und spärlich dokumentiert. So bleiben die Ereignisse Mitte der zwanziger Jahre, die Laura Kupferschmid zu ihrem Aufschrei veranlasst haben, wohl für immer im Dunkeln. Sie selber sprach in späteren Jahren nie über ihre Vergangenheit. Doch vermutet auch ihre Schwiegertochter, dass da etwas war, «das sie aus der Bahn geworfen habe». Vom Zeitpunkt des Erscheinens der Schrift an findet sich kein Inserat ihrer «Schule für künstlerisches Klavierspiel» mehr. Er scheint ihren endgültigen Rückzug aus dem öffentlichen Leben zu markieren.

Schrullige Rituale

Wieviel Schuld am Scheitern dieser hochintelligenten und künstlerisch originellen Frau ihre Umgebung tatsächlich trifft, ist schwer zu entscheiden. Auch eine vererbte psychische Labilität mag eine wichtige Rolle gespielt haben. Aufs Alter hin verbittert und vereinsamt, wurde Laura Kupferschmid zunehmend schwieriger im Umgang. Auf der Strasse pflegte sie die Leute anzuspucken; das Familienleben muss von ihren Schrullen stark geprägt worden sein. Ihre Schwiegertochter schildert etwa die Essensrituale: Zuerst kochte sich der Vater etwas, dann Laura selber, dann der Sohn, zuletzt sei der Vater abwaschen gegangen. Ihr Gatte – von dem die Schwiertochter überzeugt ist, dass er «seine Laura bis zuletzt geliebt hat» – mischte sich nicht in ihre Belange; man liess sich gegenseitig leben. Laura Kupferschmids Mann starb bereits 1940. Sie selber lebte lange Zeit noch an der Optingenstrasse 6. Die letzten Jahre verbrachte sie im Altersheim Sonnrain in Oberdiessbach. 1953, etwa acht Tage, bevor sie starb, erklärte der Heimleiter dem Sohn, er könne sie nicht länger behalten, «sie schreie so, dass immer wieder Reklamationen aus dem Dorfe kämen». (wb)

 

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