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Das Philharmonia Orchestra in St. Gallen

07.05.2012 — Abend der deutschen Sinfonik, oder: Beethovens Fünfte und Zehnte. Letztere natürlich nicht vom Bonner Meister selber, sondern von Brahms, der sich mit dem «hinter sich marschierenden Riesen» (Brahms über seinen Übervater Beethoven) im Nacken an die Königsdisziplin des 19. Jahrhunderts gemacht hatte.

Den historischen Bogen vom pochenden Schicksal in Beethovens Fünfter zu den pastoralen Alphorn-Reminiszenzen in Brahms Erster schlug das Philharmonia Orchestra unter der Leitung des jungen Schweizer Dirigenten Philippe Jordan. Er steuerte den grossen Apparat denn auch in effektvoller, zu dieser deutschen Bekenntnismusik passenden Gestik durch die kantigen bis knorrigen Klangwelten.

Sonst ist vor allem die russische Orchesterlandschaft für ihre fast undurchdringliche Unübersichtlichkeit bekannt. Aber auch mit Blick auf die Londoner Klangkörper gilt es aufzupassen. Das Philharmonia Orchestra ist nicht zu verwechseln mit dem 1932 von Sir Thomas Beecham gegründeten London Philharmonic Orchestra (gegenwärtiger Chefdirigent Wladimir Jurowski).

Es geht vielmehr zurück auf das von Walter Legge (dem Gatten von Elisabeth Schwarzkopf) nach dem Zweiten Weltkrieg als Aufnahmeorchester für EMI genutzte Philharmonia Orchestra. Nach markenrechtlichen Verwicklungen und zeitweiser Umettikettierung in «New Philharmonia Orchestra» trägt es erst seit dem Jahr 2000 wieder den jetzigen Namen. Zur Zeit ist Esa-Pekka Salonen sein Chefdirigent.

Was das St. Galler Publikum im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics zu hören bekam, war keine spektakuläre Neudeutung der Sinfonien, aber Musikantik auf sehr hohem Niveau, exzellente Bläser und – nach einem eher abtastenden Einstieg in Beethovens Schicksalsmotiv – druckvolle Streicher. Raumfüllend (und -überfüllend) konnte das Ensemble sich in der Ostschweizer Tonhalle gebärden, fast packender waren aber die hingetupften Pianissimi, etwa gegen Schluss des Brahms-Adagios und natürlich in den Dynamikexzessen des Bonner Meisters.

Verbunden wurden die Sinfonien mit Carl Maria von Webers Konzertstück für Klavier und Orchester op. 79, dargeboten vom zweiten Schweizer Prominenten auf dem Podium, dem exzellenten Aargauer Pianisten Oliver Schnyder. Sein Spiel liess allerdings Erinnerungen an Bemerkungen des amerikanischen Pianisten (und Bodybuilders) Tzimon Barto wach werden, der in dem wunderbaren Dokfilm «Mein Chopin» sich dazu bekennt, nie auswendig zu spielen, weil damit unweigerlich zahllose Details in Sachen Spielanweisungen verloren gingen.

Schnyder bewältigte den Weber-Part par coeur mit Spiellust und Fantasie, glättete aber doch einiges, vor allem in der Dynamik. Vollends sportlich wurde es dann in der Zugabe, dem «Perpetuum mobile» aus Webers Klaviersonate Nr.1 in C-Dur. Da musste gestalterischer Hintersinn zugunsten der Fingerfertigkeit erst recht deutlich zurücktreten. (wb)

Philharmonia Orchestra, Philippe Jordan (Leitung), Oliver Schnyder (Klavier). Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 1 c-Moll op. 68; Carl Maria von Weber: Konzertstück für Klavier und Orchester f-Moll op. 79; Ludwig van Beethoven: Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67. Konzert im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics, Tonhalle St. Gallen, 6. Mai 2012.

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