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Wenn Klassik und Pop sich finden

06.02.2013 — Pop-Klassik-Produktionen boomen. Für die einen sind sie künstlerische Verwirklichung, für andere musikalisches Experimentierfeld. Vor allem aber sind sie eins: Spiegelbild unserer Zeit.

 

06.02.2013 — Pop-Klassik-Produktionen boomen. Für die einen sind sie künstlerische Verwirklichung, für andere musikalisches Experimentierfeld. Vor allem aber sind sie eins: Spiegelbild unserer Zeit.

Es ist Samstagabend, und der Konzertsaal des Zürcher Kaufleutens ist wie üblich gut besucht: Man steht an der Bar, bestellt Weisswein, oder sitzt bereits am Platz und unterhält sich mit seiner Begleitung – heute ist gestuhlt. Das Licht wird gedämpft, das Stimmengewirr verebbt und auf die Bühne tritt Heidi Happy mit ihrer Band. Und zudem: zehn Streicher des Zürcher Kammerorchesters.

Die Musik spielt irgendwo zwischen Pop, Country und Singer-Songwriter, lässt sich aber keiner Kategorie eindeutig unterordnen – eher sind es einzelne Elemente verschiedener Stilrichtungen, die in den Songs zu einem stimmungsvollen Ganzen zusammenfinden. Die Streicher im Hintergrund verleihen der Musik zusätzliche Tiefe und runden das Klangbild ab.

Violinen und Celli im Zürcher Szene-Club sind ungewohnt, doch die Streicher fügen sich so nahtlos ins Bild des rot drapierten Saals, als gehörten sie zum Inventar. Trotzdem drängt sich die Frage auf: Wie kommen eine Pop-Sängerin und ein klassisches Kammerorchester dazu, gemeinsame Sache zu machen?

Für Heidi Happy ist es nicht das erste Mal, dass sie mit einem klassischen Orchester Musik macht. «Ich hatte schon immer den Wunsch, einmal für ein Orchester zu komponieren» erzählt sie. Zu klassischer Musik hatte sie bereits als Kind Zugang, sie hat in ihrer Jugend selber Cello gespielt. Nachdem sie sich als Heidi Happy einen Namen gemacht hatte, erfüllte sie sich mit ihrem dritten Album einen langjährigen Traum: Für das 2011 erschienene Album «Hiding with the Wolves» schrieb sie sämtliche Songs für Band und Orchester, und spielte diese mit der Camerata Musica Luzern zusammen ein.

Mit «ZKO meets…» aus eingefahrenen Klassikritualen

Auch für das Zürcher Kammerorchester ist ein Konzert dieser Art keine Premiere. Im Gegenteil: Es ist im Rahmen seiner eigenen Reihe «ZKO meets…» entstanden, einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Kaufleuten Club Zürich. Dreimal pro Saison spielt hier das Zürcher Kammerorchester, zusammen mit einem nicht-klassischen Künstler. Das Programm soll eine neue Hörerschaft erschliessen. Denn Traditionsorchester haben – wie die Klassik allgemein – ein Problem: Ihre Besucherzahlen sind seit Jahrzehnten rückläufig.

Michael Bühler, Geschäftsführer des Zürcher Kammerorchesters, kennt die Tendenzen: «Das klassische Publikum ist überaltert, und die Jungen ziehen nicht nach». Doch wo liegt das Problem? Laut dem Bundesamt für Statistik hören die Schweizer nach Pop/Rock am liebsten klassische Musik – noch vor Jazz, Blues oder Techno. «Schuld, dass die Besucher immer weniger werden, ist nicht die Musik», erklärt Bühler. «Es ist die Art, wie sie präsentiert wird».

Die Form des klassischen Konzerts stammt aus dem Jahr 1850, geprägt durch das damalige Bildungsbürgertum, und hat sich seither kaum verändert: Die Rituale im Konzertsaal sind heute noch die Gleichen wie vor hundertfünfzig Jahren. «Klar hat das junge Publikum vor dem Konzertsaal Schwellenangst», so Bühler. Dazu kommt ein weiteres Problem: Während die Form des Konzerts bis heute in Stein gemeisselt geblieben ist, haben sich gleichzeitig die Gewohnheiten des Publikums grundlegend geändert.

