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Aufgeklärte Avantgarde

04.04.2005 — Seit jeher besteht eine Kluft zwischen dem guten Willen der politisch engagierten musikalischen Avantgarde und ihrer Kunst, die keine Breitenwirkung zu erzielen vermag. Der 1934 in Nizza geborene, in den USA lebende Komponist Christian Wolff formulierte das Dilemma 1984 so: «Zwei entgegengesetzte Positionen können beispielhaft gezeigt werden: die eine von Cornelius Cardew, der einseht, dass es keine politisch effektive Avantgarde-Kunst geben kann, und sein früheres (und ausgezeichnetes) Werk experimenteller Musik verwirft zugunsten von musikalischen Stilen, die entweder einer Volks- und Popular-Tradition oder den expressivsten Elementen romantischer Kunstmusik des neunzehnten Jahrhunderts verwandt sind; und die andere, von Luigi Nono, seit langer Zeit Mitglied und wichtiger Funktionär der italienischen Kommunistischen Partei, der in einer kompromisslos avancierten Weise komponiert und uneingeschränkten Gebrauch von seriellen Techniken und von der Elektronik macht.» (in S. P. Scher, «Literatur und Musik», Berlin, 1984)

In einer Antwort auf die Frage der Popularisierung Neuer Musik skizziert Wolff eine Art des Musizierens, die auch «Laien, Kinder, ältere Menschen oder arbeitende Leute» mitbeteiligt. Und er greift ein Grundproblem auf, mit dem die Verbindung aufklärerischer Arbeit und avantgardistischer Musik immer wieder zu kämpfen hat: Neue Musik will nicht nur die passive Emotionalität fördern, sondern Reflexionen provozieren. Tatsächlich bleibt es jedoch schwierig, avantgardistische Musik einem breiten Publikum als politisches und gesellschaftliches Ausdrucksmittel schmackhaft zu machen. Allerdings ist es nicht so, dass unterprivilegierte Bevölkerungsgruppen Musik nicht als Mittel des politischen Kampfes benutzen würden – ganz im Gegenteil. Nur ist es vor allem das anarchistische Potential der Klänge, die Möglichkeit, Kraft und Wut direkt in Ausdruck umzusetzen, die den entsprechenden Stil bestimmt: Punk, Reggae, Rap oder die neueren Formen der Videoclip-Generation artikulieren dezidiert (und wirksam) provokative soziale Botschaften.

Die Musik der präpostmodernen Avantgarde ist dazu weder zu komplex noch zu ungewohnt – sie spricht ganz einfach nicht die Gefühlssprache der Massen, vor allem der Jungen. Wolff ist sich des Problems bewusst. Im Zusammenhang mit einem seiner Werke, den für Frederic Rzewski geschriebenen «Accompainments» schreibt er: «Jedoch kann der experimentelle Charakter der Textvertonung einem gewissen Publikum einfach exzentrisch erscheinen, und schlimmer, der Text kann selbst lächerlich erscheinen. Es kann sein, dass da eine zu grosse Spannung oder ein Widerspruch zwischen dieser Art von Text und seiner Gestaltung ist.» Der Widerspruch, den Wolff spürt, dürfte wohl vor allem der Widerspruch sein zwischen den Gefühlswelten der «Massen» und den letztlich immer noch in abendländischer Bildungsbürgertradition wurzelnden «Avantgardisten».

Ganz ohne Wirkung ist die Avangarde aber nicht. Hört man sich moderne Pop- und Techno-Produktionen an, so gewinnt man den Eindruck, zahlreiche gestalterische Mittel seien der klassischen Avantgarde abgekupfert: Collagen, Spieltechniken, Geräuscheffekte und so weiter scheinen ohne die Experimente aus den fünfziger und sechziger Jahren, scheinen ohne Stockhausen, Kagel, Cage und so fort nicht denkbar. Darin liegt die Wirksamkeit der Avantgarde wohl (seit jeher) begründet: Im Entwickeln und Verfeinern neuer Formen des Ausdrucks. In der sukzessiven Ausweitung der Klangsprache beziehungsweise der Suche nach zeitgemässen Mitteln der Komposition. Eine Popularisierung ergibt sich ganz von selbst. Man prüft, befindet für gut: Die Subkultur, die Massenkultur adaptieren die neuen Materialien und laden sie mit ihren eigenen emotionellen Inhalten auf. So bleibt die Avantgarde was sie doch allzu gerne immer wieder nicht sein möchte: nicht unbedingt geistige, sicher aber funktionelle – grammatikalische – Elite. (wb)

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