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Filmmusik im europäischen Arthouse-Kino

30.01.2009 — An einem Workshop des Forums Filmmusik hat der Regisseur Felix Tissi mit Studierenden Ausschnitte aus seinen früheren Filmen neu vertont. Im Codex-flores-Interview gibt er Auskunft über das Verhältnis von Regie und Musik, den Alltag des Filmmusikers und die Wandlungen des Arthouse-Kinos im digitalen Zeitalter.

 

30.01.2009 — An einem Workshop des Forums Filmmusik hat der Regisseur Felix Tissi mit Studierenden Ausschnitte aus seinen früheren Filmen neu vertont. Im Codex-flores-Interview gibt er Auskunft über das Verhältnis von Regie und Musik, den Alltag des Filmmusikers und die Wandlungen des Arthouse-Kinos im digitalen Zeitalter.

Codex flores: Sie haben im Rahmen der Solothurner Filmtage intensiv mit Filmmusik-Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste gearbeitet. Diese haben kurze Ausschnitte aus einigen Ihrer Filme neu vertont und die Vertonungen zur Diskussion gestellt. Wie detailliert waren Ihre Vorgaben?
Felix Tissi: Ich habe den Inhalt des Filmes, von dem die Studierenden nur Ausschnitte erhielten, für sie zusammengefasst. Mit Blick auf die zu vertonenden Szenen habe ich umschrieben, was für eine Art von Musik ich mir vorstelle. Damit waren Anhaltspunkte da, allerdings sehr wenige. Die Situation hat natürlich nicht der Realität einer echten Filmproduktion entsprochen. Der Musiker hat bei einer solchen viel mehr Information, bevor er überhaupt die ersten Töne sucht.

Und wie haben Sie die Arbeit mit den Studierenden erlebt?
Für mich war sie anstrengend, weil ich mich bei jeder neuen Variante, die da vorgeführt wurde, auf etwas Neues einstellen und gleich sofort etwas dazu sagen musste. Ich habe versucht, mir nicht schon während des Abspielens der Beispiele eine Meinung zu bilden. Ich hätte dann nicht mehr offen hingehört. Dann ist aber das Licht angegangen, und alle haben darauf gewartet, dass ich sofort etwas sage. Das hat mich schon ziemlich unter Druck gesetzt.

Sie hatten ja auch das Original noch präsent.
Das ist richtig, ich musste auch Abschied nehmen von meiner eigenen Version. Das hat sehr viel Umdenken gebraucht. Auf der andern Seite waren die drei Tage aber auch sehr anregend. Es ist natürlich toll, wenn da Nachwuchskünstler Ausschnitte der eigenen Filme noch mal neu vertonen. Da sieht man plötzlich, wie man es auch hätte machen können. Ich habe also auch etwas gelernt dabei.

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Die Weblinks
Webseite von Felix Tissi:
www.felixtissi.ch
Forum Filmmusik:
www.forumfilmmusik.ch
Solothurner Filmtage:
www.solothurnerfilmtage.ch
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Wie schätzen sie die Arbeiten der Studierenden ein. Haben Sie dem entsprochen, was man in realen Produktionen auch zu hören bekommt?
Es war für mich eine Werkstattsituation. In der Realität läuft es bestimmt nicht so wie wir das hier gemacht haben. Man kann deshalb kaum einen Vergleich ziehen.

Sie konnten sich die Musiker ja auch nicht aussuchen.
Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn ich eine Idee habe zu einem Film, dann versuche ich, die richtige Musik dazu zu finden, genauso wie ich einen Hauptdarsteller caste. Ich weiss, welche Musik derjenige macht, den ich anfrage. Hier war das anders. Die Workshop-Teilnehmer wussten zwar ungefähr, was ich für Bilder mache. Ich wiederum hatte keine Ahnung, wo sie musikalisch herkommen und wusste deshalb auch nicht, wo ich sie abholen musste. Hätte ich mit ihnen – musikalisch gesprochen – griechisch, finnisch oder portugiesisch sprechen sollen? Eigentlich ginge die Arbeit jetzt erst richtig los, nachdem ich mir aufgrund der ersten Vorschläge ein Bild machen konnte.

