22.03.2012 — Im Kultur-Casino Bern demonstrierte das Orchestre National de France im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics, was für eine berauschende Wirkung authentischer französischer Orchesterklang haben kann.
Es hätte auch Ravels «Bolero» sein können. War’s aber nicht. Oder Debussys «Prélude à l’après-midi d’un faune». War’s auch nicht. Das Orchestre National de France wählte für seine Migros-Kulturprozent-Classics-Tournee durch Schweizer Städte weniger bekannte Werke – eine ästhetische Visitenkarte ohne Konzessionen. Belohnt wurde man mit einem faszinierenden Ohr voll französisches Fin de Siècle. Die Berner, die trotz dem Verzicht des Ensembles auf die Repertoire-Reisser für ein beinahe volles Kultur-Casino sorgten, waren gut beraten, gut hinzuhören, hat doch Mario Venzago, der Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters versprochen, in der Bundesstadt künftig eine französische Klangkultur zu pflegen.
Und, nun ja: So muss das klingen. Was dieser grosse Orchesterapparat in der vornehmlich in Pianos und Pianissimi gehaltenen Partitur von Gabriel Faurés Orchestersuite «Pélleas et Mélisande» an präzisen Klangvaleurs und Stimmungen in den Saal zauberte, war atemraubend (und noch viel mehr die wuchtig aufblühenden Tutti-Crescendi in Ravels «Dahnis et Chloé»).
Dass das Konzert in Bern Event-Charakter hatte, liegt aber nicht zuletzt auch daran, dass der Solist des Abends, der Cellist Antonio Meneses, seit 2008 an der dortigen Hochschule der Künste unterrichtet. Einen idealeren Partner für die Wiedergabe von Camille Saint-Saëns erstem Cellokonzert hätte nicht gefunden werden können. Meneses kultiviert – abseits der Mode, die kantige, rohe und angriffige Töne favorisiert – einen seidig-transparenten, sanften Ton, der sich perfekt in die schimmernden, bebenden und irisierenden Texturen des Orchesters einfügte. Für den verdienten Applaus bedankte er sich mit den schlichten Bourée I und II aus Bachs dritter Sonate für Cello solo in C-Dur als Zugabe.
Nach Debussys «Jeux» zeigten nicht zuletzt die Holzbläser, zu welchem subtil-dunklen Schattierungen sie im untergründigen Wühlen der Klangwerdung in Ravels Suite fähig sind, und wie perfekt sich da Streichereffekte und Bläser zu einem Ganzen fügen. Daniele Gatti, der zur Zeit noch das Orchester des Zürcher Opernhauses leitet, führte den Klangkörper umsichtig, unaffektiert und souverän.
Das Programm war auch als kulturelles Bekenntnis zu verstehen. Definierte sich die deutsche Musik Ende des 19. Jahrhunderts vor allem durch den Logos der sinfonischen Strukturarbeit, findet sich die Seele der französischen im Eros des Balletts (Debussy, Ravel) und Theaters (Fauré).
Als Orchester-Zugabe gab’s dann doch noch Deutsches, aber auch da nicht der grosse Reisser, sondern verhalten Hintergründiges. Aus Wagners «Meistersinger zu Nürnberg» wählte Gatti nicht die schmissige Ouvertüre, sondern die aus dem Celloklang aufblühende ruhige Reflektion des Vorspiels zum dritten Aufzug. Da zeigte sich denn auch, wie nahe im Klangempfinden sich Franzosen und Deutsche trotz aller polemischen Nationalismen dannzumal waren. (wb)
21. März 2012, Kultur-Casino Bern. Orchestre National de France, Daniele Gatti (Leitung), Antonio Meneses (Violoncello). Gabriel Fauré: «Pélleas et Meilsande», Suite für Orchester op.80; Camille Saint-Saëns: Konzert für Violoncello und Orchester Nr.1 a-Moll, op.33, Claude Debussy: «Jeux«, Poème dansé; Maurice Ravel: «Dahnis et Chloé», Orchestersuite Nr. 2.