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Die Kraft der Deutung

24.10.2005 — Im Berner Musikwissenschafter Ernst Kurth (1886-1946) fand Anton Bruckner einen Geistesverwandten, der ihm mit seiner grossangelegten Monographie ein ähnliches musikalisches Denkmal setzte wie Spitta Bach oder Abert Mozart. Kurth, der als Ordinarius dem Berner Lehrstuhl zu Weltgeltung verhalf, entwickelte in seinen Hauptwerken «Grundlagen des linearen Kontrapunktes» und «romantische Harmonik und ihre Krise in Wagners ‚Tristan’» eine Theorie der Tonenergien, deren metaphysische Grundlagen heute zwar überholt scheinen; noch immer aber vermag die Originalität seiner sprachlichen Beschreibungen musikalischer Sachverhalte geduldige Leser zu fesseln und ihnen die Ohren für subtile Klangvaleurs und kontrapunktische Feinheiten zu öffnen.

Ein Beispiel dafür bildet die Deutung der e-Moll-Messe Bruckners (Ernst Kurth, «Bruckner», Berlin 1925, II. Band, Seiten 1216-1235). Schwierig zu entscheiden ist zum Beispiel, wie weitgehend er seine plastische Schilderung der musikalischen Raumbewegungen bildhaft hätte verstanden wissen wollen – die Entwicklung der musikalischen Energetik in der «Romantischen Harmonik» könnte durchaus auch darauf hinweisen, dass er den Tönen tatsächlich so etwas wie eigenen Willen zuzusprechen bereit gewesen wäre: «Doch während nun bei jener plastisch-darstellerischen Motivbildung der klassischen und neueren Zeit, wie auch in Bruckners anderen Messen, das Empordringen zur Höhe überwiegt, herrscht hier wie bei der alten kirchlichen Mehrstimmigkeit eher ein Herabschweben von der Höhe vor; es muss sich nicht gerade in durchgängig sinkenden Linien äussern, derart wie auch durch die ganze d-Moll-Messe eine motivisch hervortrat, sondern beruht oft mehr in leicht herabschwebenden, oft ekstatisch-flugartigen Bewegungen, die zur Höhe ausgreifen, um wieder Raum für das langsame Niedersinken zu gewinnen.»

«Ekstatisch», «zur Höhe ausgreifen» … was ist Musik? Ein mit Willen begabter Organismus? Oder lediglich ein Symbolsystem, mittels dessen auf anderes Aussermusikalisches – auf Ekstase zum Beispiel – verwiesen wird? Wer greift da aus? Oder ist Musik eine Art Stimulans, ein Rauschmittel, das Ekstase erzeugt wie eine Droge Halluzinationen hervorruft? Erstaunlich an Kurths Sprache ist, dass sie trotz dem intuitiven, sich um wissenschaftstheoretische Skrupel kaum kümmernden Mystizismus poetische Präzision und bildhafte Anschaulichkeit besitzt, die von späteren Autoren kaum je erreicht worden ist.

Zugute kam Kurth da, dass er sich noch innerhalb desselben Rahmens jüdisch-christlicher Religiosität bewegen konnte wie der Komponist Bruckner selber. So darf er in seiner Ausdeutung noch einen Schritt weitergehen und die geistige Bedeutung dieser Messe aufschlüsseln: «In der neuen Melodik liegt mehr das Suchen, der Drang, das Zyklopische, wie es auch in den Mittelsätzen der e-Moll-Messe gelegentlich herausbricht, das Aktive, hier aber mehr in der alten Kirchenmusik das Erlöste, Passive, die Gnadenempfängnis; Friede und Heilsverheissung liegt in dem herabschwebenden, getragenen Grundzug, und es hängt mit dem Charakter der ganzen Kunstauffassung, auch mit der Vorstellung vom herabflutenden Engelsgesang zusammen.»

Kurth exemplifiziert damit die gefühlsmässige Vorstellung, die der Mensch mit dem Heil verbindet: Es löst die Spannungen und Energien auf – in der Musik sieht er diese durch die gewonnene Höhe zum Ausdruck gebracht. Zugleich ist ihm das Heil etwas, das der Mensch passiv empfängt, das ihm zukommt, wenn er zuvor eigene Anstrengungen im «Suchen und Drängen» unternommen hat. Da verbirgt sich hinter der scheinbar unvoreingenommenen Beschreibung eine bestimmte religiöse (namentlich katholische) Grundhaltung; Musik wird so zum Medium theologischer Reflexion.

Auch wenn diese bunte Mischung aus Metaphysik, Theologie, Musikwissenschaft, Ästhetik und Sprachphilosophie kaum mehr zeitgemäss erscheint, lässt sich von Ernst Kurth auch heute nicht weniges lernen. Stilistische Sicherheit etwa, oder unprätentiöse Klarheit und Dichte der gedanklichen Darstellung – vor allem aber eine eingehende, inspirierte Beschäftigung mit der Materie, assoziative Kraft und Genauigkeit der poetischen Sprache.

Die Faszination seiner Ideen muss gerade für diejenigen, die seine metaphysischen Voraussetzungen nicht teilen können, eine Herausforderung bilden und sie dazu anspornen, auf nüchterner theoretischer Grundlage sich nicht mit qualitativ weniger hochstehenden Werkdeutungen zufriedenzugeben. (wb)

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