27.02.2004 — Der Uraufführung der Matthäuspassion am Karfreitag 1729 in der Leipziger Thomaskirche – Bach brachte beide Teile zu Gehör – scheint nichts Ereignishaftes eigen gewesen zu sein, und über spätere Aufführungen des monumentalen Werkes zu Zeiten seines Schöpfers ist nichts überliefert. Es bedurfte des Genies des jungen Felix Mendelssohn, um das Werk aus dem Dornröschenschlaf zu wecken und die Wiederaufführung, teilweise gegen die Widerstände und Zweifel des eigenen Lehrers Zelter, aber auch der Singakademie, die das Unternehmen als Mendelssohns Privatanliegen betrachtete, zu dem Anlass des europäischen Musiklebens werden lassen. Treu zur Seite standen ihm vor allem der Schauspieler Devrient und dessen organisatorisches Talent, was ihn einmal zu der Bemerkung veranlasste, es hätte eines «jüdischen Knaben und eines Komödianten» bedurft, um den Protestanten ihr grösstes religiöses Musikwerk wiederzugeben. Aber auch der Musikkritiker Adolf Bernhard Marx steuerte mit einer wahren Zeitungskampagne viel dazu bei, die Aufführung von 1829 zum grossen Ereignis werden zu lassen.
Vieles, was die Bedeutung der Matthäuspassion in späterer Zeit ausmachen sollte, ist in der Berliner Wiederaufnahme durch die Singakademie begründet. Drei grosse Ideenkreise scheinen – folgt man den Ausführungen Martin Gecks in seiner Publikation über «die Wiederentdeckung der Matthäuspassion» – für die überragende Bedeutung der Passion verantwortlich gewesen zu sein. Sicherlich diente sie in der Zeit des sich formierenden deutschen Nationalstaates als willkommenes Symbol für nationale Romantik, die man den «seichten Modeströmungen» des Auslandes glaubte entgegensetzen zu müssen; Bach wird in zeitgenössischen Rezensionen denn auch als Heros des nationalen goldenen Zeitalters gefeiert. Zudem konkretisierte die Passion die Idee einer Gefühlsreligion, wie sie etwa von Schleiermacher propagiert wurde: Ihre gemüthafte Tiefe schien, angesichts der dürren, geschichtslosen Vernunfttheologie der Zeit, ein neues Verständnis für die unmittelbare Kraft christlicher Offenbarung aufzuzeigen. Nicht zuletzt fügte sie sich aber auch hervorragend in die Ideen über das musikalische Ideenkunstwerk ein, die anhand des Beethovenschen Spätwerkes zum Beispiel von Adolf Bernhard Marx entwickelt worden war. Im Werk Bachs findet Marx vor allem eine Idee letztgültig verwirklicht: die «Religions-Idee».
An die Berliner Aufführung durch Mendelssohn schliessen sich in kurzer Folge Wiedergaben in Frankfurt, Breslau, Stettin, Königsberg, Kassel und Dresden an. Dann jedoch tritt in der Aufführungsgeschichte der Matthäuspassion eine Stagnation ein. Es bedurfte eines Wagners, um die interpretatorischen Massstäbe zu setzen, die eine Aufführung des schwierig zu singenden Werkes wieder ermöglichten. Damit aber verbindet sich das Schicksal des wagnerschen Musikdramas mit demjenigen der Matthäuspassion. Der «authentische» Klang der Partitur wurde zugunsten eines wuchtigen Orchesterapparates zurückgedrängt, und es fehlte nicht an Versuchen «zeitgemässer» Neuinstrumentierungen, etwa durch das Hinzufügen von Posaunen (!). erst die Sing- und Orgelbewegung der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts hob das Ideal der «Werktreue» wieder auf ihren Schild. (wb)