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Antonin Dvoráks Oper «Dimitrij»

01.04.2005 — Eduard Hanslick, als Kritiker regelmässig mit grobem Geschütz auffahrend, hatte eine empfindsame Seele. Der Beweis: In Antonin Dvoráks Oper «Dimitrij» wird Xenia, Boris Godunows Tochter, in den Kulissen erstochen; tödlich verwundet wankt sie auf die Bühne, ruft um Hilfe und stirbt. Hanslick, Dvorák wie auch dessen Förderer Brahms wohlgesinnt, fand das allzu krass und machte die Änderung des Librettos zur Bedingung für eine Aufführung der Oper in Wien.

Der Komponist, stets konziliant, gab nach, obwohl die beanstandete Szene im Rahmen der Handlung schlüssig ist. Die Librettistin Marie Cervinková-Riegrová (sie verfasste auch die Textbücher zu Dvoráks Opern «Der Jakobiner», 1888, und «Die Teufelskäthe», 1899) liess im zweiten Anlauf Xenia am Leben und ins Kloster eintreten. Dvorák vertonte die sanfte Szene. Hanslick, Ästhetik-Professor an der Wiener Universität, war beruhigt.

Die Entstehungsgeschichte von «Dimitrij» ist allerdings noch um einige Stationen reicher. Komponiert in den Jahren 1881 und 1882, uraufgeführt im Oktober 1882 im Neuen Tschechischen Theater in Prag, stand die Oper mit der oben erwähnten Modifikation ein Jahr später auf dem Programm des nach dem Grossbrand von 1881 wieder aufgebauten Prager Nationaltheaters.

Für eine geplante Münchner Aufführung überarbeitete und kürzte Dvorák die Partitur. Nach dieser 1. Fassung von 1886 folgte 1894 eine Revision, in welcher der Komponist auf das ursprüngliche Material zurückgriff. Für eine Wiedergabe in Pilsen 1904, Dvoráks Todesjahr, griff er die 1. Version auf und kombinierte sie im 3. Akt mit der 2. Fassung von 1894.

Nicht genug: Karel Kovarovic, Komponist und Opernchef des Prager Nationaltheaters, stellte aus beiden «Dimitrij»-Fassungen eine eigene gekürzte Version her, die lange Zeit erfolgreich war. Erst die neue kritische Edition der Oper, erstellt von Milan Pospísil, bringt alle zwischen 1882 und 1885 komponierte Musik zusammen, ausserdem jene Teile, die in der Uraufführung erklangen, aber nie publiziert wurden. Auf der Basis von Pospísils Edition bietet die vorliegende «Dimitrij»-Gesamtaufnahme unter Gerd Albrecht (der einige kleinere Streichungen vornahm …) nun erstmals das «gesamte» Werk.

Die Handlung (sie spielt 1605/06 in Moskau und basiert auf Schillers Demetrius-Fragment von 1805 und dem Schauspiel «Dimitrij Iwanowitsch» des Tschechen F. B. Mikovec) setzt dort ein, wo Mussorgskis «Boris Godunow» abbricht, und endet mit der Erschiessung Dimitrjis durch den Prinzen Schuiski (übrigens auf offener Bühne, was Hanslicks Zartgefühl jedoch nicht verletzt hat).

Während bei Puschkin Otrepjew ein Betrüger ist, stellt Schiller Demetrius als einen von der Legalität seines Thronanspruchs überzeugten Nachfolger Godunows dar, der erst im Lauf der Handlung erkennen muss, dass er als Instrument der polnischen Machtpolitik missbraucht wird. Dimitrij scheitert als Liebender zwischen zwei Frauen und als ethisch handelnder Zar zwischen russischen und polnischen Interessen. Das individuelle Drama ist verbunden mit dem kollektiven.

Antonin Dvorák ist mit «Dimitrij» eine Verbindung von grosser historischer Oper und Musikdrama gelungen, ein Werk, gleichermassen packend in der lyrischen Intensität wie in den dramatischen Verdichtungen (über tragische Abgründe sieht der Urmusikant Dvorák hinweg), mit scharf umrissenen Protagonisten und mächtigen Chören, mit melodisch-harmonischer Fülle und differenzierter Instrumentierung, die in der Regel die Singstimme(n) ausspart.

Die zu den Höhepunkten von Dvoráks Schaffen zählende vieraktige Oper liegt nun in einer werkdienlichen, künstlerisch inspirierten Einspielung vor, der ersten des «kompletten» Werks. Das dem Album beiliegende tschechische Libretto bringt adäquate Übersetzungen in Englisch und Französisch; die deutsche Version ist eine reimende schwülstige Nachdichtung, die den Qualitäten des originalen Textbuchs zuwiderläuft. (ws)

Antonin Dvorák: «Dimitrij». Grosse Oper in 4 Akten, op. 64. Libretto von Marie Cervinková-Riegrová. – Leo Marian Vodicka (Dimitrij), Magdaléna Hajóssyová (Marina, Dimitrijs Frau), Lívia Ághová (Xenia, Godunows Tochter), Peter Mikulás (Basmanov), Ivan Kusnjer (Schuiski) u.a. – Philharmonischer Chor Prag. Prager Radiochor. Tschechische Philharmonie. Leitung: Gerd Albrecht. (Supraphon SU 3793-2; 190’. Drei CDs mit Booklet und Libretto)

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