12.01.2007 — James Last und Bert Brecht? Der Schmusemusiker mit Weichspülermelodien und der Revoluzzer mit politischem Sendungsbewusstsein? Einmal haben sie sich zusammengefunden dank Kurt Weills Musik. Und mit vereinten Kräften – und formidablen Schauspielern – eine legendäre Schallplattenproduktion zustand gebracht.
Genau zweihundert Jahre nach der Premiere von John Gays und Johann Christoph Pepuschs «Beggar’s Opera» in London kam 1928 in Berlin die von der englischen Parodie auf die Prunkopern à la Händel inspirierte «Dreigroschenoper» zur Uraufführung. Während fast fünf Jahren erlebte das politisch ätzende Theaterstück von Elisabeth Hauptmann und Bert Brecht mit Musik von Kurt Weill tausende von Aufführungen in über zweihundert Inszenierungen. 1933 fiel der für lange Zeit letzte Vorhang auch über diesem Werk.
Historische Schallplattenaufnahmen von Teilen aus der «Dreigroschenoper» (der Titel geht übrigens auf die Anregung Lion Feuchtwangers zurück) stammen aus den Jahren von 1928 bis 1933 und wurden ab 1955 weitergeführt. Doch eine die 22 Musik- und Gesangsnummern und die gesprochenen Texte vereinigende Gesamtaufnahme, die lange am Einspruch der Witwen Helene Weigel und Lotte Lenya gescheitert war, konnte erst 1968 realisiert werden.
Die Firma Polydor, bei der James Last unter Vertrag stand, beauftragte ihn mit dem Neuarrangement der Musik und mit der musikalischen Leitung. James Last schliff zwar Weills für acht Musiker mit 21 Instrumenten konzipierter, nicht bis in Einzelheiten ausgearbeiteter Partitur einige Kanten ab, hielt sich indes an die Vorgaben und bewahrte das freche Patchwork von Jazz und Blues, Tango und Marsch, Jahrmarktsgedudel und Oper, Choral und Operette. Intonation und Zusammenspiel sind nicht auf Perfektion getrimmt, suggerieren gassenhauerische Improvisation und burschikose Farce. Für seine «Dreigroschenoper»-Leistung heimste James Last einen Preis der Deutschen Schallplattenkritik ein, den einzigen in seiner internationalen Karriere.
Für diese erste Gesamtaufnahme auf drei LPs (einige Striche und szenische Umstellungen waren von Helene Weigel abgesegnet worden) traf ein Team von bereits etablierten und von jungen Schauspielerinnen und Schauspielern im Studio zusammen: Helmut Qualtinger (Peachum), Berta Drews (seine Frau), Karin Baal (Polly), Hannes Messemer (Macheath), Martin Held (Brown), Sylvia Anders (Lucy), Hanne Wieder (Spelunken-Jenny), Hans Clarin (Finch), Franz Josef Degenhardt (Moritatensänger), Karl-Heinz Köpke (Ansager) und ein halbes Dutzend weiterer Männer.
Nicht das akustische Abbild einer Bühnenaufführung strebten die Beteiligten unter der Regie von Harald Vock an, sondern eine Hörspielfassung. Die bald vierzigjährige Aufnahme hat keine Patina angesetzt, bringt die Dialoge und Balladen, Lieder und Songs zum Glitzern, Funkeln und Sprühen, ein kraftstrotzendes Spiel auf allen Registern packender Darstellungskunst.
Wie die «Dreigroschenoper» entstand
Es begann mit dem Wagnis des 29-jährigen Ernst Josef Aufricht, der in Berlin im Herbst 1927 mit bescheidenem Kapital das verlotterte Schiffbauerdamm-Theater erwarb und sich aufmachte, zur Eröffnung ein geeignetes Stück zu ergattern. Bei wem er fündig wurde, wie Brecht und Elisabeth Hauptmann und Weill zur «Dreigroschenoper» kamen und in welchen Strudel von Turbulenzen und Querelen, von Verstimmung, Krach und Versöhnung alle Beteiligten gezogen wurden beim Ausarbeiten und Proben und Aushandeln der Tantièmen und Löhne bis zum Tag der Uraufführung am 31. August 1929, ist ein aufregendes Stück Theatergeschichte.
Peter Eckhart Reichel hat, aus vielen Quellen von Beteiligten schöpfend und die Materialien spannend ausbreitend, die «Dreigroschenoper»-Ereignisse gegen Ende der unaufhaltsam politisch nach rechts driftenden Weimarer Republik in die Form einer Hörcollage gekleidet, in eine facettenreiche Dokumentation, in der Autoren, Schauspielerinnen und Schauspieler, Musiker, Intendant, Regisseur und Ausstatter durch die Stimmen von Judy Winter, Friedrich Schoenfelder, Sylvester Groth, Thomas Pigor und vielen weiteren zu Wort kommen und in sachlichen Gesprächen und hitzigen Diskussionen aufeinandertreffen.
Die «Dreigroschenoper» wurde zum grössten Erfolg der Theatergeschichte ausgangs der Zwanziger-, anfangs der Dreissigerjahre: Allein in den ersten zwölf Monaten seiner Laufzeit erlebte das revolutionäre Werk in Europa 4200 Aufführungen. Und zwischen 1928 und 1933 kamen über fünf Dutzend Plattenseiten mit Instrumentalnummern und Songs in verschiedenen Versionen in den Handel.
Einige dieser historischen Dokumente sind in das inhaltlich wie formal packende Hörbuch integriert worden. Es treten auf legendäre Interpreten der Premiere wie Kurt Gerron, Erich Ponto, Harald Paulsen, Carola Neher und Lotte Lenja mit Unterstützung durch die Lewis Ruth Band und den musikalischen Leiter der ersten Stunde, Theo Mackeben. (ws)
Brecht und Weill: «Die Dreigroschenoper». Erste Gesamtaufnahme aus dem Jahr 1968. Regie: Harald Vock. Musikalische Leitung: James Last. (Polydor / Universal Music 442 8349. 2 CDs; 124’) bei Amazon kaufen
Die Entstehungsgeschichte der «Dreigroschenoper». Hörcollage von Peter Eckhart Reichel. Mit Originalaufnahmen 1927–1931. (duo-phon records, Edition Berliner Musenkinder 07023; 80’) bei Amazon kaufen