13.01.2013 — Hätte Mozart Pahud bloss spielen gehört. Er hätte vermutlich noch einiges mehr für Flöte geschrieben, nicht bloss die paar eher lustlos abgelieferten Auftragsarbeiten. Die Flöte mochte der Komponist der «Zauberflöte» erklärtermassen nicht, was aber vermutlich mit dem Stand der damaligen Technik zu tun hatte, sowohl mit Blick auf die Instrumente als auch deren Spieler. Alles ein bisschen windig halt zu seiner Zeit.
Die Flöte steht für französische Ästhetik, für Transparenz, Eleganz, Künstlichkeit. Als Soloinstrument für ein französisches Programm bietet sie sich an. Da hat also alles seine Richtigkeit, wenn das Orchestre de la Suisse Romande (OSR) der Deutschschweiz Reverenz erweist, und dabei auch noch ein erst vor kurzem aufgefundenes Flötenstück des Welschschweizer Komponisten Frank Martin im Gepäck mitführt. Emmanuel Pahud, der gebürtige Genfer Soloflötist der Berliner Philharmoniker, erweist sich als idealer, da technisch vollkommener und zugleich expressiver und beherrschter Gestalter. Martin hatte für die «Ballade Nr. 2 für Flöte und Orchester» ein Saxophonstück umgearbeitet, das die Ausdrucksbereiche nicht zuletzt in den Höhen des Soloinstrumentes auslotet. Da kann Pahud zeigen, was für ein kongenialer Interpret er ist.
Das Bearbeitung hat Martins Witwe Maria Martin 2008 in einer Kommode des Hauses im holländischen Naarden, Martins letztem Wohnort, entdeckt. Der Tonschöpfer erwähnt sie nirgend in schriftlichen Zeugnissen, es handelt sich aber um eine Transkription seiner ersten Ballade, die er 1938 für den Saxophonisten Sigurd Rascher geschrieben hat. Vermutlich bereits 1939.
Das durch und durch französische Programm des OSR im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics beginnt unter der Stabführung des gebürtigen Lausanners Charles Dutoit zunächst aber mit Hector Berlioz’ Ouvertüre «Le Corsaire» und bereits da zeigt das Orchester, dass es klangliche Präzision, Spiellust und interpretatorischen Witz auf höchstem Niveau zu vereinen vermag.
Das OSR hat viel französische Musik auf CD eingespielt. Werke von Roussel über Honegger, Saint-Saëns, Franck, Debussy, Chausson, Poulenc, Martin bis Massenet, Ravel und Jarrell. Da fühlt es sich offensichtlich zuhause. Auch deutsche Komponisten finden sich in der Diskografie, etwa Schumann, Strauss, Mahler und Mendelssohn, nicht aber Mozart (im Gegensatz zum benachbarten Orchestre de Chambre de Lausanne, das mit Mozart-Konzerten letztes Jahr sogar einen Echo Klassik eingeheimst hat). Die Einbettung des zweiten Flötenkonzertes KV 314 – wie das Martin-Stück auch eine Bearbeitung, nämlich eines Oboenkonzertes – in das postklassische französische Umfeld, demonstriert aber eindrücklich, dass man Mozart auch anders als in der zur Zeit gängigen historisch-informierten Kantigkeit atmen lassen kann.
Nach der Pause dann der Publikumsrenner (oder besser Spaziergänger): Modest Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung» in Ravels Orchestrierung (oder vielmehr orchestraler Nachdichtung). Eine geglückte russisch-französische Fusion: Energie, Wucht, präzises Blech und erdige Rhythmen auf der einen Seite, Präzision in der Gestaltung, Durchhörbarkeit und ästhetische Distanz auf der andern: eine exemplarische Wiedergabe als Leistung des Kollektivs. Das Publikum im Basler Konzertsaal will das OSR gar nicht mehr gehen lassen.
Dutoit und das Orchester verweigern sich wie zuvor bereits Pahud allerdings dem Wunsch nach Zugaben. Das Zirzensische scheint beider Sache nicht. Gar keine so schlechte Haltung. Sie erinnert daran, dass klug zusammengestellte Konzertprogramme durchaus für sich sprechen und keineswegs noch eines «Bonus Tracks» bedürfen, um volle Hörer-Befriedigung zu garantieren. (cf)
Migros-Kulturprozent Classics, Saison 12/13, Tournee III. Stadtcasino Basel Musiksaal, 12. Januar 2013. Orchestre de la Suisse Romande, Charles Dutoit (Leitung), Emmanuel Pahud (Flöte), Hector Berlioz: Ouvertüre «Le Corsaire»; Wolfgang Amadeus Mozart: Flötenkonzert Nr. 2 D-Dur KV 314; Frank Martin: Ballade Nr. 2 für Flöte und Orchester; Modest Mussorgsky/Maurice Ravel: «Bilder einer Ausstellung»