| 13.10.2003 — Als Ferde Grofés «Tabloid Suite» in der New Yorker Carnegie Hall erstmals gegeben wurde, ergänzten das Orchester vier Schreibmaschinen, ein Revolver, ein Maschinengewehr, eine Ambulanz-Sirene, eine Polizeipfeife und eine klappernde Telegraphen-Taste. So wie der Revolver auf dem Hintergrund von schmetternden Blechbläsern und rollenden Trommeln abgefeuert wurde, schrieb die «New York Times», habe er das vornehme Publikum buchstäblich aus Sitzen und Anzügen geblasen.
Soviel zur Lust am Effekt des amerikanischen Populärmusik-Komponisten Ferde Grofé, der heute beinahe vergessen ist, als Arrangeur zwischen 1919 und 1933 dem legendären Orchester Paul Whitemans jedoch einen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt und damit amerikanische Musikgeschichte geschrieben hat. Als Komponist tat Grofé alles, um sich selber für die Hochkultur ein für alle Mal radikal zu deklassieren: Neben den Arbeiten für ein «Jazz»-Orchester ist dies vor allem der hemmungslose Griff in die Trickkiste der Lautmalerei, die ab und an selbst die Kniffe eines Scott Bradley und dessen Vertonungen der «Tom and Jerry»-Trickfilme in den Schatten stellt. Die «Tabloid Suite» beschreibt die Atmosphäre bei der Produktion einer Grossstadt-Zeitung, was auch die Effektabteilung des Orchesters erklärt. Und tatsächlich sieht man buchstäblich vor sich, wie die Redaktoren ihre «Latest News» zum sozialen und gesellschaftlichen Leben der Stadt in die Tasten hämmern und die Druckmaschinen angeworfen werden. Alles perfekt, souverän und überaus lustvoll aufs Notenpapier gebracht. Dem Vergessen entrissen hat die Partitur nicht ein Amerikaner, sondern der Niederländer Gert-Jan Blom. Der Leiter des Metropole Orchestras, einer einzigartigen Kombination von Jazzmusikern und klassisch geschulten Instrumentalisten, behandelte Grofés Manuskripte mit dem gleichen Respekt, die den Werken eines Schubert, Strauss oder Debussy zukommen. Aufgrund einer genauen Analyse der Autographen erstellte er eine «Urtext»-Fassung der Musik und spielte diese zusammen mit der bekannteren «Grand Canyon Suite» Grofés mit «Het Metropole Orkest» ein. Obwohl geografisch weit vom Entstehungsort der Musik entfernt angesiedelt, kann sich das holländische Ensemble als legitime Hüterin der Musik fühlen, wurde es doch 1945 von Dolf van der Linden mit dem Vorbild des Paul-Whiteman-Orchesters gegründet. Die Doppel-CD birgt eine weitere Perle, die in erster Linie für Gershwin-Fans ein Muss darstellt. Wer hätte gewusst, dass das «Concerto in F» ursprünglich klassische Musik für ein Jazzorchester und nicht Jazz für ein klassisches Orchester hätte werden sollen? So zumindest sah es Whiteman, der Gershwin mit dem Auftrag zur «Rhapsody in Blue» auf die uramerikanische Tonsprache gestossen hatte. Zum Verdruss Whitemans orchestrierte Gershwin das Konzert jedoch selber – in der mittlerweile bekannten grossorchestralen Fassung. 1928 beauftragte Whiteman seinen Arrangeur Grofé damit, Gershwins Musik für sein Orchester einzurichten. Dank Gert-Jan Bloms Bemühungen ist auch diese Version nun einem breiten Publikum zugänglich. Es ist unglaublich spannend, Gershwins und Grofès Versionen zu vergleichen und in letzterer ein Fülle an Details zu entdecken, die dem Werk einen frechen, sperrig-derben und urmusikantischen Dreh verleihen. (pb)
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| Ferde Grofé: Tabloid Suite, Grand Canyon Suite; George Gershwin: Concerto in F (arr. Ferde Grofé), Het Metropole Orkest, Jan Stulen (Leitung), Jan Willem Nelleke (Klavier), Basta 30-9119-2 | |||||||||