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Boswiler Reflektionen über Neue und Alte Musik


16.10.2007 — Im Künstlerhaus Boswil traf sich eine hochkarätige Referentenrunde, um über den Umgang zeitgenössischer Komponisten mit Alter Musik, die Räumlichkeit von Musik und Epochenumwälzungen nachzudenken.

Das seit fünfzig Jahren aktive Künstlerhaus Boswil verbindet regionale Musikförderung – speziell in der Jugendarbeit – mit einer international beachteten Pflege der Neuen Musik und Rückzugsmöglichkeiten für Musiker und musiknahe bildende Künstler. Da liegt es nahe, in dem idyllisch gelegenen Refugium nicht allzu fern der Metropolregion Zürich auch das Nachdenken über die Grundlagen des eigenen Tuns anzuregen. Ein solcher Think Tank ist heuer unter dem Motto «Le Nuove Musiche» in Form eines Symposiums erstmals ins Leben gerufen worden. Hochkarätige Referenten machten sich in einer interdisziplinären Runde dabei Gedanken über die Auseinandersetzung zeitgenössischer Komponisten mit der Tradition, das Verhältnis von Musik und Raum und – als gälte es, das Motto «Passagen» des diesen Sommer in Zürich realisierten Weltkongresses der Musikwissenschaft (siehe Bericht) noch einmal Revue passieren zu lassen – das Phänomen epochaler Umbrüche und ihrer Regeln.

Eingeleitet wurde das Treffen von Thomas Gartmann, dem Musikverantwortlichen der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, der den Wandel zum 21. Jahrhundert am Aufkommen von MP3-Playern und dem Schock der Terroranschläge vom 11. September 2001 festmachte – wo hundert Jahre zuvor etwa noch die Musik Debussys und die Freudsche Traumdeutung Paradigmenwechsel in der europäischen Ästhetik den Schritt ins 20. Jahrhundert begleitet hätten. Den ideellen Auftakt zum 17. Jahrhundert wiederum machte seinerzeit Giulio Caccini mit der Publikation, der das Symposium den Namen verdankte: «Le nuove musiche» dokumentierte den Wandel hin zu einer Musik, die nicht mehr für Gott geschrieben wurde, sondern irdische Emotionen wecken, allfällige Texte organisch ausdeuten und Verzierungen als virtuose Ausdrucksmittel entdecken sollte.

Martin Derungs am Cembalo.


Etwas detaillierter auf diesen einscheidenden Wandel in der europäischen Kunstmusik ging der Blockflötenspezialist Matthias Weilenmann als künstlerischer Leiter des Anlasses in seinem Einführungsreferat ein. Da wurde die in sich ruhende und vollendete Schreibart Palestrinas oder Gabrielis vom Ruf «Movere gli affetti» abgelöst. Die Folge: eine Sprache voller Kontraste, Überraschungen und Schroffheiten, die durch direkte Emotionalität zu bewegen suchte. Ausdruck fand das neue Denken etwa in den Werken Monteverdis, Frescobaldis, Michelangelo Rossis oder Dario Castellos. Wie sich der Wandel auch in der von der Renaissance zum Barock übergehenden Architektur manifestierte, zeigte Weilenmann eindrücklich am Beispiel der klassizistischen Villa Rotonda, die Palladio nach dem altgriechischen Ideal der Renaissance in der Nähe von Vincenza erbaut hatte und deren Inneres später von einem barocken Maler nach den erwähnten Prinzipien des neuen Denkens ausgemalt wurde.

In der Folge war es an zwei Komponisten und einer Komponistin zeitgenössischer Musik, aufzuzeigen, wie sie sich mit Musik und Literatur vergangener Epochen im eigenen Schaffen auseinandersetzen. Naheliegend ist das Thema für den Bündner Martin Derungs, der zugleich als Schöpfer Neuer Musik als auch als Cembalist aktiv ist. Er stellte fest, dass mit Alter Musik nach einer beinahe ausschliesslich restaurativen und konstruktiven Phase heute ähnlich umgegangen wird wie die barocken Maler mit der Villa Rotonda Palladios: Sie wird sozusagen als Leinwand oder Material für eigene Reflektionen genutzt. Der Musik des 17. Jahrhunderts – eines Zeitalters der Melancholie – ist dabei, meinte Derungs, eine spezielle Faszination eigen, denn die Unterdrückung des öffentlichen Musiklebens in der Epoche des Dreissigjährigen Krieges führte zu einem Rückzug ins Private, der eine extrem avantgardistische Musik entstehen liess. Mit drei Gedichten des existentialistischen englischen Poeten John Donne (1572-1631) hat sich Derungs selber kompositorisch aueinandergesetzt. Zum Zuge kamen dabei räumlich verteilte Gruppen von Instrumenten der Zeit, Gambe, Orgel und Blockflöte. Das Resultat ist eine hermetische und sensible Textausdeutung in der Klanglichkeit der Avantgarde des späten 20. Jahrhunderts.

