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Franz Liszt: Das Orgelwerk

24.05.2004 — Sie gehören zu den Paradestücken der Organistenzunft, zu den im Rahmen von Rezitals regelmässig wiederkehrenden Werken Franz Liszts: Fantasie und Fuge über den Choral «Ad nos, ad salutarem undam» aus Meyerbeers Oper «Der Prophet», Präludium und Fuge über B-A-C-H und «Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen», die Variationen über den Basso continuo des 1. Satzes der Bach-Kantate Nr.12. Liszts Orgelschaffen umfasst allerdings noch viele Werke mehr; erstaunlich immerhin, dass das gesamte Œuvre neun Notenbände und, hier, fünf CDs beansprucht.

Der 1964 geborene Franzose Olivier Vernet – er erwarb sich mit Gesamteinspielungen unter anderem der Orgelwerke von Buxtehude und Bach sowie französischer Barockmeister Meriten und Preise – hat (bis auf wenige kleinere Arbeiten) sämtliche Orgelwerke Liszts eingespielt, die meisten an der Orgel der Stiftskirche von Saint-Thiébault in Thann (Elsass), vier, darunter die drei eingangs genannten, an der Orgel der Kirche Saint-François in Lausanne (Schweiz).

An den beiden renovierten viermanualigen historischen Instrumenten – die Orgel von Thann geht aufs Jahr 1888 zurück, jene von Lausanne auf 1866 – beweist Olivier Vernet sein umfassendes Können in den virtuosen Konzertstücken wie in den Meditationen: Er sorgt für strukturelle Klarheit, zügige Tempi, farbenreich leuchtende Registrierung und improvisatorische Beredtheit, trumpft auf mit Pathos und gewaltigen Klangsteigerungen, wahrt aber stets emotionale Noblesse, was besonders die schwärmerischen liturgischen Stücke vor allzu dichten Weihrauchschwaden bewahrt.

In Liszts kontrastvollem Orgelschaffen aus fast vier Jahrzehnten spiegelt sich, wie in jenem für Klavier, viel Biografisches. Dieses Element betont das vorliegende Album dadurch, dass es die Werke in chronologischer Folge angeordnet hat von der frühesten Komposition aus dem Jahr 1849 bis zur letzten aus dem Todesjahr 1886, von den Jahren in Weimar (1848–1861), in Rom (–1869) bis zur letzten Schaffensphase mit wechselnden Stationen (Weimar, Rom, Budapest). Einflüsse des privaten Lebens auf das künstlerische Schaffen und die Themenwahl sind ebenso evident (Tod des Sohnes Daniel und der Tochter Blandine, Unmöglichkeit der Heirat mit Prinzessin Carolyne von Sayn-Wittgenstein, Eintritt in den Dritten Orden). Deutlich werden zudem die Spannweite vom Stile antico der Renaissance bis zum irisierenden romantischen Klangemälde und die inspirierte Art der Stilsynthese.

Auffallend, wie häufig – und zunehmend gegen Ende seines Lebens – Liszt frühere Werke für Chor, Orchester oder Klavier(e) für die Orgel adaptierte, die für ihn einerseits brillantes Konzert-, andrerseits dienendes Kircheninstrument war. Wie trefflich er auch Kompositionen anderer in seine musikalische Sprache und Ausdruckswelt verwandelte, ist hörbar in den Bearbeitungen von Lasso, Bach, Mozart, Chopin, Wagner, Cornelius und Verdi.

Einen vergleichbaren Entwicklungsweg wie in den späten Klavierwerken – Bevorzugung gemässigter Tempi, karge Satztechnik, Versenkung in die Meditation – beschritt Abbé Liszt auch in seiner Orgelmusik. Allerdings bleibt sie auf religiöse Inhalte fixiert, diese fromme, der Welt abgewandte, letztlich wohl resignative Klangwelt. (ws)

Franz Liszt: L’Œuvre pour orgue. Olivier Vernet an den Orgeln von Thann und von Lausanne. (Ligia Digital Lidi 0104131-03 / 5 CDs; 5h14’. Booklet französisch/englisch)

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