25.04.2011 — Als eine Art schweizerisch-belgisches Freundschaftstreffen erwies sich der Auftritt des Orchestre National de Belgique im Rahmen der Migros Kulturprozent Classics in der Zürcher Tonhalle: Das sehr populäre Violinkonzert g-Moll op. 26 von Max Bruch wurde umrahmt von der Uraufführung eines Schweizer Werkes aus der Feder des speziell im Grossraum Zürich grosszügig mit Kompositionsaufträgen versorgten Rolf Urs Ringger und der Sinfonie d-Moll des gebürtigen Belgiers César Franck.
Zunächst hiess es also, sich in zeitgenössischen Klangwelten einzurichten. Ringgers «Canto vagante» bot dem jungen Schweizer Kontrabassisten Thierry Roggen Gelegenheit, sein exzellentes technisches und musikalisches Können unter Beweis zu stellen. Es entwickelte über weite Strecken einen Dialog zwischen einem rezitativisch erzählenden, Linien spinnenden Solisten und ruhig atmenden, statischen Klängen des Orchesters, neben Streichern arbeiteten da eine reich bestückte Holzbläsergruppe (mit opulentem Fagott-Detachement), zwei Trompeten, Harfe, Celesta und das typische Orchesterschlagwerk Gong, Glocken, Trommel, Vibraphon.
So wirklich packen liess man sich von dem lyrisch-pulsierenden, eher epigonal wirkenden Werk aber kaum. Als erstmaliger Hörer fragte man sich, ob’s an der Partitur, an der Interpretation oder an der eigenen Position im Saal lag, dass etwa Schlagwerk und Rest des Orchesters nicht wirklich zu einem Ganzen verschmolzen. Möglicherweise ist das Orchestre National de Belgique, das einen kalorienreichen, grosszügig-erdigen Klang pflegt, für die filigranen Farbwerte des Werkes nicht der ideale Klangkörper. Vom Publikum wurde der «Canto vagante» wohlgesinnt-zurückhaltend aufgenommen.
Da verstanden sich der Geiger Daniel Hope und das Orchester schon viel besser. Hope – der seine letzte CD ja auch dem historischen Kollegen Joseph Joachim gewidmet hat (siehe Codex-flores-Rezension) pflegt ebenso einen physischen, eher schweren Ton. In Bruchs Violinkonzert, das auch von andern generell langsamer angegangen wird, als es die Tempoangaben (Allegro non troppo im ersten und dritten Satz) eigentlich suggerieren, wurde das Geschehen zwar nicht immer mit der nötigen Energie und Präzision in Gang gebracht (Hope spielt das Werk auch auf der CD mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra fast schleppend). Im Adagio brachte er sein Instrument hingegen mit aussergewöhnlich lyrisch-innigem Ton in faszinierender Art zum Singen – zweifellsohne ein Höhepunkt des Abends.
Originell die Zugabe: Hope dampfte dazu eine vom indischen Sitar-Spieler Ravi Shankar ursprünglich für Yehudi Menuhin geschriebene Improvisation von epischer Länge auf drei Minuten ein und zeigte so eher ungewollt, weshalb indische Musik soviel Zeit braucht, um in schnellen Passagen volle Wirkung zu entfalten: In dieser Schnappschusslänge kann man diese Klanguniversen bloss zitieren, aber nicht replizieren.
Francks Sinfonie ist hierzulande wenig zu hören. Es handelt sich in gewisser Weise um eine Art dreisätziger Orgel-Simulation für Orchester, in der Harfen-Pizzicato-Mixturen – sie eröffnen den langsamen Mittelsatz – umso überraschender, ja fast schon frivol klingen. Der volle, dunkel-sinnliche Klang des Orchestre National de Belgique kam der Partitur in idealer Weise entgegen, der Gestaltungswille des Ensemble war unter der gelassen-souveränen Stabführung Wellers auch deutlich ausgeprägter als im Bruch-Konzert.
Mit den Zugaben, dem Furiant aus Dvoraks sechster Sinfonie und «Maruntel» aus Bartoks Rumänischen Volkstänzen, blieb das Ensemble, das vom Zürcher Publikum mit viel Applaus bedacht wurde, auf ihm vertrautem ästhetischem Boden. (wb)
Tournee V der Migros Kulturprozent Classics, Tonhalle Zürich, 26. April 2011. Orchestre National de Belgique, Walter Weller (Leitung), Daniel Hope (Violine), Thierry Roggen (Kontrabass), Rolf Urs Ringger: Canto vagante (UA), Max Bruch: Violinkonzert g-Moll op. 26, César Franck: Sinfonie d-Moll
Weitere Daten: Mittwoch, 27. April (Tonhalle St. Gallen), 28. April (Stadtcasino Basel), 28. April (Victoria Hall Genf).