Wären die Vorschläge für eine Weiterarbeit vielversprechend?
Ich könnte keinen dieser Vorschläge eins zu eins in den betreffenden Film übernehmen. Wir hätten jetzt ein Diskussionsgrundlage, aufgrund derer wir weitere Ideen entwickeln könnten.

Wie würden Sie das handwerkliche und ästhetische Niveau der Absolventen einschätzen?
Ich war positiv überrascht. Das Handwerkliche kann ich eigentlich nicht beurteilen, weil ich nicht Musiker bin, da gibt es kompetentere Leute. Die ästhetischen Ansätze habe ich aber sehr interessant gefunden.

«Es nützt nichts, wenn man in einem Casting ständig auf den zweiten bis fünften Rang kommt. Lieber mal der Fünfundzwanzigste sein, dafür aber auch mal der Erste.»

Was könnte man den Absolventen raten, die einen Weg in die Industrie suchen?
Man hört immer wieder, die Filmmusikstudierenden müssten möglichst alles können und beliebige Wünsche des Produzenten zu erfüllen in der Lage sein. Ich glaube nicht, dass dies der richtige Weg ist. Ich habe das Gefühl, Studierende, die diesen Weg verfolgen, machen am Schluss alles auf befriedigendem Niveau, ohne auf einem Gebiet wirklich Spitzenqualität zu erreichen. In den drei Tagen habe ich vielmehr versucht, den Leuten Mut zu machen, sich selber zu sein. Es macht nämlich auch keinen Spass mehr, wenn man sich selber immer verleugnen muss, und man kommt vor allem nicht zu Höchstleistungen.

Man macht ja auch nur Filmmusik und nicht autonome Kunst.
Um das geht es nicht. Es nützt einem Musiker nichts, wenn er in einem Musikkomponisten-«Casting» ständig auf den ehrenvollen zweiten bis fünften Rang kommt. Lieber mal der Fünfundzwanzigste sein, dafür aber auch mal der Erste. Von mir aus gesehen muss ein Filmmusikkomponist eben nicht alles können. Wenn ich als Regisseur oder Produzent das Genre oder den Stil wechseln will, dann suche ich mir lieber den Spezialisten, mit dem die Zusammenarbeit ideal ist.

Das heisst, wenn ein Regisseur einen bestimmten Ton sucht, dann muss klar sein, es muss eben gerade der Musiker sein und kann kein anderer sein.
Genau.

Das heisst, er muss nicht sozusagen auf Knopfdruck in einem beliebigen Stil Musik abliefern können?
Im Gegensatz zum Theater werden im Film Typen besetzt. Ein Theater hat ein Ensemble, in dem eine vierzigjährige Schaupielerin genausogut eine achtzigjährige Frau wie ein sechzehnjähriges Mädchen spielen können sollte. Im Film ist das anders. Da sucht man die achtzigjährige Frau oder das sechzehnjährige Mädchen. Bei der Musik ist es dasselbe. Man wählt sehr punktuell jemanden aus. Es macht keinen Sinn, von jemandem zu verlangen, Hardrock zu produzieren. der Minimalmusic macht. Wenn ich Hardrock will, dann suche ich mir eine Hardrockband. Es ist ja auch erlaubt, zwei, drei verschiedene Komponisten für einen Film zu haben, wenn es in einem Film so viele verschiedene Stile braucht.

Es wird auch darauf ankommen, ob es sich um eine Fernsehserie handelt oder um eine Arthouse-Produktion.
Ich habe nie eine Fernsehserie gemacht. Aber ich gehe davon aus, dass sich das sehr unterscheidet. Mit einer Fernsehserie versucht man, ein bestimmtes Publikum zu bedienen. Ich mache eine ganz andere Art Film. Und diese Art verlangt nach einer anderen Art von Musik.

