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Einar Englunds Klavierkonzerte

16.11.2003 — Kaum je fassen mitteleuropäische Interpreten, Konzertveranstalter und Tonträgerproduzenten die Musik der nordischen Länder – Norwegen, Schweden, Finnland – in den Blick; Sibelius muss hie und da herhalten, die mangelnde Entdeckungsfreude zu kaschieren. Neugierige sind in der Regel verwiesen auf Tonträger-Produktionen einheimischer Firmen, wie im Fall des Finnen Einar Englund (1916–1999).

In Finnland, einem kleinen Land mit grossen Komponisten, kümmern sich hauptsächlich drei Labels intensiv um die nationale traditionelle und moderne Musik: BIS, Finlandia und Ondine. Einar Englunds angenommen hat sich Ondine: Auf vier einzeln erhältlichen CDs liegen dessen sieben Sinfonien, entstanden zwischen 1946 und 1988, das Cellokonzert und die Konzertsuite zu Max Frischs Stück «Die chinesische Mauer» vor; erschienen ist nun eine Einspielung der beiden Klavierkonzerte.

Insgesamt hat Englund – er gilt mit Leevi Madetoja (und neben Sibelius) als wichtigster Sinfoniker seines Landes – ein halbes Dutzend Konzerte für Soloinstrumente geschrieben. Seine beiden dreisätzigen Klavierkonzerte brachte der Komponist, der ein exzellenter Pianist und Improvisator war, selber zur Uraufführung. Das erste Konzert aus dem Jahr 1955, mit dem er einen Kompositionswettbewerb der Finnischen Kulturstiftung gewann, interpretierte er Dutzende Male; es wurde zum populärsten Werk Englunds und blieb bis heute das meistgespielte Klavierkonzert eines Finnen.

Einar Englund, der führende Neoklassizist nach den Erschütterungen und Desillusionen des Zweiten Weltkriegs, hielt sich an Bewährtes in Gliederung, Aufbau, Faktur, Entwicklung, Tonalität und Instrumentation. Traditionelle, aus der Pianistik heraus entwickelte Gestik prägt das 1. Konzert des knapp Vierzigjährigen, der sich inspirieren liess von Prokofiew, Chatschaturjan und vom späten Bartók. Auffallend sind die brillante Instrumentation mit einer Vorliebe für Holz- und Blechbläser, die thematische Verklammerung des Finales mit dem Kopfsatz, der bartóksche Ausbruch im Larghissimo und die Fuge im Schlusssatz sowie die Betonung der schlagzeugartigen Charakteristiken des Soloinstruments.

Im Schatten des Erstlings steht das 2. Klavierkonzert aus dem Jahr 1974 wohl, weil es grössere Ansprüche an das analytische Hören stellt, den Typ des sinfonischen Konzerts verkörpert. Die drei Sätze werden aus dem gleichen Kernmotiv heraus entwickelt, das thematische Material ständiger Variation und kontrapunktischer Verarbeitung unterzogen, die Führung einmal dem differenziert eingesetzten Orchesterapparat, dann wieder dem Klavier überbunden.

Matti Raekallio, einer der profiliertesten Pianisten Finnlands, verfügt über die Energie und die handwerklichen wie die musikalischen Gestaltungsmittel, um den vertrackten, mal kompakten, mal luziden Klaviersatz mit einer breiten Anschlagspalette vom schwerelos perlenden Lauf bis zum Akkordkaskaden-Martellato zu eloquenter Wirkung zu bringen. Und das mit dem Solisten ideal harmonierende Philharmonische Orchester Tampere unter Eri Klas bleibt der Partitur nichts schuldig an opulentem Glanz und sensitiver Kantabilität. Noch viel Sibelius steckt in der plakativ-wirkungsvollen Zugabe, Einar Englunds Ouvertüre «Epinikia» aus dem Jahr 1947.

Wer sich über die vielen Facetten der Musik Finnlands – auch im Bereich von Folk, Jazz und Pop – ins Bild setzen möchte, findet auf der Internetseite des Finnish Music Information Centre FIMIC eine Fülle von Materialien (www.fimic.fi). (ws)

Einar Englund: Klavierkonzerte 1 & 2/Epinikia. Matti Raekallio, Klavier. Tampere Philharmonic Orchestra. Leitung: Eri Klas. (Ondine ODE 1015-2; 53’)

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