02.07.2013 — David Zinman sitzt mitten im Orchester, zwischen Zweiten Geigen und Bratschen, neben sich eine Videokamera, vor sich ein Notenpult. Der Platz erlaubt ihm frontale Sicht auf die Teilnehmerin, den Teilnehmer des Dirigierkurses, den er zum vierten Mal in der Zürcher Tonhalle durchführt. Er lässt, bloss beobachtend, ganze Werkpassagen, ja Werke durchdirigieren, bevor er in sets gleicher, freundlich-distanzierter Art Details zu erörtern beginnt. Die jungen Talente haben schliesslich nicht alle Tage ‒ teilweise auch zum ersten Mal ‒ die Gelegenheit, zu erleben, wie ein Spitzenorchester auf sie reagiert.
Die Teilnehmer beschränken sich aufs Dirigieren, winken nie ab, geben keine verbalen Erklärungen zur Deutung der Werke, setzen höchstens dann und wann einmal neu an, wenn im Orchester einzelne Stimmen auseinanderdriften. Es herrscht konzentrierte, recht nüchterne Werkstattatmosphäre, aufmerksam aufgenommen von einem interessierten Publikum, einigen Dutzend Zaungästen auf Galerie und im Parkett. Der Grossteil des Saales ist (etwa ab der achten Parkettreihe) mit einem Vorhang abgetrennt, so dass ein kleinerer, intimerer Raum entsteht, in dem sich Orchester und Dirigierende näher scheinen, als sonst im dem Saal üblich.
Dirigierkurse werden immer mehr angeboten. Sie sind beim Publikum beliebt, werten ein Festival oder Residenzorchester auf und passen sich gut ein in die erweiterten Aufgaben von Musikinstitutionen, welche die Grenzen zwischen Konzertangeboten sowie Vermittlungs-und Ausbildungsaufgaben immer durchlässiger werden lassen. Der Kurs Zinmans ragt darüber hinaus. Er kann nicht dem Zeitgeist zugeordnet werden, ist der amerikanische Dirigent doch eine Ikone der Dirigierausbildung.
Von 1985 bis 2009 war er musikalischer Leiter des Aspen Musikfestivals, eines der globalen Leuchttürme der Nachwuchsförderung in Sachen Dirigieren ‒ bis seine und die Vorstellungen des Geschäftsführers Alan Fletcher zum Festival sich nicht mehr unter einen Hut bringen liessen. Die Dauer des Anlasses sollte gekürzt und die Mitarbeiterzahl reduziert werden. Zinman legte 2010 noch vor Beginn des Kurses sein Amt per sofort nieder. In der Tonhalle hat er einen alternativen Ort gefunden, um seine pädagogische Arbeit fortzuführen.
Auch wenn Zinman als eine der Persönlichkeiten in der Talentförderung seines Faches betrachtet werden kann und er in Aspen ein eigenes Programm entwickelt hat, ist seine Mentorenarbeit nicht einer bestimmten Ästhetik oder Schule verpflichtet. Seine Interventionen beschränken sich auf einzelne recht sachliche Hinweise zur Schlagtechnik und zum allgemeinen Phänomen der Übertragung zwischen Dirigent und Orchester. Dabei beharrt er immer wieder darauf, dass der Orchesterleiter seine Ideen klar und transparent in gestische Anweisungen umzusetzen habe und sich nicht vom Orchester führen lassen dürfe («nicht auf das Orchester warten!»), sondern vielmehr dieses aktiv anleiten solle.
So selbstverständlich dies auch klingen mag, einige Teilnehmer folgen zeitweise tatsächlich lieber dem Orchester, als dass sie wirklich Führungsanspruch anmelden würden. Zuviel Respekt vor dem Weltklasseorchester und seinem erfahrenen Chefdirigenten? Zinman kümmert‘s nicht. Ist einem Register oder Orchestersolisten eine Passage unklar, bittet er den Kursteilnehmer auch mal, die betreffende Stelle vorzusingen, damit sie nachvollziehbar wird. Eine gute Übung in persönlicher Souveränität.
Die Gestik des einen scheint Zinman zu nachlässig («too sloppy»), einem andern zeigt er, wie er statt aus dem Ellbogen mit weitaus ökonomischerem Aufwand aus dem Handgelenk klarere und für die Musiker besser lesbare Zeichen geben kann. Ökonomie der Schlagtechnik ist überhaupt eines der Hauptthemen des Routiniers; sie dürfte es auch über eine ganzen Lebenszyklus jedes Dirigenten sein, der ‒ man beobachte nur einmal gestandene Vertreter des Faches wie Zinman selber oder Abbado ‒ mit immer weniger kinetischem Aufwand einen Klangkörper letztlich immer sicherer führen.
Deutungen der Musik oder Emotionalisierungen der Arbeit sind die Sache Zinmans nicht, auch Kunststücklein oder Pointen für die Galerie gibt’s nicht. Die Hinweise beschränken sich auf Formales wie die Art, ein Crescendo richtig herauszuarbeiten, oder die Notwendigkeit, einem Register die Zwei eines Taktes deutlich anzuzeigen, damit es in der Phrasierung einer Solpassage richtig geführt wird. Die Dialoge wirken manchmal wie Handwerker-Fachsimpelei an ‒ wo ist denn nun der Hobel oder die Säge anzusetzen, um die richtige Form des eingespannten Bauteils zu finden?