Nur die wenigsten schaffen den Einstieg in die Industrie

Mit Spitzenleistungen tun sich Schweizer Künstler aber eher schwer. Man hat den Eindruck, dass sie auf der Ebene des Experimentierens, des Unfertigen, des Suchen, des Regelbrechens und Neue-Wege-beschreitens sehr kreativ und originell sind und einen starken Willen haben, den eigenen Ausdruck zu finden. Das scheint mir auch in dem Kurs zum Ausdruck gekommen zu sein. Die Teilnehmer haben gerne die Regeln gebrochen, sich über Anweisungen hinweggesetzt oder gar ungerührt zugegeben, sie hätten diese nicht gelesen oder wären daran gar nicht interessiert gewesen.
Das muss nicht schlecht sein.

Allerdings fehlt auf der anderen Seite etwas der Wille, noch eine Stufe höher zu kommen und den neuen Weg bis zur Exzellenz zu beschreiten. Schweizer Künstler geben sich gerne mit dem ganz Guten zufrieden und stossen nicht mehr zum ästhetisch wirklich Ausgereiften, Zwingenden, das heisst zur Spitzenleistung, vor.
Das kann ich nicht beurteilen, das mag so sein. Das kommt wahrscheinlich auch sehr auf den Einzelnen darauf an. Die Klasse dieses Workshops war ja auch sehr heterogen. Bei einigen hatte ich schon das Gefühl, die wollen wirklich die bestmögliche Arbeit abliefern.

Und werden sie es auch schaffen?
Wir dürfen uns da nichts vormachen. Das waren jetzt vielleicht zwanzig Leute.Wenn’s von denen einer schafft, sich einen Namen zu machen, das heisst sich zu entfalten und in das Berufsfeld hineinzukommen, dann ist das schon viel.

Wann kommt der Musiker beim Filmproduzieren bei einer realen Produktion ins Spiel?
Ich persönlich hätte den Musiker am liebsten die ganze Zeit dabei. Das geht aber nicht. Wenn eine Produktion drei Jahre dauert, ist das nicht realistisch. Am liebsten wäre mir, ich wüsste schon bei den Dreharbeiten, wie die Musik dazu klingen würde. Es kommt manchmal vor, dass ich mir eine Kassette zusammenstelle, das muss nicht zwingend Musik von dem Komponisten sein, aber solche, die die Atmosphäre des Filmes trifft. Wenn ich dann nach dem Drehen mit dem Schnitt beginne, dann bin ich froh, die Musik möglichst schnell zu haben. Ohne Musik kann ich eigentlich kaum schneiden.

Die Musik beeinflusst also auch den Schnitt.
Das ist natürlich so. Man muss aber sehr gut planen, wann der Musiker hinzugenommen wird. Man kann zum Schneiden zunächst auch einfach mal musikalische Skizzen entwerfen. So habe ich das im letzten Film etwa mit dem Bassisten Mich Gerber gemacht. Er hat eine Skizze gemacht, die ich für den Schnitt verwendet habe. Nachdem auf Basis der Skizze das Bild die definitive Form bekam, spielte Mich eine definitive Version der Musik ein. Man kann einen Musiker bei einer Produktion in aller Regel nicht über die ganze Schnittphase hinweg bei der Stange halten. Der hat auch wieder andere Verpflichtungen. Da besteht dann aber die Gefahr, dass er beim Endschnitt keinen Einfluss mehr hat.

Der Musiker ist wie ein weiterer Schauspieler

Bekommt der Musiker das Drehbuch oder sieht er einen Rohschnitt oder hat er eine Erzählung des Regisseurs, wenn er erste Entwürfe macht?
Ich finde es sinnvoll, wenn er kein Drehbuch hat. Ich gebe ihm eine roh geschnittene Version des Filmes, die er wann und wie oft er will anschauen kann, auch nur ausschnittweise, um die Bilder und den Ton einfach mal wirken zu lassen. Er komponiert dann also noch gar nicht auf Szenen hin, sondern geht einfach mal assoziativ an die Sache heran.

Wieviel eines Budgets für einen Film fliesst in die Musik?
Zwischen fünf und zehn Prozent würde ich sagen. Fünf Prozent sind wahrscheinlich realistischer.

«Ich selber wähle den Komponisten gleich, wie den Schauspieler einer Hauptrolle. Auch die Schauspieler haben letzten Endes keinen Einfluss mehr darauf, wie ich den Film schneide.»


