07.01.2004 — Sir Simon Rattle geht den Dingen auf den Grund: Am Glyndebourne-Festival 2001 hat er Beethovens «Fidelio» erstmals einstudiert und sich dabei auf eine Neuausgabe des Werks gestützt, welche für die im Entstehen begriffene historisch-kritische Gesamtedition von Beethovens Œuvre erstellt wurde. Das verdient umso mehr Anerkennung, als die meisten Orchester und deren Chefs die Urtextausgabe der Beethoven-Sinfonien von Jonathan del Mar (Verlag Bärenreiter) aus finanziellen Gründen oder der Bequemlichkeit halber immer noch links liegen lassen.
Diese Bonner Fassung, die in zahlreichen Details Korrekturen anbringt, lag ebenfalls dem von Rattle an den Oster-Festspielen Salzburg 2003 dirigierten und durch Nikolaus Lehnhoff inszenierten «Fidelio» zu Grunde; anschliessend wurde das Werk mit den gleichen Interpreten in der Berliner Philharmonie gegeben, wo es aufgezeichnet worden ist.
Wer dafürhält, dass auch die konzertante Aufführung einer Oper musiktheatralische Elemente spürbar machen soll, dass sie durchpulst sein muss von dramatischer Spannung, wird hier enttäuscht. Rattle, der mit seinem Orchester, den üppig musizierenden Berliner Philharmonikern, zwar die Ecken und Kanten der Partitur nicht glättet, das Geflecht der Stimmen herausschält und den Ambitus der Dynamik bis ins zarte Pianissimo weitet, ist zu sehr aufs «klassische» Lot, auf stilvolle Ausgewogenheit, auf satten Wohlklang bedacht. Und auf weihevolle Deutlichkeit, die eines zelebrierenden Moments (auch in der Tempowahl) nicht entbehrt: Die aufwühlende Rettungsoper wird zum Besänftigungsoratorium.
Unausgeglichen ist das prominent besetzte Vokalensemble. Thomas Quasthoffs Don Fernando lässt als einziger Protagonist spüren, dass es eigentlich um eine Oper mit handelnden und leidenden Personen geht. Angela Denoke (Leonore) hat Schwierigkeiten mit der Höhe und der Glut einer kämpferischen Frau, Jon Villars (Florestan) kann höchstens seines Vibratos wegen Mitleid wecken, Alan Held (Don Pizarro) nimmt man seine hinterhältige Gefährlichkeit nicht ab, Juliane Banse (Marzelline) evoziert trotz schönem Sopran nicht das Mädchenhaft-Naive des Parts; gewinnend László Polgár als Rocco und Rainer Trost als Jaquino. Lassen sich Beeinträchtigungen in der Aussprache des Deutschen verschmerzen, so ernüchtert die gestelzte, zum Teil die falschen Vokabeln betonende Vortragsart der kaum vom Fleck kommenden Dialoge. Uneingeschränkte Zustimmung erwirbt sich der Arnold Schönberg Chor.
Dass es dieser Einspielung so eklatant an Atmosphäre mangelt, ist auch der Aufnahmetechnik anzulasten; das Bestreben um Klarheit und Transparenz führte – man wähnte dies seit langem überwunden – zu einem Klangbild, das Solisten und Chor und Orchester ganz nach vorn holt, den Klangraum zusammendrängt, statt ihn in die Tiefe zu staffeln. (ws)
Ludwig van Beethoven: Fidelio . Angela Denoke, Jon Villars, Alan Held, László Polgár, Juliane Banse, Rainer Trost, Thomas Quasthoff. Arnold Schönberg Chor. Berliner Philharmoniker. Leitung: Simon Rattle. (EMI Classics 7243 5 57559 2 6; 2 CDs; 110’)