13.06.2011 — Das letzte Abo-Konzert der Saison des Berner Symphonieorchesters bot Gelegenheit zu einer ungewöhnlichen Hörerfahrung von Alban Bergs Klaviersonate op. 1. Mario Venzago liess sich als neuer Chefdirigent des Ensembles ästhetisch ein wenig in die Karten blicken. Der Abend warf aber auch die Frage auf, wie lange er tatsächlich in Bern bleiben wird.
Man könnte es schon fast als eine Art subtilen subversiven Akt bezeichnen: In seiner ersten Saison als neuer Chefdirigent des Berner Symphoniorchesters leitete Mario Venzago ein als programmatischer und ästhetischer Ausblick auf sein mögliches künftiges Wirken interpretierbares Programm mit einem französischen Schlüsselwerk, einer Sinfonie aus der deutschen Romantik – diese Klangwelten liegen ihm besonders am Herzen – und mit einer üppigen Orchestrierung des holländischen Komponisten Theo Verbey von Alban Bergs Klaviersonate op. 1. Aufgenommen hat Venzago die Bearbeitung bereits 2009 für das Label Chandos mit dem Gothenburg Symphony Orchestra.
Die Berg-Sonate markiert in verschiedener Hinsicht Übergänge: Sie kokettiert mit der Atonalität im Niemandsland zwischen postwagnerianischen Kühnheiten aus Quartenmelodik, Ganzton-Leiter und Chromatik sowie der im Kern angelegten Reihentechnik Schönbergs. Zudem diente sie als Bergs erste Abschlussarbeit seiner Ausbildung beim Erfinder der Dodekafonie.
Auch das Berner Symphonieorchester steht vor tiefgreifenden Veränderungen. Es muss sich nicht nur auf einen neuen Orchesterleiter einschwingen, sondern wird organisatorisch mit dem Stadttheater zusammengelegt. Die Fusion: ein durchaus schmerzhafter Prozess mit ungewissem Ausgang, der – vor allem was die sinfonische Arbeit angeht – unter möglicherweise schwierigeren Rahmenbedingungen als bis anhin weitergeführt wird; bislang war die absolute Musik das autonom bestimmte Hauptgeschäft des Ensembles.
Mit Stephan Märki, dem Noch-Generalintendanten des Deutschen Nationaltheaters Weimar, wird der neuen Organisation «Konzert Theater Bern» ein Direktor vorstehen, der bisher vor allem als Mann des Schauspiels, als Werber und Fotograf Profil gezeigt hat. Wie eng seine Beziehung zur autonomen Musikkultur sich gestalten wird, muss sich weisen.
Fast schon subversiv wirkte die Programmierung von Bergs Klaviersonate, weil sie nach dem berühmten Verdikt des Musikphilosophen Theodor W. Adorno Zeugnis der Meisterschaft seines Schöpfer in der Formung kleinster Übergänge ablegt. Die gewaltigen ästhetischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts zeigen sich hier bloss subtil, geschmeidig, sensibel, ja beiläufig. Das wünschte man sich auch für die Neugestaltung der Zukunft des Berner Orchesters.
Bemerkenswert war die Programmierung aber auch, weil kurz zuvor im Grossraum Bern eine weitere Instrumentierung der Klaviersonate als Schweizer Erstaufführung zur Kenntnis genommen werden konnte: Im Rahmen des Gaia Musikfestivals brachte das Grazioso-Kammerorchester der Ungarischen Philharmonie unter der Leitung von Gergely Madaras eine Fassung für Viola und Streichorchester von Leonid Hoffmann zu Gehör, mit dessen Sohn Ilya Hoffmann als Solist.
