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«Aida am Rhein» im Schweizer Fernsehen


03.10.2010 — Nach «La Traviata im Hauptbahnhof» in Zürich und «La Bohème im Hochhaus» in Bern präsentierte das Schweizer Fernsehen mit «Aida am Rhein» in Basel eine dritte und vorerst letzte Opern-Grossproduktion vor ungewöhnlicher Szenerie.

Die beiden vorangehenden waren auf grosses Echo gestossen, «La Bohème im Hochhaus» ist überdies gerade mit dem renommierten Fernsehpreis Goldene Rose ausgezeichnet worden. Wie im Fall von «Traviata» und «Bohème» ist die gleiche Oper zur Zeit im lokalen Opernhaus – diesmal dem Basler Theater, das soeben zum zweiten Mal in Serie zum «Opernhaus des Jahres» gewählt worden ist – auf dem Programm.

Die Indoor-Inszenierung des Skandalregisseurs Calixto Bieito ist allerdings ziemlich blutig und zeigt auf der Bühne viel nackte Haut. So hat der Basler Theater-Intendant Georges Delnon für die Fernsehfassung eine eigene Konzeption entwickelt, die Grundgedanken der Bieito-Fassung, eine Übertragung der Geschichte in die heutige Zeit und Querbezüge zu Themen wie Integration und Rassismus, übernimmt, ansonsten aber fürs Fernsehpublikum mehrheitsfähig sein sollte.

Die Akteure – Sänger, Chor und Orchester (Leitung: Gabriel Feltz) – entsprachen weitgehend der Premierenbesetzung der Theaterfassung. Wie in den vorangehenden Produktionen führte Sandra Studer als Moderatorin durch das Geschehen, und zum Schluss gab’s einen Aida-«Talk» mit Röbi Koller, dem Fussballtrainer Hanspeter Latour, dem Filmer Dani Levy, der Sängerin Maya Boog, die in «La Bohème» mitgewirkt hatte, und Setregisseur Georges Delnon: viel belangloser Smalltalk ohne kritische Untertöne und damit eine ziemlich überflüssige Sache.

Von allen drei Produktionen scheint «Aida am Rhein» die problematischste. Die Oper selber eignet sich weit weniger für ein solches Fernsehformat als die vorangehenden, musikalisch transparenteren und darstellerisch intimeren Dramen – auch die Basler «Aida» hatte ihre besten Momente in den feingezeichneten zwischenmenschlichen Konflikten, etwa dem Streit zwischen Aida und Amnersi in einem Hoteltreppenhaus, das an die Szenerie eines Escher-Vexierbildes erinnerte, oder der Auseinandersetzung Aidas mit ihrem Vater in einer düstern Ecke der Ufermauern.

Die für die Freiluftoper so typischen Massenszenen konnten sich in Wechsel zwischen Szenen im Grand-Hotel Les Trois Rois und Spielorten am Rheinufer und auf Schiffen hingegen nicht recht entfalten, da nützte auch nichts, dass allseits immer wieder die pathetische Geste des Arme-weit-Austreckens geübt wurde. Musikalisch zerfielen die wuchtigen Szenen teils in einem unbestimmbaren akustischen Brei, ohne dass vom Bild her einleuchtend gewesen wäre, weshalb hier Masse evoziert wird.

Zudem hatten die Solisten Angeles Blancas (Aida), Sergej Khomov (Radames), Michelle de Young (Amneris), Daniel Golossov (Ramfis) und Alfred Walker (Amonasro) offensichtlich mit der Kälte zu kämpfen; sie schöpften deshalb möglicherweise nicht ihr volles Stimmpotential aus.

Grand-Hotel-Szenerie, Halbwelt-Kostüme und Handlung fanden ebenfalls nicht zueinander. Die mächtigen Herren Radames und Ramfis erinnerten an halbseidene Zuhälter oder Mafiosi, die Kopftuch-bekleidete Unterschichten-Aida zündete sich auf dem Balkon völlig unpassend locker ein Zigarette an, die in Abendkleidern in Ledersofas vor sich hin dösende ägyptische Elite bildete einen betulichen Altherrenklub, dessen Kriegsruf eher widerstrebend als bedrohlich wirkte.

Schon fast skurril schliesslich die Szene der Übergabe des Schwertes: Ramfis ritzte Radames da lässig an einen Bartresen gelehnt mit einem Messer den Handteller, als gälte es, einen Drogendeal zu besiegeln. Auf dem Hotelbalkon schliesslich versammelte sich nach der Ankunft der Gefangenen unmotivierterweise viel Basler Polit- und Kulturprominenz.

Die Aussenszenen boten angesichts der nächtlichen Dunkelheit wenig Flussambiente, so machte denn das Licht die eigentliche Szenerie aus, mit Lichterketten, im Hintergrund aufgestellten Scheinwerfern, die Gegenlicht erzeugten, sogar die Schlussszene im eigentlich dunkel-trostlosen Verliess war wie die Tanzbühne eines Dorffestes ausgeleuchtet. Die Fernsehregie (Nadja Zonsarowa) schien der Umgebung auch nicht recht zu trauen: unruhig-fahrige und nicht dem Rhythmus der Szenen folgende Kamerafahrten und -schwenker provozierten immer wieder Ablenkungen.

Vielleicht ist es keine schlechte Idee, die Serie der Opernproduktionen vorerst zu beenden. Irgendwie kam der Eindruck auf, da sei etwas die Luft draussen und der Enthusiasmus etwas abgekühlt.

Siehe auch:
«Bohème im Hochhaus»
«La Traviata» im Zürcher Hauptbahnhof
(wb)

«Aida am Rhein», Freitag, 1. Oktober 2010, 20 Uhr, SF 1, TSR 2, RSI LA 2 und 3sat. In Koproduktion mit RTS, RSI, 3sat und ZDFtheaterkanal.

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