Früher gehörte der regelmässige Konzertbesuch zum guten Ton, und dazu gehörte der Besitz eines Konzertabonnements. «Der Grossteil der Einnahmen klassischer Orchester stammte aus dem Erlös der Konzertabos» erklärt Bühler, «das Bedürfnis der Konsumenten hat sich in den letzten Jahrzehnten jedoch fundamental gewandelt. Die Nachfrage nach Konzertabos ist stetig zurückgegangen».

Das Internet hat das Ausgehverhalten revolutioniert

Auf der einen Seite ist das kulturelle Angebot im Laufe des 20. Jahrhunderts geradezu explodiert. Vor allem das Internet hat der Entwicklung Vorschub geleistet. Es hat kleinen Künstlern in sämtlichen Sparten als Plattform gedient, und sie sind so zur immer stärkeren Konkurrenz für etablierte Institutionen geworden. Auf der anderen Seite hat der technologische Fortschritt unseren Zugang zu Information revolutioniert, und dadurch unser Freizeitverhalten entscheidend beeinflusst.

Wichtigste Informationsquelle für Veranstaltungen ist heute nicht mehr das Kulturprogramm der Tageszeitung, sondern die App auf dem Smartphone, die uns ständig und überall mit den neusten Updates versorgt. Es ist zur Selbstverständlichkeit geworden, immer flexibel auswählen zu können: heute die Vernissage im Kunstmuseum, morgen das Jazz-Konzert im Volkshaus. Wenn der regelmässige Opernbesuch früher als Statussymbol gegolten hat, so ist heute hip, wer spontan ist, vielseitig interessiert und ständig weiss, was läuft. «Das Konzept des Konzertabos, welches zum regelmässigen Besuch eines Orchesters verpflichtet, ist nicht mehr mit den heutigen Bedürfnissen vereinbar. In der Klassik haben wir die Entwicklungen lange verschlafen – nun gilt es, auf die veränderte Nachfrage zu reagieren».

Michael Bühlers Rezept ist, das Publikum nicht als homogene Masse zu begreifen. Eher solle man verschiedene Zielgruppen direkt ansprechen: «Es ist wichtig, die verschiedenen Gruppen nicht zu vermischen. Die Chance, dass ein Besucher des Heidi Happy-Konzerts im Kaufleuten später für einen Anlass in die Tonhalle kommt, ist sehr gering», meint Bühler. Viel wichtiger sei es, die Leute überhaupt mit klassischer Musik in Kontakt zu bringen – nur so können bestehende Vorurteile abgebaut werden. «Während wir in der Klassik seit Jahren mit sinkenden Besucherzahlen kämpfen, sehen wir in der Popmusik einen wachsenden Markt. Den gilt es, zu erschliessen».

Crossover-Projekte boomen auch in der Schweiz

Doch besteht seitens der Popkünstler überhaupt das Bedürfnis, sich mit klassischer Musik abzugeben? Ja, antwortet Philipp Schnyder von Wartensee, Leiter des Migros-Kulturprozent-Festivals «M4Music». «In den letzten Jahren hat es einen regelrechten Boom des Zusammenspiels von Popmusikern mit klassischen Orchestern gegeben», so Schnyder. Die Gründe dafür sucht er aber nicht allein in Marketing-Überlegungen: «Angesichts der enormen Fülle an populärer Musik ist es für einen Künstler natürlich zentral, sich mit seiner Musik von der Masse abzuheben. Doch ich würde diesen strategischen Überlegungen auch nicht zuviel Gewicht einräumen. Für den einzelnen Musiker steht der künstlerische Anspruch sicher im Vordergrund».

