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Filmmusik von Schostakowitsch

11.10.2004 — 1923, Leningrad, Filmtheater «Lichtes Band». Am Klavier unter der Leinwand sitzt ein schmächtiger, grossbebrillter Jüngling und improvisiert die Musik zum Stummfilm: der 17-jährige Student Dmitri Schostakowitsch. Er hatte, wie er in seinen Memoiren erzählt, «die menschlichen Leiden auf der Leinwand musikalisch zu illustrieren. Es war widerlich und sehr ermüdend. Schwerstarbeit bei einem winzigen Gehalt. Aber ich hielt durch in der Vorfreude auf die wenn auch noch so unbedeutende Summe. Wir hatten das Geld bitter nötig.»

Zweifelsohne lernte der hochbegabte junge Pianist bei dieser Knochenarbeit manch Grundsätzliches über die Filmdramaturgie, die Stimmungen, die Charaktere und die Umsetzung der stummen Bilder in adäquate, möglichst ausdrucksgeladene Klaviermusik. Die praktische Erfahrung und die Aussicht aufs Honorar mögen dann Hand in Hand gegangen sein, als Schostakowitsch nach den Sinfonien 1 und 2, der 1. Klaviersonate und seiner ersten Oper «Die Nase» 1928/29 seine erste Filmmusik verfasste zum Stummfilm «Das neue Babylon» (von Kosinzew und Trauberg). Der Komposition von (live gespielter) Orchestermusik zu Filmen und dann von (aufgezeichneter) Filmmusik blieb er bis fünf Jahre vor seinem Tod treu: 1970 schrieb er seine 34. Filmpartitur (zu Kosinzews «König Lear»). In der gleichen Zeitspanne von über vier Jahrzehnten schuf er auch seine Sinfonien und Streichquartette.

Für Schostakowitsch war die Gattung Filmmusik nicht nur eine Möglichkeit, zu Einnahmen zu kommen; vielmehr noch bot sie ihm immer wieder Zuflucht und geschützten Raum in der Epoche grausamer stalinistischer Repression. Denn mit brillant inszenierter Filmmusik, in der er auf Experimente und Selbstbekenntnisse (nicht aber auf überdrehte heroische Gebärden, Witz und bissige Ironie) verzichten musste, konnte er sich den Filmfan Stalin gewogen halten. Überlebt hat die Musik, während viele der nach dem Modell des sozialistischen Realismus verfertigten Filme spätestens nach Stalins Tod in der Versenkung verschwanden.

Dass Schostakowitsch in die Gilde der bedeutenden Filmmusikkomponisten einzureihen ist, basiert nicht allein auf der Zahl seiner Partituren, auch die Originalität und Kraft ihrer Inspiration und die satz- und instrumentationstechnische Qualität lassen ihn als einen der Grossen dieses Fachs erkennen.

Eine Möglichkeit, dies an vielfältigen Beispielen nachzuprüfen, bietet das vorliegende Album mit 32 Sätzen aus neun Filmen, die zwischen 1930 und 1970 entstanden sind. Die Stücke wurden kompiliert aus bereits früher beim Label Capriccio erschienenen CDs mit Filmmusik von Schostakowitsch und überzeugen durch expressive, glanzvoll vitale Interpretationen. (ws)

Dmitri Shostakovich: Filmmusik. Rundfunkchor Berlin. Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Radio-Symphonie-Orchester Berlin. Deutsches Symphonie-Orchester Berlin. Leitung: Michail Jurowski, Leonid Grin, James Judd. (Capriccio 51150; 2 CDs; 120’)

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