Gelegentlich stellt Zinman Suggestivfragen. Weshalb beginnen die zweiten Geigen in diesem und diesem Takt bei einer Begleitfigur anzuziehen? Von den Teilnehmern kommen meist vage, eher empathische Anworten. Weil sie die Viertelnote nicht ausspielen, lautet der nüchterne Hinweis Zinmans. So füllt sich nach und nach der Baukasten der jungen Dirigenten mit einer Fülle an Tipps und Tricks. Vor allem darum geht es letztlich in solchen Kursen.
Nur selten verlässt Zinman den sicheren Boden des So-wird’s-gemacht. Von einem Teilnehmer wünschte er sich in der Interpretation einer Berlioz-Ouvertüre etwa «mehr Wildheit». Aber auch in diesem Fall bleibt die Anweisung im Rahmen praktisch umsetzbarer Hinweise.
Zinman hat den Dirigierkurs in der Zürcher Tonhalle nun zum vierten Mal durchgeführt. Er konnte aus 150 Bewerbungen auswählen, darunter fanden sich 20 Dirigentinnen; das sind gut 13 Prozent Anteil an den Gesamteingaben, wenn man die Milchbüchleinrechnung machen will. Unter den 8 ausgewählten findet sich ein Frau, die in Zürich lebende Leitern des Arosa Musik Theaters Zoi Tsokanou. Der Frauenanteil entspricht damit ziemlich genau dem Geschlechterverhältnis bei den Bewerbungen. Eine bewusste oder unbewusste Frauenquote? Man könnte das als politisch korrekte Erbsenzählerei abtun, hätte sich die gebürtige Griechin nicht als eine der stärksten Persönlichkeiten im Feld erwiesen. Und das Thema Dirigentinnen ist ‒ trotz Simone Young, Marin Alsop, Susanne Mälkki oder den in der Schweiz wirkenden Lena-Lisa Wüstendörfer und Graziella Contratto ‒ nach wie vor ein sensibles.
Zinman, der nun als Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters zurückgetreten ist, wird den Kurs in Zürich übrigens fortsetzen, wie er in einem Gespräch mit Journalisten in der Mittagspause verrät. Da erklärt er übrigens auch, er zeige den Teilnehmern nicht vor, wie etwas gemacht werden müsse, nur damit sie ihn dann imitierten, statt zu ihren eigenen Lösungen zu finden. Gleich nach der Pause wird er dem Prinzip allerdings ein erstes (aber zugegebenermassen seltenes) Mal untreu, als er vorzeigt, wie im Übergang vom Adagio zum Allegro non troppo zu Beginn des ersten Satzes von Tschaikowskys «Pathétique» der Übergang von den Bratschen zu den Flöten mit einem fast beiläufigen, aber organischen Fingerzeig zur Selbstverständlichkeit wird. Im unflexiblen Taktschlagen des Teilnehmers hatten sich die Flöten zunächst nicht zurechtgefunden.
Der Kontrast ist verblüffend, der Nachwuchsdirigent aber auch etwas im Hintertreffen, dirigiert doch Zinman «sein» Orchester , mit dem er über Jahre zusammengewachsen ist. So ist auch kaum feststellbar, wie weit die leicht und selbstverständlich wirkende Einheit tatsächlich Zinmans Dirigiertechnik und wie weit seinem «Heimvorteil» zuzuschreiben ist.
Etwas macht Zinmans Kurs einmal mehr klar: die Zeiten der grossen väterlichen Charismatiker und Pultstars sind vorbei. Keine Celibidaches, Bernsteins und Karajans mehr prägen das Orchesterleben, es sind die Zinmans, Rattles und Pappanos… Pragmatiker, die sich als Orchesterarbeiter verstehen, nicht prophetische Weltendeuter. Das ist auch gut so.
Teilnehmer des Kurses waren Joseph Bastian (musikalischer Leiter des Abaco-Orchesters, Sinfonieorchester der Universität München), Pablo Rus Broseta (Musikdirektor der Group Mixtour und Assistenzdirigent des Joven Orquesta de la Generalitat Valenciana), Isaac Gonzales (Universität von Valencia), Yang Chiao (Musikdirektor des New Haven Chamber Orchestra), François López-Ferrer (ab kommenden September Studierender der ZHdK), James Lowe (Chefdirigent des Edinburgh Contemporary Music Ensemble), Zoi Tsokanou (Leiterin Arosa Musik Theater), Francisco Valero-Terribas (freier Dirigent).
Die gespielten Werke: Ernest Bloch: Schelomo, Hebräische Rhapsodie für Cello und Orchester (mit Alexander Neustroev als Solist), Hector Berlioz: Le carnaval romain op.9, Wagner: Vorspiel zu «Parsifal», Pjotr Tschaikowsky: Sinfonie Nr.6 «Pathétique», Felix Mendelssohn: Sinfonie Nr. 3 «Schottische».
(wb)
4. Internationaler Dirigierkurs David Zinman, Tonhalle Zürich, 30. Juni bis 2. Juli 2013 (besuchter Tag: 1. Juli)