Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Brubecks «Licht in der Wildnis»


17.06.2005 — Wie kaum ein zweiter verkörpert Dave Brubeck das Leben zwischen den amerikanischen und europäischen Kulturen: Als Weisser im Milieu prespyterianischer und methodistischer Kirchen aufgewachsen, trug Brubeck Wesentliches dazu bei, den Jazz, zur Zeit seiner Anfänge ausschliesslich die Musik der Schwarzen, «salonfähig» zu machen. Gemeinsam mit dem Saxophonisten Paul Desmond (dem Komponisten des berühmten «Take Five») entwickelte er eine Spielart dieser Musik, die den energiereichen Puls mit unregelmässiger Metrik, Fünfviertel-, Siebenachteltakten und so weiter, verschmolz.

Aber seine innere, von europäisch-feudalem Bildungsbürgertum unbelastete Offenheit findet ihren Niederschlag auch im theologischen, philosophischen und kompositorischen Denken: Er braucht sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob seine kompositorischen Mittel «die avanciertesten» (Adorno) sind, oder ob seine Texte eine kulturhistorische Verträglichkeitsprüfung bestehen würden. Ein europäischer Jazzkomponist seiner Generation hätte das Schreiben eines Oratoriums wohl mit langen und skrupulösen Studien über die soziokulturellen Grundlagen einer Synthese schwarzafrikanischer und abendländischer Metaphysik begonnen; Brubeck begann ganz einfach damit, dass er es schrieb.

Oder doch nicht ganz. Denn natürlich macht er sich Gedanken über seine religiöse Grundhaltung. er sei, meint er in einem Kommentar zu seinem Oratorium «The Light in the Wilderness», keiner Kirche verpflichtet, drei jüdische Lehrer jedoch hätten ihn im Lauf des Lebens sehr beeinflusst: Irving Goleman, Darius Milhaud und Jesus. Und für das Libretto des Oratoriums holte er sich den Rat eines Hindus, eines Unitariers, eines episkopalischen Bischofs und mehrerer Jesuiten ein.

Das Resultat ist ein Zeitdokument. Wie das legendäre Musical «Hair» entstand es, während die grossen Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg in Amerika ein Umdenken initiierten, und genauso beschwört es den Geist des «Wassermannzeitalters». Geradesogut hätte es «The Temptations and Teachings of Christ» heissen können, meint Brubeck, für den es eine persönliche, subjektive Auseinandersetzung mit seiner jüdisch-christlichen Herkunft bedeutet.

Die kompositorischen Mittel des Oratoriums setzen sich zusammen aus typischer Jazzharmonik – das heisst, der erweiterten impressionistischen Klangwelt aus Terzenschichtungen und Quartakkorden – hier und da finden sich Zwölftonmotive eingestreut, sind Ansätze zu traditionell-abendländischer Motivarbeit auszumachen. Die Singstimmen spiegeln die charakteristische Schreibweise für Big-Band-Bläsersätze, satte, breite «Chorals» von grosser Fülle und Farbigkeit. (wb)

Schreibe einen Kommentar