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Benjamin Brittens Streichquartette

30.07.2005 — Aberhunderte respektabler Komponisten sind vergessen, die einen gewiss zu Recht, andere wohl zu Unrecht, und manche bleiben nur im Gedächtnis dank berühmten Kollegen, die Themen zitiert und zu Variationenreihen verarbeitet haben. Frank Bridge (1879–1941), der englische Komponist, Dirigent, Geiger und Bratschist, lebt namentlich – zumindest auf dem Kontinent – nicht dank seinen Werken weiter, sondern weil Britten die «Variations on a Theme by Frank Bridge» für Streichorchester (op. 10, 1937) geschrieben hat.

Bridge nahm den 12-jährigen Benjamin Britten als (seinen einzigen) Kompositionsschüler unter die Fittiche, betrachtete ihn als Adoptivsohn und lehrte ihn Grundlegendes: seriöses Handwerk, Klarheit, Disziplin und Selbstkritik. Während und noch nach seinen Studien bei John Ireland in London (1930–1933), holte sich Britten bei seinem ersten Kompositionslehrer, Freund und Mentor Rat und Anregung.

Selbstredend hat Bridge das Schaffen von Benjamin Britten (1913–1976) stark beeinflusst. Eine dieser Spuren ist in der Kammermusik zu finden. Bridge war als Geiger und Bratschist bereits während seines Musikstudiums Mitglied dreier Streichquartette. In späteren Jahren gehörte er ab 1903 bis Anfang der Zwanzigerjahre dem English String Quartet an (mit dem er 1904 Debussys Quartett zur britischen Erstaufführung brachte) und spielte 1906 aushilfsweise Viola im Joachim-Quartett. Kein Zufall, dass Frank Bridge mehrere Werke für diese Gattung geschrieben hat, die unter seinen komponierenden Landsleuten nicht mit auffallender Zuneigung behandelt wird. Mit Bridge (5 Streichquartette sowie eine Reihe freier Stücke) aufnehmen kann es nur noch Tippett (5 Streichquartette); es folgen – in Auswahl – Bax, Vaughan-Williams, Davies, Elgar, Arnold, Fricker, Walton, Cardew, Birtwistle, Ferneyhough, Alexander Goehr.

Es war wohl naheliegend für den jungen Britten unter Bridges Obhut, sich früh auch mit der Quartettkomposition auseinanderzusetzen. Allerdings: Alle drei grossen Quartette Brittens gehen auf Bestellungen bzw. eine Anregung zurück.

Aus dem Jahr 1931 stammt ein dreisätziges Quartett, drei Divertimenti schrieb der 20-Jährige 1933 (rev. 1936). Die amerikanische Musikmäzenin Elizabeth Sprague Coolidge bestellte bei Britten, der sich von 1939 bis 1942 in den USA aufhielt, ein Streichquartett. Das mit klanglichen Experimenten durchsetzte viersätzige Opus 25 (D-Dur) entstand innerhalb von zwei Monaten.

Auch das 2. Streichquartett C-Dur op. 36, 1945 kurz nach der fulminanten Uraufführung der Oper «Peter Grimes» komponiert, geht auf einen Auftrag zurück. Anlass war der 250. Todestag von Henry Purcell, dessen Werk Britten seinem eigenen Schaffen fruchtbar machte, nicht allein mit dem von ihm entliehenen Thema zu «The Young Person’s Guide to the Orchestra» (1945). Die Auseinandersetzung mit Purcell und dem Barockstil prägt das dreisätzige C-Dur-Quartett, mit besonderem Profil in der «Chacony», in dem Brittens Variationskunst den Bogen vom Barock bis in die Gegenwart spannt.

Das 3. Streichquartett op. 94 komponierte der schwerkranke Britten nach wiederholtem Drängen des Musikers und Autors Hans Keller 1975. Das fünfsätzige Werk, kurz nach dem Tod seines Schöpfers im Dezember 1976 durch das Amadeus-Quartett uraufgeführt, ist Brittens letztes und eines seiner kontrastreichsten, freiesten Kammermusikwerke.

Das 1994 in London gegründete Belcea Quartet (Corina Belcea, Laura Samuel, Krzysztof Chorzelski, Alasdair Tait), das sich mit Einspielungen von Schubert, Brahms, Ravel und Debussy in die erste Reihe der Nachwuchsensembles stellte, widmet sich mit herausragendem technischem Können und eminenter Musikalität und Gestaltungskraft den drei Britten-Quartetten. Das Album enthält zudem die drei frühen Divertimenti. (ws)

Benjamin Britten: String Quartets 1, 2 & 3. Three Divertimenti. Belcea Quartet.
(EMI Classics 5 57968 2; 2 CDs; 95’)

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