05.10.2003 — Peter Sculthorpe stammt aus einem Land, dessen eigenständige musikalische Kultur hierzulande lange Zeit entweder unterschätzt oder ignoriert worden ist. Dies beruht – gerade was die Schweiz angeht – keineswegs auf Gegenseitigkeit. In seiner Biographie «sun music» windet Sculthorpe einem Schweizer Ensemble ein ungewöhnliches Kränzchen. Sein Werk «Tabuh Tabuhan» habe jahrelang an schlechten Aufführungen gelitten und er hätte es beinahe zurückgezogen, schreibt er. 1977 habe das Schweizer Pro Arte Quintett jedoch eine kongeniale Wiedergabe geboten, die ihn mit dem Stück versöhnt habe. Später hat es die australische Fluglinie Quantas sogar ins Programm ihres Inflight-Unterhaltungsprogrammes aufgenommen.
Die bei Chandos neu verlegte CD mit dem simplen Titel «Sculthorpe» vereint Werke für Streicher aus verschiedenen Jahrzehnten. Sie bietet damit einen guten Einblick ins faszinierende Universum des heute hochdekorierten Tonkünstlers vom fünften Kontinent.
Sculthorpes Ehrgeiz war es immer, eine Art australischen oder ostasiatischen Regionalstil zu entwickeln, der sich nicht primär als Weiterentwicklung oder Reverenz an die europäische Tradition versteht, sondern die Klangwelten seiner Heimat reflektiert. Darunter gehören neben der Musik der Aborigines, deren Sprache der Abkömmling europäischer Auswanderer spricht (er arbeitet sogar an einem entsprechenden Wörterbuch) auch die Gamelans von Java und Bali oder die Traditionen Japans. «Meine Musik wurde beeinflusst von den Konturen der Felsen und Berge, der Farben der Äste und Büsche und den Vogelgesängen», schreibt er in «sun music» (Seite 27). Den auffallend melancholischen Ausdruck vieler seiner Kompositionen führt Sculthorpe überdies auf das koloniale Erbe zurück. Den ersten Siedlern sei Australien sicherlich kauzig, monoton, steril und feindlich vorgekommen, meint er. Selbst Charles Darwin habe Bemerkungen über die desolate und schmucklose Erscheinung der Wälder gemacht.
Eine persönliche Eigenheit verstärkt die Schwerblütigkeit offensichtlich noch mehr: «Die Basslinie», verrät Sculthorpe, der sich während des Studiums intensiv dem Bassspiel zugewandt hatte, «wurde zu einem der wichtigsten Aspekte in meiner Musik. Sogar heute bietet sie sozusagen den Schlüssel zu den meisten meiner Stücke – selbst wenn sie bloss langsam einherschreiten.» In «sun music» geht Sculthorpe noch weiter: «Es gibt natürlich einige Charakteristiken in unserer Musik, die als australisch angesehen werden könnten. Einige Werke haben zum Beispiel eine spezielle Breite. Damit meine ich nicht die Dauer. Ich meine damit, dass in solcher Musik wenige Ereignisse stattfinden. Die vielleicht offensichtlichste Manifestation davon ist die sehr langsame Rate des harmonischen Wechsels, egal ob die Musik schnell oder langsam ist. (…) Ein weiteres Charakteristikum ist die Flachheit und Ausgedehntheit der melodischen Form. («sun music», Seite 199)
Schon der erste Akkord von «Irkanda IV» weckt laut Sculthorpe Assoziationen an Einsamkeit und Weite. Das Werk entstand unter dem Eindruck des Todes des Vaters. Es handelt sich um einen einzigen langsamen Satz, ein rituelles Klagelied, das sich kaum entwickelt, und schon gar nicht im Sinne der europäischen Ästhetik. Aus dem Klagegesang wachsen konstrastierende Teile heraus. Die Musik endet in einem «Schleier aus Wind, Meer und Sonne» («sun music», Seite 69).
Das reifste und geschlossenste Werk auf der CD ist m.E. die zweite Sonate für Streicher, ein Arrangement des neunten Streichquartettes aus dem Jahr 1975. Die Sonate nimmt laut Sculthorpe das Thema der einsamen Figur in Busch und Wüste Australiens auf. Die schnelleren Partien basieren auf Techniken, wie sie von den australischen Ureinwohnern beim Musizieren angewandt werden.
Richard Tognetti und das Australian Chamber Orchestra sind kongeniale Interpreten, die sich seit Jahren immer wieder in den Dienst der Musik Sculthorpes stellen. In «sun music» wird eine ihrer von der ABC (Australian Broadcasting Corporation) produzierte Aufnahme verschiedener Streicherwerke (unter anderem «Irkanda IV») aus dem Jahr 1996 als Referenz angeführt. Die Aufnahmen der aktuellen CD stammen aus dem Jahr 2001. (wb)
Peter Sculthorpe, Irkanda I, Irkanda IV, Lament, Second Sonata for strings, Cello Dreaming, Djilile, Australian Chamber Orchestra, Richard Tognetti (Violine, Leitung), Chandos, Chan 10063, 2003
Peter Biographie: «sun Music», ABC Books, Sydney 1999 (Übersetzung der Zitate: Codex flores)