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Duo d’Accord: Debüt mit Reger

24.12.2004 — Max Reger (1873–1916), Ehrendoktor der Medizin, exorbitant in der handwerklichen Souveränität, der Verästeltung der Harmonik und als Vertilger von Esswaren, Pilsener und Zigarren, war als Anekdoten-Produzent ebenso fruchtbar wie als Komponist. Sein Intimus Karl Straube, Thomaskantor und Organist, der fast alle von Regers Orgelkompositionen uraufgeführt hat, schrieb augenzwinkernd von «pathologischer Neigung zu sehr grossen Quantitäten».

Das Etikett des routinierten Vielschreibers wurde Reger nie los, und die zeitgenössische Musikkritik bedachte Werke des Oberpfälzers nicht selten mit ehrenrührigen Charakterisierungen. Andrerseits gestand Arnold Schönberg, der um ein Jahr jüngere Kollege, dass Regers Schrift «Beiträge zur Modulationslehre» (Leipzig 1903) seinen Weg zur Zwölftontechnik beeinflusst habe.

Max Reger selbst sah sich, wie er in Aufsätzen formulierte, als «radikaler Fortschrittler» auf der Basis «genauester Kenntnis» der Werke der Meister und des Studiums ihres handwerklichen Könnens. Darin erwies sich Reger, der über exzellente Gedächtnisgaben verfügte, als würdiger Nachfahre und Weiterschreitender. Er gebot über das ganze Arsenal an Formen, Satz-, Motiv- und Variationstechniken, öffnete in monumentalen Werken wie in intimen Miniaturen neue Perspektiven der thematischen und der formalen Entwicklung.

Hohe Anforderungen an Interpreten wie Hörer stellen die kompositorische Dichte der Partituren, die Intensität im Expressiven zwischen Polen wie Pathos und Verzweiflung, Humor und Tragik, Zartheit und Zerrissenheit, Ruhe und Hektik – ein Spiegel von Regers Persönlichkeit, oft ein Wechselbad der Gefühle auf kleinem Raum. «Ungeahnte seelische Stimmungen» auslösen wollte Reger mit seiner Musik, in der er, ohne die Tonalität zu zerfasern, weit über Richard Wagners harmonische Komplikationen hinausgeht.

Der Weg zu Regers Qualitäten ist noch immer gepflastert mit Vorurteilen. Das belastendste ist die (im Dritten Reich forcierte) Betonung der retrospektiven Aspekte seines Schaffens anstelle der spannungsvollen Brückenstellung Regers zwischen Spätromantik und anbrechender Moderne. Während sich ein Teil von Regers Orgelwerk (vorab die grossen Choralfantasien) im Repertoire hält, findet seine Kammermusik noch heute kaum Beachtung.

Erstaunlich und hocherfreulich deshalb, dass ein Klavierduo für sein Debüt-Album sich nicht an Mozart oder Schubert klammert, sondern an Max Reger erinnert. Das vor fünf Jahren gegründete Duo d’Accord – die Taiwanesin Shao-Yin Huang und der Deutsche Sebastian Euler – stellte sich höchsten Anforderungen. In den Sechs Stücken op. 94 (1906) ernsten Charakters, in den Sechs Burlesken op. 58 (1901) für Klavier zu vier Händen und in Variationen und Fuge über ein Thema von Beethoven op. 86 (1904) für zwei Klaviere gilt es ein bis in Finessen des kantablen Anschlags, der Artikulation, der Pedalbehandlung und des Ausdrucks perfekt austariertes Duospiel zu bewundern; es überzeugt mit Nüancen von ätherischer Schwerelosigkeit bis zu machtvoller Fülle, mit feinsinniger Klangregie und emotionaler Kraft. Eine fulminante Ehrenrettung des vernachlässigten «Fortschrittlers» und ein Zeugnis herausragender Interpretationskunst. (ws)

Max Reger: Works for Piano Duo. Duo d’Accord. (Oehms Classics OC 353; 72’)

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