Isabel Mundry referiert über ihre Erfahrungen mit der Musik Dufays.


Isabel Mundry wiederum wies darauf hin, dass die radikale Freiheit des heutigen Komponierens die Tonschöpfer dazu zwingt, mit jedem Werk auch gleich den Blickwinkel zu thematisieren, der eingenommen wird. Angelegt ist diese Auflösung des Werkbegriffes laut Mundry aber bereits in der Zwölftonmethode Schönbergs. Diese erlaube es nicht mehr, an einen Regelkanon anzuknüpfen, sondern zwinge vielmehr dazu, Regelwerk und Analysesprache zu jedem Werk individuell neu zu erfinden. Der Pluralismus der Techniken und Methoden heutiger Komponisten überträgt sich nach Überzeugung der in Zürich lehrenden Tonschöpferin auch auf den Blick in Richtung Vergangenheit, der ebenso vielfältig und individuell wird und die doktrinäre «historische Aufführungspraxis» mehr und mehr demontiert. Schickalshaft wurde für Mundry während eines Aufenthaltes am Pariser Ircam eine Begegnung mit den Vokalpartituren Guillaume Dufays, die sie nicht mehr losliessen, so dass sie schliesslich mehrere Kompositionen in Auseinandersetzung mit dem Renaissance-Meister realisierte. Dem Boswiler Publikum explizierte sie ihren eigenen kompositorischen Zugang zu dufayschen Sätzen mit einer Variante des von den vorangegangen Referenten angesprochenen Übermalens des Alten in Form einer «komponierten Interpretation» – einem Verfahren, das durch die Annährungen ihres Lehrers Hans Zender an Schuberts «Winterreise» zu Bekanntheit gelangt ist.

Rudolf Kelterborn expliziert am Klavier Avantgardistisches in Mozarts Klavierwerken.


Rudolf Kelterborn wiederum kehrte die Perspektive um und spürte verborgenen oder gut kaschierten Avantgardismen in scheinbar harmloser Klaviermusik Mozarts nach. Dabei lenkte er den Blick nicht zuletzt auch auf die streckenweise hoch differenzierten dynamischen Anweisungen des Salzburger Meisters, aber auch auf die äusserst gekonnte Balance aus klassischer Form und kühner asymmetrischer Phrasenbildung. Welchen Reichtum das mozartsche Klanguniversum dabei entfaltet, vermochte der Komponist Kelterborn mit vereinfachenden Umkomponierungen des mozartschen Satzes zu zeigen.

Als eine Art Kommentar zu diesen Reibungen zwischen Alt und Neu konnte schliesslich das Referat des Architekten Gion A. Caminada verstanden werden, der mit seinen Interventionen im Bünder Bergdorf Vrin international Aufsehen erregt hat – namentlich einem Aufbahrungsraum, der eine sich verlierende Tradition im Umgang mit Verstorbenen in modernsten architektonischen Mitteln aufnimmt, und dabei ausgesprochene und unausgesprochene Regeln der dörflichen Gemeinschaft respektiert. Dabei stellte sich Caminada auch die grundsätzliche Frage, was denn unter Authentizität und Tradition überhaupt zu verstehen sei. Ersteres ist für ihn nicht museal, sondern durchaus dynamisch, nämlich alles, was aus den Schichten, aus dem Fundus der Kultur entsteht. Tradition wiederum, meinte der hellwache Bünder Häuserbauer, sei schon verloren, wenn man darüber nachzudenken beginne. Echte Tradition sei etwas, was einfach gelebt werde, so wie es manchmal durchaus angezeigt sein, sich über gewisse Dinge überhaupt keine Gedanken zu machen.

Gion A. Caminada erzählt von Erfahrungen mit architektonischen Interventionen im Bergdorf Vrin.


In der abschliessenden Diskussion charakterisierte Isabel Mundry die Gegenwart als eine Epoche der Entkoppelung. Auseinandergefallen seien da etwa die Neue und die Alte Musik, aber auch zwischen der Neuen Musik und dem Konzertbetrieb, ja sogar innerhalb der «klassischen» Musik und der Neuen Musik, die sich zusehends fragmentierten, öffneten sich Gräben. Ein solche Fragmentierung beklagte auch Rudolf Kelterborn, der aufgrund eines konstruierten Gegensatzes aus dem Erleben und Schreiben von Musik aus dem Kopf und Bauch heraus Tendenzen zu einer Geringschätzung des Intellektuellen feststellt.
(wb)

Le Nuove Musiche, Neues in Alter Musik, Symposium im Künstlerhaus Boswil, 5. und 6. Oktober 2007.

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