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Der Cirque de Loin im Stadttheater Bern

06.09.2013 — Wahnwitz verspricht das Musikfestival Bern. Da besucht man nicht unbedingt eine Missa Solemnis im Münster (zur Eröffnung des Festes). Alleine die Benamsung! Das einzig Wahnwitzige an einer feierlichen Messe, garniert von feierlich Zeitgenössischem, ist der Kontrast zum Festival-Motto. Ansonsten wird auch eine Jahrmarkts-Orgel herumgeschoben, die zweckentfremdet allerlei zeitgenössische Geräusche absondert, als ob Brecht mit seinem Verfremdungstick sich ans Drehorgelfestival Thun verirrt hätte: wahnsinnige Nostalgie, nostalgischer Wahnsinn, man hat die Wahl. Zum Kanton passt’s.

In der Berner Psychiatrie mit dem poetischen Namen «Waldau» gibt’s auch Veranstaltungen, das passt auch zum Motto, und zum Bern der Wölflis und Glausers, und der zahlreichen selbsternannten Jessuse und Prediger, die den Kanton immer wieder heimgesucht haben, sowieso. Der Berner hat ein Flair für Sonderlinge, satyrische Erdenschwere und schräge Volkskultur. Das Festivalmotto war insofern einfach mal fällig.

Da erstaunt es nicht, dass auch die Gattung des wahnwitzigen Kleinzirkus in Bern schon immer zu Hause war. Ältere Semester erinnern sich an den Povero Circo Morelli und Zampanoo‘s Variété, die so manche Komikerkarriere in der Schweiz befördert haben, unter anderem die von Peter Freiburghaus (Duo Fischbach), Schifer Schafer (heute Stiller Has) oder Viktor Giacobbo. Was ist bloss aus letzterem geworden! Von Zampanoo’s zum Zampano der Schweizer Comedian-Szene. Und von zündenden, frechen Einfällen zu faden Witzchen.

Zampanoo’s war politisches Strassentheater. Und welches Thema würde sich für Wahnwitz aufdrängen, wenn nicht Politik? Ein Parlamentssaal auf der Bühne hätte den Vorteil, dass man sich aufwendiges Dekor sparen könnte. Irrwitzige Stimmung müsste dann nicht noch künstlich evoziert werden. Nur leider scheint sich die heutige Jugend und Schauspielergeneration in apolitischen Märchen- und Fantasywelten eingerichtet zu haben.

Im Stadttheater Bern spielen die gut ein halbes Dutzend Akteure des Cirque de Loin vor geschlossenem Vorhang über dem Orchestergraben ‒ mit einer Strassentheater-Szenerie, die zum gutbürgerlichen Plüsch- und Balkone-Theatersaal immerhin hübsch kontrastiert: im Zentrum ein Tanzseil auf etwa zwei Meter Höhe, flankiert von einem besteigbaren Baldachin und einem lädierten Kleinwagen, der matt ins Publikum leuchtet. Dazwischen eine etwa fünf Meter hohe Akrobatikstange, ein Klavier (unter dem Baldachin ein Schlagzeug) vorne ein Tischtennis-Tisch als mobiles Bühnenteil. Garniert wird das ganz von allerlei weiterem flohmarktaffinem Krempel.

Zunächst gibt’s aber draussen vor der Tür viel Geratter, Geknatter und Gerumpel von der Jahrmarkts-Orgel. Dafür haben Schweizer Komponisten der Gegenwart neue Stücke geschrieben. Was für eine Herausforderung! Sperrt sich das Instrument doch gegen sämtliche Errungenschaften der Neuen Musik der letzten sechzig Jahre: Keine Mikrotöne, keine geschmeidige Glissandi, keine subtile Dynamikabstufungen und fraktale Spieltechniken, bloss ehrliches Tuten, Trommeln und Pfeifen. So tönen die neuen Stücke denn alle frei- oder unfreiwillig parodistisch ‒ aber wirklich auch witzig, als würde Kapitän Nemo sein Leben als Berner Stadtoriginal beenden.

Die Parabelhandlung des Stücks «The Fool and the Princess», das der Cirque de Loin im Theater gibt, ist nicht so wichtig: Ein Königspaar, das kinderlos bleibt, nötigt einer Bauernfrau einen Thronfolger ab, der zugleich mit einer Zwillingsschwester geboren wird. Die beiden lernen sich kennen und lieben, und wie’s weitergeht steht in den Sternen. Erzählt wird das Ganze in einer Mischung aus Nummernrevue, Klamauk, Akrobatik und Schwarzweissfilm für die Vorgeschichte, in einem beliebig wirkenden Durcheinander aus Dialekt, Hochdeutsch, Französisch, Englisch und mutmasslicherweise weiteren Idiomen, man hat in dem zeitweiligen Lärm der Bühnenmusik und des Rumhüpfens und Balancierens nicht alles verstanden.

Der Aktivismus. Das Stück könnte eine straffere Dramaturgie vertragen (vermutlich das Resultat einer Erarbeitung in Form kollektiver Improvisationen, so wirkt es zumindest), häufig geschieht auf der Bühne zu viel zu unmotiviert, und die Gesangseinlagen hemmen den Fluss der Geschichte. Für eine Performance auf der Strasse würden sie genügen. Im geschlossenen Theaterraum bieten sie zu wenig gekonnte Kunst, als dass sie zu packen vermöchten. So richtig gut wird das Ganze eigentlich bloss in den wenigen Momenten, in denen das Ensemble direkt mit dem Publikum interagiert, wie dies in einem Strassentheater-Format im Grunde unerlässlich ist. Ansonsten fehlen etwas der Witz, die zündende Parodie, die Spontaneität und die wirklich berührende Poesie.

Aus dem Setting ‒ Strassenkunst im Herzen der bürgerlichen Hochkultur ‒ liesse sich einiges mehr machen. Dazu bräuchte es aber etwas mehr politisches Bewusstsein, Kenntnis der aktuellen lokalen Themen, spontane Interaktion, Provokation und Spielwitz. Das handwerkliche Potential dazu hat die Truppe zweifelsohne. Also: bitte ein zweiter Anlauf. Man möchte einmal von Herzen lachen, mitleben, sich überraschen und den Spiegel vorhalten lassen können. Des ganzen Wahnwitzes der Zeit gewahr werden. Dazu wäre das Theater da. (wb)

Donnerstag, 5. September, 2013, Stadttherater Bern, Musikfestival Bern: «The Fool and the Princess». Cirque de Loin. Schweizer Erstaufführung. Koproduktion von Stadttheater Klagenfurt, Association du Château de Monthelon, Konzert Theater Bern und Musikfestival Bern.

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