Das wird auch darauf ankommen, wie aufwendig die Musikproduktion wird und wieviele Musiker involviert sind.
Sicher. Aber Budgetgrösse spielt auch eine Rolle. Bei einem teuren Film wird die Musik im Verhältnis weniger kosten als bei einem billigen.

Die digitale Musikproduktion hat die Kosten sicher auch gesenkt.
Man ist durch sie flexibler geworden. Man kann viel besser einfach mal etwas intuitiv skizzieren. Das kann auch einfach mal eine Idee sein, ein gewisser Atem, der den Bildschnitt beeinflussen könnte.

Die Studierenden haben am Rande des Workshops auch immer wieder diskutiert, wer über die Musik bestimmt und ob der Komponist auf seinen eigenen künstlerischen Beitrag zu einem Film bestehen kann oder ob er einfach ein Dienstleister ist. Was geschieht, wenn der Komponist auf einer musikalischen Idee besteht, die der Regisseur ablehnt?
Dann hat man ein Problem. Deswegen ist schon die Wahl des Musikers etwas ganz Entscheidendes. Ich selber wähle den Komponisten gleich, wie den Schauspieler einer Hauptrolle. Auch die Schauspieler haben letzten Endes keinen Einfluss mehr darauf, wie ich den Film schneide. Auch den Musikern ist irgend einmal die letzte Entscheidung entzogen. Der Regisseur hat das letzte Wort.

Sie wählen auch Musiker, die nicht vom Film her kommen.
Das ist richtig. Der Bassist Mich Gerber oder Büne Huber von Patent Ochsner zum Beispiel, mit denen ich gearbeitet habe, sind keine Filmprofis. Ich bin mit ihnen befreundet und sie machen die Art von Musik, die ich mir für die jeweilige Aufgabe vorgestellt habe.

Welche vertraglichen Abmachungen trifft man mit den Musikern?
Ich habe weder mit Büne Huber noch mit Mich Gerber je einen Vertrag abgeschlossen. Wegen einer kurzen Filmsequenz setzen wir unsere Freundschaft ja auch nicht aufs Spiel. Das ist dann auch ein Frage des gegenseitigen Vertrauens, wie man miteinander umgeht.

Wenn es dennoch rechtlich hart auf hart gehen sollte, wie löst man das?
Das weiss ich nicht. Bei mir ist es Gottseidank noch nie so weit gekommen, dass solche Fragen zu einem Rechtsstreit geführt hätten. Aber wenn es wirklich so weit kommt, dann ist sicher auch der Produzent noch herbeizuziehen, zuerst sicher mal im schlichtenden Sinn.

Im Filmgeschäft muss man gut zuhören können

Was für Eigenschaften sollte ein guter Filmmusikkomponist im Allgemeinen haben?
In erster Linie muss er fähig sein, zu kommunizieren. Es ist ja ein Dialog. Er sollte seine Bedürfnisse äussern können, aber auch die Regiebedürfnisse wahrnehmen. Er muss zuhören und sich artikulieren können. Die Kommunikation halte ich für etwas vom Wichtigsten.

«In Hollywood trägt die Musik dazu bei, dass im Saal in jedem Moment alle gleich empfinden. Der europäische Film will etwas anderes bewirken.»

Mit der Verbreitung von Homestudios, die auf Hobbybasis oder semiprofessionell auch Filmvertonungen erlauben, ist die Basis an Musikern, die mit den Basistechniken der Filmvertonung vertraut sind, viel breiter geworden. Spürt man etwas von dieser Popularisierung in der Kunstfilmproduktion?
Im Endeffekt hat sich gar nicht so viel geändert, weil man ja doch nur einen Filmkomponisten hat. Ob man den jetzt aus zwanzig oder aus zweihundert Leuten ausliest, ändert an der eigentlichen Arbeit kaum etwas.

Spürt man auch Einflüsse von andern Neuen Medien, Computerspielen etwa?
Natürlich wächst eine neue Generation heran, für die Klingeltöne vielleicht einmal das ist, was für uns Bob Dylan war.

