20.06.2004 — Als die japanische Regierung 1871, im Zuge der Meiji-Restauration die buddhistische Fuke-Sekte verbot, ging auch eine Ära der Kunstmusik zu Ende, die in ihre Art wohl ebenso einmalig wie legendenumwoben ist.
Über die vor erst gut hundert Jahren aufgelöste Fuke-Sekte ist kaum Verlässliches bekannt, weil ihr Niedergang in eine Zeit fiel, die dem Buddhismus wenig Wertschätzung entgegenbrachte und deshalb viel ihn betreffende Dokumente verloren gehen liess und weil die Sekte eine schlechten Ruf besass. Ab und zu wird der Verdacht geäussert, dass die «Komuso» genannten Mitglieder der Sekte nichts anderes als im Dienste des Staates stehende Spione gewesen seien. Der Vorwurf ist wohl weit übertrieben; hie und da aber dürfte die Organisation Aufgaben der Staatsicherheit übernommen haben. In einem Edikt von 1677 wurde bestimmt, dass nur Samurai Mitglieder der Sekte werden dürften und dass diese sich keiner lokalen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen hatten – ein Privileg, das sicherlich auch missbraucht wurde.
Darüber hinaus besassen die Mitglieder der Sekte das Privileg, als einzige das Spiel der Shakuhachi zu pflegen. (Es ist übrigens wahrscheinlich, dass die Sekte dieses Monopol mit einer bewusst in Umlauf gesetzten Legende von der Einführung der Flöte aus China durch japanische Zen-Priester erreichte; die Herkunft des Instrumentes ist noch heute nicht befriedigend geklärt.) Da die Komuso ihren Kopf unter einem bienenkorbähnlichen Hut versteckten und zahlreiche Schwindler sich ihr Äusseres zunutze machten, bestand für sie die Notwendigkeit eines Erkennungszeichens. So entstanden sogenannte Neshirabe, kurze Musikstücke, die von einem Komuso begonnen, vom andern zu Ende geführt werden mussten. In erster Linie bestand das Repertoire des Instrumentes jedoch aus den 36 Solostücken des Honkyoku, einer Sammlung von Kompositionen, die der geistigen Versenkung und der Schulung der Konzentration galten. Nach dem Verbot der Sekte verlor das Instrument seinen geistlichen Charakter weitgehend; es wurde in die japanische Kammermusik integriert und neue, rhythmisch und melodisch einfacher strukturierte Kompositionen entstanden. Zudem begann es, in allen Volksschichten Fuss zu fassen. Allerdings organisiert sich die Gemeinde des Shakuhachi-Spieler auch heute noch nach Ständen geordneten Schulen.
In der ursprünglichen Funktion der Shakuhachi ist die einzigartige Ästhetik ihres Spiels begründet, das, im Gegensatz zum Spiel der Koto, einer Art Wölbbrettzither, oder der Shamisen, einer Spiesslaute, über grosse dynamische Extreme und Schroffheiten im Klang verfügt. Auch nur zu einem Teil auf seine Konstruktion geht der rauhe Ton des Instrumentes zurück; er zeugt davon, dass der Atem seine Energiequelle ist, ebenso wie die zahlreichen, in erster Linie durch Kopfbewegungen erzeugten Verzierungen und Tonmodulationen, an denen der Schüler hart zu arbeiten hat («kubifuri sannen» sagt ein Sprichwort: Um das richtige Kopfschütteln zu beherrschen, braucht man drei Jahre).
Die Shakuhachi hat es im modernen Japan nicht immer einfach gehabt: die einzigartige Entstehungsgeschichte ihres Repertoires bringt es mit sich, dass ihre Sololiteratur in Japan selber im breiten, an Lieder und Kammermusik gewöhnten Publikum auf wenig Verständnis stösst, so dass die Stücke des Honkyoku, ähnlich wie bei uns Werke zeitgenössischer Komponisten, lediglich zwischen populäreren Formen der Musik dargeboten werden. Ein Nachlassen am Interesse der buddhistischen Flöte soll aber auch mit dem Aufkommen des Golfspieles zu tun haben: Für einen statusbewussten Japaner der oberen Mittelschicht ist es (laut einem auch in Japan anerkannten europäischen Meister des Instrumentes) beinahe unmöglich, nicht Golf zu spielen. Gerade aber aus den Kreisen der heutigen Golfer rekrutierten sich früher die Spieler. (wb)