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Ästhetik des Einfalls

05.03.2005 — Als Hans Pfitzner Arnold Schönberg, den Erfinder der Zwölftonmusik,einmal einlud, in Strassburg ein Konzert mit eigenen Werken zu dirigieren, stellte dieser drei Bedingungen: Ein hohes Honorar, zahlreiche Proben – und die Garantie, dass das Publikum nicht lacht. Die dritte glaubte Pfitzner nicht erfüllen zu können: «Wie soll man garantieren, dass in einem Konzert nicht gelacht wird? Ich kann doch nicht hinter jeden Besucher einen Schutzmann stellen», war – laut dem Publizisten Ludwig Schrott – sein Kommentar.

Die Anekdote könnte allerdings ein falsches Bild vom Verhältnis zwischen den beiden Komponisten vermitteln. Nicht Schönberg war es in erster Linie, gegen den Pfitzner als Satiriker in den Kampf zog, gerade Schönberg war einer derjenigen, die ihm nach dem Zweiten Weltkrieg «für die Entnazifizierung glänzende und wirkungsvolle Zeugnisse schrieben» (Schrott). Und dennoch bestanden auch zwischen Pfitzner und der Wiener Schule grundlegende Unterschiede im ästhetischen Selbstverständnis. Unter Schönberg und seinen Schülern (von denen Berg überigens zwischen der Wahl Schönbergs und Pfitzners als Lehrer geschwankt hatte) herrschte die Meinung vor, Musik sei rational fassbar, Pfitzner hingegen erlangte nicht zuletzt wegen seiner beredt und kämpferisch vertretenen «Ästhetik des Einfalls» Berühmtheit. Das Wesen des Einfalls ist nach Pfitzeners Auffassung prinzipiell unanalysierbar; er ist eine aus dem direkten Kontakt mit dem Unbewussten geschöpfte Idee, die durch das Medium des Genies empfangen wird. Ein Massstab für diese Genialität der Erfindung ist nach Pfitzner die Tatsache, dass sie selbst lange Strecken von Musik als aus einem Guss geformt erscheinen lässt, für deren Verständnis es auch «eine gewisse Begabung des Aufnehmens, entsprechend der des Schaffens» braucht.

Pfitzners Musikauffassung läuft Gefahr, den Diskurs zu verunmöglichen: Wer entscheidet, wessen Empfindung genialisch ist? Wer beurteilt die «Begabung des Aufnehmens» eines Hörers? Wer bestimmt, wer was erlebt? Offensichtlich fehlen dazu die Argumente.

Mit der Einfallsästhetik geht die Überzeugung Pfitzners überein, dass einem musikalischen Werk eine ganz bestimmte Wahrheit innewohnt, von der man sich entfernen und der man sich nähern kann. Sie liess ihren Verfechter eine dezidiert konservative Interpretationslehre vertreten, deren Ideale er vor allem in der Kammermusik verwirklicht sah: «Der Anreiz aber, das Werk zu überwuchern, wird natürlich nur dann in voller Kraft sich geltend machen, wenn der Wiedergebende allein als verantwortlich zeichnet, wie es der Fall ist bei dem kassenbeherrschenden Bühnenstern, dem ’schöpferischen‘ Überdirigenten, dem Bühnenbildner mit ‚modernem Gestaltungswillen‘, dem Spielleiter ‚mit Ideen‘. Bei der Kammermusik findet am schönsten eine Art Verteilung dieser Verantwortung, eine ‚beschränkte Haftung‘ statt, mit ihr fällt die Sensationsverkrampfung des Einzelkünstlers fort.»

Berühmt geworden ist die Kontroverse zwischen dem Schönberg-Schüler Alban Berg und Pfitzner über die Analysierbarkeit von Schumann «Träumerei», auf die der schlechte Ruf zurückgeht, die der spröde Spätromantiker in gewissen Avantgardekreisen geniesst. Der junge Komponist Wolfgang Rihm erinnert sich in einem Vortrag («Zur Aktualität Pfitzners»): «So schalt Heinz-Klaus Metzger Luigi Nono einen seriellen ‚Pfitzner‘, als Nono nicht so froh im Avantgardeclub mitturnen mochte, wie er hätte sollen.» Im selben Vortrag weist Rihm jedoch auch darauf hin, dass trotz aller Neigung zur Analyse gerade Schönberg Pfitzners Einfallsmusik am konsequentesten entwickelt habe. Und er verweist auf die heutige Aktualität Pfitzners: «Der Einfall, das Einlassen auf den momentanen Impuls, das Vertrauen auf die Gefühlssicherheit ist gegenüber der systematischen Musikherbeiführung wesentlich aufgewertet. Durch Betonung der Einfallskunst wird heute ein progressiver Ort markiert, wird eine Haltung gegen die akademische Wiedergabe systematischer Raster eingenommen.» (wb)

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