Schwer vorstellbar.
Schwer vorstellbar, aber realistisch. Und das hat natürlich nicht nur bei den Komponisten einen Einfluss, sondern auch beim Publikum. Die Ästhetik verändert sich ja nicht nur bei den Machern, sondern auch beim Publikum. Musik hat auch sehr viel mit Mode zu tun. Genauso wie Film eigentlich auch. Im Grunde genommen arbeiten wir in der Modeindustrie. Und da gibt es zeitgemässe Musik, zeitgemässe Filme, die in ihrer Zeit beheimatet sind.

Gehen Sie da auch als Arthouse-Cinéast mit der Mode?
Ich wachse da langsam raus, rein altersmässig. Ich bin nicht mehr am Puls dieser Zeit, also nicht mehr in der gleichen Lebenssituation wie das Kinopublikum aus Zwanzigjährigen. Ich bin deshalb auch nicht mehr so auf dem Laufenden, was da alles kommt an Entwicklungen und technischen Innovationen. Das überlasse ich heute den Jungen.

Fühlen Sie sich von der Hollywood-Ästhetik aber nicht etwas an den Rand gedrängt?
Absolut. In meiner Filmbiografie gibt es da allerdings zwei gegenläufige Entwicklungen. Seit es den deutsch-französischen Kulturkanal Arte gibt, geht es mir deutlich besser. Das ist einerseits eine neue Finanzierungsquelle, andererseits ein neues Publikum. Da tut sich ein neuer Markt auf. Auf der andern Seite scheint sich auch im Schweizer Film etwas eher in Richtung Mainstream zu verengen.

Unterschiede zwischen Hollywood und dem europäischen Film

Da kommt so eine internationale Glamour-Ästhetik rein, wenn man etwa an Erfolge wie Michael Steiners «Grounding» denkt.
Natürlich. Auch Ansprüche. Man glaubt, das Publikum nur noch so erreichen zu können. Ich mache da ein Fragezeichen dahinter, ob das wirklich grundsätzlich stimmt. Es gibt aber doch einen Unterschied zwischen Filmen, die das Publikum bedienen wollen und dem Arthouse. Er hängt auch mit dem Verständnis zusammen, das man vom Publikum hat.

Zeigen sich die Unterschiede auch in der Filmmusik?
Sicher. In Hollywood-Produktionen trägt die Musik sehr viel dazu bei, dass der ganze Saal in jedem Moment das gleiche empfindet und denkt. Das hat mit der Masse zu tun. Der europäische Film will etwas anderes bewirken. Wir haben auch andere kulturelle Wurzeln. Man denke an Dr. Jekyll and Mr. Hyde oder Faust und Mephisto, diese zwei Seelen ach in der Brust. Das ist bei uns Europäern ganz tief verankert. Das schlägt sich meines Erachtens auch in den Filmen nieder und auch in der Filmmusik, mit der man eher den einzelnen Zuschauer ansprechen will. Natürlich wünscht man sich, dass da lauter Einzelne sitzen, aber man hat da wie ein anderes Verständnis von Publikum, wie ein anderes Verständnis von Masse. Das hat natürlich Einfluss auf die Filmmusik, ob ich mit ihr einen manipulativen Sog erzeugen will oder ob ich mit der Musik auch Freiräume schaffe für eigene individuelle Interpretationen. Letzteres halte ich für etwas sehr Europäisches. Etwas für das europäische Kino Typisches.

Mit Arte sind wir auch bei der Internationalisierung. Man hat den Eindruck, das ganze Filmgeschäft internationalisiert sich sehr.
Die ganze Welt globalisiert sich ja. Das hat auch Vorteile. Es kann sein, dass ich kaum Freunde in der Schweiz habe, und dafür Kontakte in Griechenland und Schottland. Arte ist so eine Möglichkeit, sich geografisch auszuweiten. Das hat aber wie alles auch einen Nachteil, nämlich dass wir mit unserem eigenen Nachbarn nicht mehr reden. So geht es mir mit meinen Filmen. In der Schweiz habe ich bloss ein kleines Publikum. Dieses kleine Publikum gibt es auch anderswo Diese kleinen verstreuten Zuschauergemeinden summieren sich dann doch zu einer grösseren, geografisch aber nicht mehr lokalisierbaren.