Für die Labels, welche die CDs der Künstler produzieren, spielen wirtschaftliche Erwägungen jedoch durchaus eine Rolle. Die Flut von Crossover-Produktionen der letzten Jahre wäre ohne eine entsprechende Nachfrage danach nicht zu erklären. «Natürlich ist es für einen Fan sehr beeindruckend, wenn sein Lieblingskünstler mit einem ganzen Orchester zusammen auf der Bühne steht», meint Schnyder. «Seit 2010 hat die Begleitung von Popkonzerten durch klassische Orchester derart zugenommen, dass es zwar beeindruckend, jedoch oft nicht mehr wirklich originell ist.»

Unterschiedliche Budgets und Produktionskosten

Trotz den Erfolgen solcher Zusammenschlüsse gibt es auch Hürden für die Zusammenarbeit. Grösstes Hindernis: Orchester sind für viele Pop-Künstler zu teuer. «Orchester arbeiten oft mit grossen Budgets, die in der Poplandschaft schwerlich Platz haben. Hier können auch schon verhältnismässig kleine Beiträge eine grosse Hebelwirkung erzeugen», erklärt Schnyder.

Dasselbe Problem beschreibt auch Heidi Happy: «Natürlich würde ich gerne wieder mit Orchestern zusammenarbeiten» meint sie. «Doch dafür sind die meisten Orchester zu teuer und zu gross», womit sie einen weiteren Punkt trifft: Klassische Orchester sind logistische Ungetüme, nicht selten versammeln sie dreissig oder mehr Musiker auf der Bühne, und sind daher an den Konzertsaal als Veranstaltungsort gebunden – in einem Club, der vorwiegend Pop-Hörer anzieht, hat ein Orchester schlicht keinen Platz.

Michael Bühler sucht daher nach Wegen, den Anlass im Konzertsaal selbst lockerer zu gestalten. «Vielleicht kommen wir wieder auf eine Form zurück, wie sie vor 1850 existiert hat», überlegt Bühler. «Damals war das klassische Konzert vor allem ein Ort, wo man sich trifft, im Zentrum stand eher der soziale Austausch als das musikalische Erlebnis selbst. Mit der zunehmenden Individualisierung der Gesellschaft gewinnen Konzerte als Orte des sozialen Austauschs an Bedeutung».

Konzert als Plattform für soziale Kontakte

Das ZKO setzt diese Idee mit der «ZKO-Lounge» um: Nach dem rahmenüblichen Konzert in der Tonhalle werden die Besucher eingeladen, mit den Musikern des Orchesters anzustossen. So wird das Konzert neben dem musikalischen Erlebnis zur Plattform für soziale Kontakte. Die Analogie zur Popmusik ist augenfällig: Ein Popkonzert ist ein lockerer Anlass, man hört nicht nur der Band zu, sondern trinkt Bier und unterhält sich dabei. Ob solche Projekte zukunftsweisend sind, wird sich zeigen: Die ZKO-Lounge jedenfalls erfreut sich grosse Beliebtheit. Wie schnell dadurch junge Hörer in den Konzertsaal gezogen werden, bleibt eine andere Frage.

Für Michael Bühler ist dies jedoch kein Problem, da er ohnehin für die Trennung der verschiedenen Zielgruppen plädiert. «Als Kammerorchester haben wir den grossen Vorteil, dass wir auch in einem Club wie dem Kaufleuten Platz haben, hier können wir auch ein junges Publikum erreichen», meint Bühler, und fügt an, dass viele Besucher das ZKO gerade wegen seinem breiten Angebot schätzen.

Doch verliert das Orchester dadurch nicht an Profil? Wahrscheinlich schon. Doch trifft es damit den Zeitgeist: zur individuellen Verwirklichung gehört es, sich nicht über einen einzelnen Askpekt zu definieren, was sich auch im aussterbenden Konzertabo manifestiert. Michael Bühlers Strategie setzt genau hier an: Verschiedene Zielgruppen mit einem zugeschnittenen Angebot ansprechen, ohne dass es zwischen Ihnen eine Verbindung gibt. Auch Heidi Happy bewegt sich mit ihrer Musik zwischen verschiedenen Stilrichtungen – jedoch nicht, um sie zu trennen, sondern im Gegenteil um sie zu vereinen. (mm)

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