Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Dino Saluzzi, gemessen schreitend

17.10.2003 — Der Bandoneonspieler Dino Saluzzi hat bei ECM vor «Responsorium» neben zahlreichen Ensemble-Werken bereits eine andere Trio-Einspielung veröffentlicht, «Cité de la Musique» mit Marc Johnson am Bass und seinem Sohn José Maria Saluzzi an der akustischen Gitarre. Auf dem in typischer ECM-Art etwas preziös gelabelten «Responsorium» ersetzt der Schwede Palle Danielsson Marc Johnson.

Mit «Responsorium» wird in der Regel ein liturgischer Gesang im Kehrvers bezeichnet, und damit hat das jüngste Werk Saluzzis – abgesehen vom beinahe durchgehenden und dadurch etwas ermüdend gemessenen Einherschreitens im Tempo – kaum etwas zu tun. Die neun Titel dokumentieren viel mehr die Suche nach einer Vereinigung der Expressivität eines Tango-Liedes mit dem sanften Pulsieren kammermusikalischen Jazzes. Zur Seite steht den Musikern dabei der norwegische Toningenieur Jan Erik Kongshaug. Er hat das Trio 2001 in einem Studio in Oslo aufgenommen und dabei die Intimität des Ensembles stark betont. Die Mikrophone dienen als Seismographen, welche die Knopfgeräusche des Bandoneons genauso registrieren wie die Fingerarbeit des Bassisten. Einzig die Gitarre, die klanglich etwas zu nahe an den Bass gerückt wird, will sich nicht so recht ins Gesamtbild fügen. Vermutlich ist das akustische Instrument mit einem Pickup-System verstärkt worden, was ihm im Vergleich zu den vollständig akustischen Partnern ein etwas verflachtes, fast ein wenig billig wirkendes Timbre gibt.

Dino Saluzzi gelingen als Instrumentalist überaus dichte Passagen, in denen das Bandoneon frei und sensibel atmet. Als Komponist erreicht er hingegen nicht dieselben Höhen. Zwar kreiert er immer wieder kunstvolle Klanggebilde, in der Regel muten Melodien und Harmonik jedoch nicht zwingend an und setzen sich im Hörer auch nicht wirklich fest. Die grösseren Bögen scheinen gar beliebig anmutende Passagen aneinander zu reihen. Ab und zu (zum Beispiel in «Mónica») hat man überdies den Eindruck, es komme zum offenen Bruch zwischen dem auftaktigen, fast asthmatischen Gestus der vom Tango inspirierten schwerblütigen Motivik und ihrer Fortführung in den elegant und leicht perlenden Jazz-Licks, wie sie heute vor allem von Absolventen der Berklee School of Music zur Dutzendware gemacht worden sind.

In den klanglich interessantesten Passagen der CD finden sich immer wieder strukturgebende Bordun- und Unisono-Passagen, da schimmert das Klangpotential der Formation durch, die mit subtiler durchgestalteten Arrangements sicherlich mehr Innenspannung, Tiefe und Raum erreichen könnte. Möglicherweise wäre eine Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Arrangeur deshalb ein Gewinn.

Die Einwände mögen etwas streng erscheinen, denn wenn Dino Saluzzi und seine Mitmusiker ein nicht in allen Aspekten ausgereiftes Album vorgelegt haben, so muss doch zugestanden werden, dass es sich um ein Scheitern auf hohem Niveau handelt und man die weitere Entwicklung der Musik des argentinischen Virtuosen erwartungsvoll weiterverfolgen wird. (pb)

Dino Saluzzi, «Responsorium», Dino Saluzzi (Bandoneon), Palle Danielsson (Bass) José Maria Saluzzi (Gitarre). Titel: A mi hermano Celso; Mónica; Responso por la muerte de Cruz; Dele…, Don!!; Reprise: Los hijos de Fierro; La pequeña historia de…!; Cuchara; Vienen del sur los recuerdos; Pampeana «Mapu», ECM 1816 (017 069-2), München 2003

Schreibe einen Kommentar