05.02.2005 — Er war ein Jahrgänger von Sibelius, und die Stellung, die diesem für Finnlands Musik zukommt, nahm in Dänemark Carl Nielsen (1865–1931) ein. Während das sinfonische Schaffen von Jean Sibelius im musikalischen Erbe verankert ist, führen Nielsens sechs zwischen 1892 und 1925 entstandenen Sinfonien ein Aussenseiterdasein – respektiert, aber kaum je im Konzertsaal zur Diskussion gestellt. Die werkdienliche Gesamteinspielung durch das Königlich-Philharmonische Orchester Stockholm unter seinem langjährigen Chefdirigenten Gennadi Roschdestwenski bietet willkommene Gelegenheit, sich mit dem sinfonischen Kosmos Carl Nielsens auseinanderzusetzen.
Ein lohnendes Unterfangen, denn Nielsen, der nach seinen Kompositionsstudien (schwergewichtig beim Sinfoniker Niels W. Gade) während zwei Jahrzehnten am Königlichen Theater in Kopenhagen als Violinist, von 1908 bis 1914 als Hofkapellmeister, ab 1916 als Professor am Konservatorium wirkte, erweist sich als experimentierfreudiger Geist, der die theoretischen wie die praktischen Aspekte seines Handwerks gründlich beherrscht. Im Musikforeningen, das er zwischen 1915 und 1927 leitete, führte er die Mehrzahl seiner grossen Werke auf.
Spannend zu verfolgen, wie Nielsen (auch mit Kammermusik, Opern und umfangreichem Lieder-Schaffen errang er hohe Wertschätzung) sich anfänglich an Vorbildern orientiert (am klassisch schlüssigen Formverlauf, an der romantischen kompakten Instrumentation mit ausgeprägtem Bassfundament, an Brahms, Dvorák, Svendsen), bereits in seinem Erstling den Themen und der Rhythmik persönliches Profil gibt, wie er in den Sinfonien 4 bis 6 – Spitzenleistungen der Gattung – mit starken Kontrasten arbeitet, mit aufgefächerter, aufgesplitterter Instrumentation, aggressiven, obsessiven Klang- und Bewegungsflächen (Schlagzeug; Blechbläser), kantiger Melodik, herausfahrendem Duktus, wie er den Verlauf aus einem motivischen Kern oder rhythmischen Muster entwickelt, wie er kammermusikalische und sinfonische Idee verklammert, wie er Tonalität und Chromatik immer komplexer strukturiert und – in jedem Satz – mit Expressivität auflädt.
Nicht eben hilfreich mutet es an, dass Nielsen vier seiner Sinfonien Beinamen samt entsprechenden inhaltlichen Erläuterungen mitgegeben hat: der Zweiten «Die vier Temperamente», der Dritten «Sinfonia espansiva» – geschmäcklerisch wirkt in deren Andante pastorale der Einbezug einer zweistimmigen Vokalise –, der Vierten «Das Unauslöschliche», der Sechsten, höchst elaborierten und komplexen, «Sinfonia semplice». Nielsens Sinfonien entfalten ihren Reiz, ihre Beredtheit, ihre Intensität, ihre Wucht fern von einengenden programmatischen Bezugsnetzen. Es sind Schöpfungen eines eigenständigen Meisters, die keiner aussermusikalischen Mittel bedürfen, um ihre Originalität und Überzeugungskraft zur Geltung zu bringen. (ws)
Carl Nielsen: Symphonies. Royal Stockholm Philharmonic Orchestra. Leitung: Gennady Rozhdestvensky. (Chandos Classics CHAN 10271/3 X; 3 CDs)