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Das Kammerorchester Wien-Berlin in Genf

25.05.2013 — 2006 haben die Wiener und Berliner Philharmoniker gemeinsam ein Konzert gegeben ‒ aus Anlass des fünfzigsten Geburtstages des Dirigenten Simon Rattle, der mit beiden Ensembles eng verbunden ist. Das Kammerorchester Wien-Berlin ist eine Art Spin-off dieses Anlasses und wirkt wie eine letzte Rückzugsbastion des traditionellen Orchesterverständnisses, das in beiden Klangkörpern noch immer nachklingt: Ein reiner Männerbund ‒ gefühlt fast alles Westeuropäer gesetzteren Alters ‒, ein Repertoire, das schwergewichtig der Wiener Klassik huldigt und ein historisch-informiertes Musizieren, das sich auf die Historie des Musikverständnisses der Wiener und Berliner Philharmoniker zu beschränken scheint.

Mittlerweile touren eine ganze Menge exzellenter Kammerorchester mit je eigenem Profil und eigener Klangkultur durch den Kontinent. Die Frage, wofür das bilaterale Hauptstädte-Ensemble steht und was es einzigartig macht, stellt sich also durchaus. In die opulent ornamentierte und traditionsbefrachtete Victoria Hall in Genf passte es allerdings: Da spielten die Herren nicht minder traditionsbewusst auf ‒ musikantisch auf hohem Niveau, gemessen an organisch über lange Zeit auch ohne Dirigenten zusammengewachsenen Streicherensembles aber auch weniger perfektionistisch und schlüssig.

Im Rahmen seiner Tournee der Reihe Migros-Kulturprozent-Classics ‒ begonnen mit der Ouvertüre für Streichquintett c-Moll D8 von Franz Schubert und Mendelssohns Konzert für Klavier, Violine und Streicher d-Moll ‒ hat sich das Orchester bis ins zwanzigste Jahrhundert vorgewagt und in Genf mit Frank Martins Ballade Nr. 1 für Flöte und Streichorchester ein Werk sozusagen nach Hause gebracht, war dieses doch ursprünglich Pflichtstück für den Concours de Genève. Dieter Flury, der Schweizer Soloflötist der Wiener Philharmoniker, blieb dem Kleinod an klanglicher Souplesse und klug gezügelter Expressivität nichts schuldig, sicherlich einer der Höhepunkte des Abends.

Routiniert-souverän hatte zuvor die Interpretation des Mendelssohn-Konzertes angemutet. Der Konzertmeister Rainer Honeck als Solist und der Pianist Yefim Bronfman schienen allerdings kaum wirklich zu kommunizieren; sie drehten in ihrem je eigenen musikalischen Kosmos Kreise, Aufforderungen zu mehr spontaner Interaktion, die eine Stärke einer solchen Ensemble-Idee sein müssten, verhallten folgenlos ‒ etwa in den hartnäckig insistierenden Sechzehntelketten des zweiten Satzes, die Bronfman mit offensichtlichem Vergnügen ins Klavier meisselte, buchstäblich hinter dem Rücken des ernsten Honeck.

Recht enttäuschend dann die doch sehr konventionelle, eher konturlose Wiedergabe von Bartóks Rumänischen Volkstänzen Sz. 68, einem kleinen Meisterwerk, dem andere Kammerensembles ein ganzes Universum an Klängen, Schattierungen und Innenspannungen abzugewinnen vermögen und das hier denn doch die Patina der Streicherregister grösserer Sinfonieorchester angesetzt zu haben schien.

Vor allem Bronfman, und auch in nicht geringem Mass dem Trompeter Gábor Tarkövi ist es zu verdanken, dass mit Schostakowitschs Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester Nr. 1 c-Moll op.35 sich doch noch Momente intensivster Dringlichkeit ergaben, gerade auch mit radikaler, atemraubender Reduktion im Moderato. Pianist und Trompeter bedankten sich beim begeistert applaudierenden Publikum mit einem kleinen Rondo Leonard Bernsteins, das Kammerorchester artig mit einem Andante des 13-jährigen Mozart als Zugaben.

Ob die Marken Wiener und Berliner Philharmoniker als ästhetisches Programm für ein Kammerorchester ausreichen? Will es sich beim Publikum durchsetzen, wird es wohl noch zu etwas kantigeren ästhetischen Haltungen finden müssen. Ein Weg dazu könnte ja ‒ bloss so eine spontane Idee ‒ eine Einladung an Kolleginnen in den beiden Herkunftsorchestern sein, sich einzubringen… Das Orchester wird bald mit Jonas Kaufmann und dem Cellisten Yo-Yo Ma unterwegs sein. Der sprichwörtliche Charme und die Begeisterungsfähigkeit des amerikanischen Cellisten könnte möglicherweise für etwas Lockerung der Atmosphäre in dem ja nicht uninteressanten Ensemble sorgen. (wb)

Victoria Hall Genf, 23. Mai 2013, Migros-Kulturprozent-Classics Tournee VI, Kammerorchester Wien-Berlin. Werke von Schubert, Mendelssohn, Martin, Bartók und Schostakowitsch.

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