10.11.2006 — Die Schweizer Kunst- und Kulturschaffenden des mittleren 20. Jahrhunderts haben es vor allem in Bereichen zu Perfektion und Weltgeltung gebracht, die vornehmlich unspektakulärer und alltäglicher Funktionalität verbunden sind: in Sachfotografie, Design von Alltagsgegenständen, Typografie – und im gehobenen Laienmusizieren, vornehmlich im Dienste evangelischer Frömmigkeit. Die auf solchen Gebieten geschaffenen Werke zeichnen sich alle durch verhaltene, ja schon fast unerbittliche Strenge der Form und eine nie überbordende, aber dennoch immer wieder überraschende Fantasiebegabung im schlichten Detail aus. In der Typografie steht für diese Art der Gestaltung der Name Adrian Frutiger, in der Fotografie derjenige Hans Finslers, und im Design haben unter anderem Hans Coray – der Schöpfer des legendären Landistuhls – und Max Bill ein solches Ideal verkörpert.
In der Musik finden sich diese Eigenarten vor allem im Werk des 1900 in Biel geborenen Willy Burkhard. Seine geistlichen Kompositionen, die gemeinhin dem Neoklassizismus im Umkreis Paul Hindemiths zugerechnet werden, sind von einer formalen Perfektion und Ausgewogenheit, die den appollinischen Geist des Deutschschweizer Pietismus sinnlich greifbar zu machen scheinen. Sie ruhen in einer gelassenen Strenge völlig in sich und sind dennoch im Innern von einem funkelnden Licht erfüllt, das an das Farbenspiel moderner, abstrakter Kirchenfenster gemahnt.
Besonders zum Ausdruck kommt diese innere Ausgeglichenheit in den Kleinen Psalter op.82, sechs Psalm-Motetten für gemischten Chor a cappella, die 1950, fünf Jahre vor Burkhards Tod, entstanden sind und eine souveräne Beherrschung von Harmonie und vorzugsweise enger chromatischer Melodik aufweisen. Aber auch die seltsam verhaltene und dennoch drängende Passacglia für Orgel solo aus den an Lehrwerken Bachs inspirierten «Musikalischen Übungen» op. 39 zeigen die Handschrift eines Meisters des Kontrapunktes. Die von Max Regers Werken der gleichen Gattung angeregte Fantasie op. 58 für Orgel über den Choral «Ein feste Burg ist unser Gott» aus dem Jahr 1939 wurde vom damaligen Berner Münsterorganisten Kurt Wolfgang Senn in Auftrag gegeben. Da ist es ein Glücksfall, dass das für Burkhards sonstige Selbstbeherrschung ungewöhnlich impulsive und expressive Werk von Heinz Balli intoniert wird, der seit 1990 dasselbe Amt wie damals Senn innehat (er gibt dieses, nebenbei erwähnt, auf Anfang 2007 an Daniel Glaus weiter). Die Aufnahme stammt allerdings – wie alle andern der CD – nicht aus Bern; sie wurde im März dieses Jahres im Neumünster Zürich realisiert.
Auf der CD finden sich überdies die A-cappella-Motette «Die Verkündigung Mariae» op. 51, das Magnificat op. 64, für Sopran solo und Orgel, in der die Sängerin Maria C. Schmid mit unprätentiöser und stilsicherer Stimme einen kundigen Farbtupfer setzt, sowie das Te Deum op.33 für Chor, Orgel, Trompete, Posaune und Pauken.
Nicht nur der erfahrene und mit Burkhards Intentionen in völliger Übereinstimmung musizierende Organist darf für die eingespielten Werke als Idealbesetzung betrachtet werden. Auch die Evangelische Singgemeinde Bern-Zürich – sie steht unter der Leitung von Johannes Günther – sorgt für hohes musikalisches Niveau und unaffektierte Authentizität. Als Instrumentalisten amten Annette Geisel (Trompete), Adrian Weber (Posaune) und Daniel Scheidegger (Pauken). (wb)
Willy Burkhard: Geistliche Musik, aus der Reihe «Musiques Suisses» des Migros Kulturprozent in Zusammenarbeit mit der Willy Burkhard Gesellschaft, MGB CD 6247. http://www.musiques-suisses.ch