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Der Sinfoniker Alexandre Tansman

01.06.2006 — Vor zwanzig Jahren, 1986, ist er in Paris, wo er über sechs Jahrzehnte lebte, im Alter von 89 Jahren gestorben. Alexandre (Aleksander) Tansman, der einst als Komponist, Pianist und Dirigent international erfolgreiche gebürtige Pole, der mit Ravel, Milhaud und Strawinsky befreundet war und für dessen Werke sich Toscanini, Stokowski, Kussewitzky, Ormandy, Klecki und viele hochrangige Instrumentalsolisten einsetzten, ist zu einer Randerscheinung der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts geworden.

Verständlich einerseits, denn Tansman, der ein enormes Œuvre schuf (darunter sieben Opern, ein Oratorium, Ballett- und Filmmusiken, neun Sinfonien, über zwanzig Konzerte, acht Streichquartette), war kein Revolutionär. Er verschmolz Einflüsse der Musik seiner Heimat Polen und von Skrjabin mit Neuerungen der Pariser Avantgarde (die er in den Zwanzigerjahren kennenlernte); typisch für seinen Stil sind zudem verfeinerte Chromatik, ostinate Rhythmik, polytonale Harmonik und Ausflüge in die Atonalität.

Andrerseits erstaunt es nicht, dass Tansmans Schaffen in jüngster Zeit wieder auf Beachtung und Resonanz stösst, denn er verfügte über ein exzellentes Handwerk, beherrschte mit unverkrampfter Perfektion Bildung und Entwicklung von Form und Material, beweist fundierte Instrumentenkenntnis und brillante Instrumentationskunst und überzeugt mit unaffektierter, nie effektheischerischer nobler Expressivität.

Das Label Chandos, das Melbourne Symphony Orchestra und dessen Chefdirigent Oleg Caetani haben nun die erste Gesamtaufnahme von Alexandre Tansmans Sinfonien an die Hand genommen. Vol. 1 enthält die Sinfonien 4 (1936-1939), 5 (1942) und 6 (mit gemischtem Chor im Finale, 1944, als Ersteinspielung).

Die drei Werke aus den Kriegsjahren (Tansman floh 1941 nach Kalifornien, kehrte 1946 wieder nach Paris zurück, wo er nun in künstlerischer Isolation arbeitete) erweisen den gewieften, der Neoklassik zuneigenden Harmoniker mit seinem Hang zum Romantischen, nehmen ein durch dramaturgisch gekonnten Aufbau und melodische Erfindungskraft, die auch in vielen Bläsersoli zur Wirkung kommt, durch die enorme Spannweite von zarten Stimmgeweben und irisierenden Schwebklängen bis zu greller Chromatik, nerviger Rhythmik und kompakten, durchwegs sparsam gesetzten Ausbrüchen.

Die Interpreten erweisen sich als motivierte, berufene Fürsprecher, die Tansman und seine persönlichkeitsstarke Sinfonik überzeugend wieder ins Gespräch und vielleicht gar zu gebührender Neubewertung im Konzertleben zu bringen vermögen. (ws)

Alexandre Tansman: Symphonies Vol. 1. Sinfonien 4, 5 und 6. Melbourne Symphony Orchestra, Melbourne Chorale. Leitung: Oleg Caetani. (Chandos SACD CHSA 5041; 68’) Bei Amazon kaufen

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