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Ewa Kupiecs «Conception»

20.03.2006 — John Cages Idee, ein Klavier mit Hilfe der vielfältigsten Materialen zu präparieren und damit klanglich zu verfremden, war zur Zeit seiner Realisierung eine geniale Form des verspielten musikalischen Querdenkens. Im Grunde genommen mutet sie noch heute überaus modern an, und so ist man immer wieder selber erstaunt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass dem amerikanischen Avantgardisten der Einfall bereits 1938 gekommen ist. Seine Angaben dazu, wo man zwischen welchen Saiten welche Nägel, Schrauben, Gummistücke und so weiter zu klemmen habe, sind so akribisch wie – angesichts der variablen Instrumentengrössen – unsinnig. Folgenreicher ist allerdings, dass die Art der Präparierung aus dem Klavier ein völlig neues Instrument macht, auf dem sich zwar die cageschen Sonaten und Interludien wiedergeben lassen, dem aber die Möglichkeiten des nicht präparierten Instruments nicht mehr zur Verfügung stehen.

Diesen Mangel versucht der amerikanische Komponist Randall Meyers mit einer eigenen Präpariervariante auszumerzen. Für die von der kongenialen Pianistin Ewa Kupiec eingespielten hochklassigen Solowerke «A Ring Around Silence», «3 Poems For The Night And The Half-Light» sowie «Labyrinth» hat er ein Klavier kreiert, das seine Charakteristik weitgehend beibehält, aber mit ausgewählten Modifikationen um einzelne perkussive Klänge erweitert ist. Dies erlaubt das Schreiben einer Art solistischer Kammermusik für Klavier und Perkussion mit hochintegriertem Klangbild anstelle der gamelanartigen Kompositionen, wie sie Cage noch geschaffen hatte.

Die unterschiedliche Präparierung ist aber nicht die einzige Differenz gegenüber dem historischen Vorbild. Meyers Werke sind freitonal und hochexpressiv gehalten und spielen mit der Gegenüberstellung von repetierten Mustern und impulsiven, narrativen Melodiefragmenten. Eine spezielle klangliche Tiefenwirkung erreicht der Komponist, indem er über weite Strecken ein konstant niedergedrücktes Pedal vorschreibt, womit sich aus den Resonanzen eine Art filigraner Hintergrund aufbaut. In ganz kurzen Partien des «A Ring Around Silence» mutiert dieser gar zu beinahe fotorealistischer Klangmalerei von Wind- und Donnerklängen.

Im «Trittico» Meyers, ursprünglich als Auftragswerk für die Olympischen Winterspiele von 1994 entstanden und für den Cellisten Truls Mørk geschrieben – gesellt sich zu der Pianistin der Cellist Øystein Birkeland. Es stellt drei Sätze einander gegenüber, die einerseits eine Art schnelle Maschinenmusik in ungeraden Metren und in einem langsamen Satz ein Vier-Achtel-Ostinato mit statischer, durch Flageoletts und Flautandi angereichterte Cellostimme kombinieren. Andererseits entfächert der dritte Satz einen parodistisch anmutenden «Danse macabre» im Dreitakt, der mit aus dem Tango nuevo bestens vertrauten Synkopen die ideale Überleitung zur letzten Komposition – Antonio Bibalos nicht minder gelungener «Tango Sonata» – darstellt.

Die Sonata lässt trotz ihres Namens nur mit viel Aufmerksamkeit Resterinnerungen an typische Tangomuster erkennen. Die Art, wie der italo-norwegische Komponist das argentinische Vorbild in distanziert-kristalline, aber doch kantige Form bringt, mutet ein wenig an wie der Umgang, den sich Ravel in «La Valse» mit der Wiener Dreitaktseligkeit erlaubt hat.

Die künstlerischen und technischen Fähigkeiten der hervorragenden Pianistin – sie wirkt auch als Koproduzentin – und des Cellisten sind in diesen Aufnahmen über alle Zweifel erhaben. Da die beiden ihre Interpretationen in enger Zusammenarbeit mit den Komponisten erarbeitet haben, kann auch davon ausgegangen werden, dass sie deren Intentionen getreue Fürsprache angedeihen lassen. (wb)

Ewa Kupiec: «Conception»; Werke von Randall Meyers für Klavier solo («A Ring Around Silence», «3 Poems For The Night And The Half-Light», «Labyrinth») und Klavier und Cello («Trittico», Cello: Øystein Birkeland) sowie Antonio Bibalo («Sonata Tango» für Klavier solo); Solaris Records 2005, ASIN B000A13984

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