An den Musikhochschulen fliessen zudem die Ausbildungen von Klassik, Jazz und Pop zusammen. Und diese wiederum werden mit den andern Künsten zusammengelegt, mit Theater, Film, Design. Wirkt sich das auf die Filmproduktion aus?
Ich könnte mir das schon vorstellen. Grundsätzlich stellt eine Filmproduktion aber einfach gewisse Anforderungen. Man braucht Techniker, Kameramann, Tonmann, Grafiker, Musiker, das war früher nicht anders. Im Arbeitsprozess braucht man einfach Leute, die Anforderungen erfüllen, welches Studium sie absolviert haben, ist nicht so entscheidend. Die Aufgaben haben sich eigentlich nicht verändert, sie sind dieselben geblieben.

Welchen Einfluss hat die Trash-Ästhetik, die heute vor allem durch das Privatfernsehen die Populärkultur prägt.
Nicht nur durch das Privatfernsehen. Wir haben diese Trash-Ästhetik auch in der Internet-Plattform Youtube, auf der alle Videos publizieren können. Es ist sehr interessant zu beobachten, was da jetzt passiert. Da beginnt etwas auseinanderzuklaffen, auf der einen Seite sehen wir hochkünstliche, technisch brillante und durchgestylte Filme, die mit sehr viel Aufwand gemacht werden, auf der andern Seite eine neue Nische, eine Art Youtube-Ästhetik, die die jungen Leute auch als solche erkennen. Sie stören sich auch nicht mehr daran, wie wir das vielleicht noch gemacht hätten. Dadurch kommen jetzt solche Trashfilme möglicherweise auch in die Kinos. Das finde ich ganz toll. Es demokratisiert das Medium.

Youtube verändert die Wahrnehmung der Kinogänger

Durch die Youtube-Ästhetik geht aber möglicherweise das Bewusstsein für die Einzigartigkeit eines Werkes verloren. Dies kann auch für die Musik Konsequenzen haben. Beim Youtube-Konsum steht das Erlebnis im Vordergrund. Wer oder was hinter einem Clip oder einer Produktion steht, wird von den Konsumenten gar nicht mehr wahrgenommen. Das Bewusstsein für Musikgeschichte geht verloren, alles wird anonym und beliebig.
Das ist jetzt negativ formuliert. Wenn man es positiv sieht, dann kann man sagen, es geht zwar das Bewusstsein für die Musikgeschichte verloren, die Musikproduktion demokratisiert sich aber. Und wieviel Janis Joplin von Musikgeschichte wusste, ist ja auch offen. Musikgeschichte geschrieben hat aber auch sie.

Wie behauptet man sich als Arthouse-Filmer in dieser Masse?
Das frage ich mich auch immer wieder. Man braucht viel Glück. Es gibt tatsächlich enorm viele Filme, wenn man etwa den Katalog der Filmtage hier in Solothurn anschaut, ist das ja enorm. Ich hatte jetzt einfach das Glück, dass ich in den vergangenen dreissig Jahren einen Film nach dem andern machen konnte.

Im Schweizer Film hat sich das Interesse etwas geändert. Nach 1968 standen Sozialkritisches und die Auseinandersetzung mit der Schweiz stark im Vordergund. Heute ist der Blick weiter geworden.
Auch der Schweizer Film hat sich globalisiert. Wir sind keine Insel, die Welt hat sich verändert und der Schweizer Film spiegelt das auch wider. Wenn man das positiv formuliert, kann man sagen, wir tragen das Bild der Schweiz in die Welt hinaus, bringen aber auch gleichzeitig wieder Bilder der Welt in die Schweiz zurück. Ich finde es klasse, dass das so geht. Primär sind wir ja Filmer und an zweiter Stelle sind wir Schweizer. Dafür dass wir Schweizer sind, können wir nichts, wir sind halt hier geboren. Aber dafür, dass wir Filmer sind, können wir sehr wohl etwas, das war unsere Entscheidung. Dass wir uns da auch mit Kollegen in andern Ländern verbinden, ist ja eigentlich gut. (wb)

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