Der 1948 in Moskau geborene Leonid Hoffmann entstammt einer direkten Linie der Alban-Berg-Tradition (sofern man von einer solchen sprechen kann), war er doch Schüler des Berg-Zöglings Philip Herschkowitsch. Seine exzellente monochrome Orchestrierung des Stückes betont die expressiv-emphatischen Seiten des Werkes, auch mit der doppelten Zurückverweisung auf die Sonatenform: Die im 19. Jahrhundert fussenden Wurzeln des Werkes bekräftigt sie durch die ebenfalls dieser Epoche verpflichtete Solistenkonzert-Form.
Die Subtilitäten des bergschen Tonsatzes finden in der Umsetzung durch die klanglich und dynamisch ebenfalls «kleinster Übergange» fähiger Streichinstrumente stimmige Fürsprache; das ungarische Ensemble blieb der Arbeit aber auch nichts schuldig.
Fast schon als Schock mutete da Verbeys gänzlich anderer Zugang an – der nicht das Erbe des Werkes betont, sondern das in ihm angelegte modernistische Potential. Alleine die Holzbläser sind mit mehreren Flöten und Piccolo, zwei Oboen, Englischhorn, zwei A-Klarinetten, einer Bassklarinette, zwei Fagotti und Kontrafagott üppigst bestückt. Streicher, Schlagwerk, Harfe, Hörner, Trompeten, Posaunen und Tuba tun das ihre. Da türmen sich dann in der von Berg mit einem vierfachen Forte ausgezeichneten Stelle gegen Ende der Durchführung gewaltige Klangmassen auf.
Venzago, der mit der Partitur bestens vertraut ist, vermochte da das Berner Symphonieorchester zu einer Sonderleistung zu animieren. Gleich darauf legte er in Maurice Ravels Liederzyklus Shéhérazade ein weiteres Zeugnis davon ab, wohin die musikalisch-orchestrale Reise in der Bundesstadt gehen könnte: französische Klangsensiblität, impressionistische Texturen, transparente Klanglicht-Gewebe.
Die Sopranistin Rachel Harnisch, die zuletzt in Claudio Abbados halbszenischem Fidelio für Lucerne Festival (als Marzelline) auf der Weltbühne überzeugte, erwies sich auch hier (wenn auch nicht ganz frei von gelegentlichen rückversichernden Blicken in den Notentext) als souveräne Gestalterin.
Schade nur, dass ein unpassender Zwischenapplaus den weit aufgespannten Bogen innerer Sammlung ein Stück weit zerstörte. Harnisch bedankte sich für den sehr freundlichen, den Lapsus durchaus entschädigenden Schlussapplaus des Publikums mit Mozarts Arie «Nehmt meinen Dank ihr Gönner», KV 383, für Sopran und Orchester.
Schumanns «Rheinische» fiel da nach der Pause deutlich ab. Unentschieden und wenig energetisch wirkte die Interpretation, phasenweise unpräzise im Zusammenspiel der Register und eher pauschal in der Dynamik. Möglich dass die Arbeit an den komplexen Partituren Verbeys und Ravels zu einer Vernachlässigung der Detailarbeit an Schumanns Sinfonik geführt hat.
Bei seiner Präsentation in Bern hatte Venzago versichert, dass ihm auch das romantische Repertoire am Herzen liege. Wenn er denn angesichts der für das Orchester vermutlich eher ungünstigen neuen Konstellation wirklich in Bern bleibt – sein Vertrag ist von beiden Seiten innerhalb eines Jahres kündbar – wird er auch in dieser Hinsicht sicherlich deutlichere Akzente setzen. Sein frühzeitiger Rückzug wäre hingegen wohl Folge bernischer Schildbürgerei. (wb)
Berner Symphonieorchester, Mario Venzago (Leitung), Rachel Harnisch (Sopran): 5. Symphoniekonzert (Blau), Alban Berg/Theo Verbey: Klaviersonate op. 1 (1909), Orchesterfassung; Maurice Ravel: «Shéhérazade» Liederzyklus für Sopran und Orchester; Robert Schumann: Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 «Rheinische». Kultur-Casino Bern, Donnerstag, 9. Juni 2011.