23.01.2006 — Die Wiederentdeckung von Partituren alter Meister und das Interesse an deren klanglicher Realisierung im Sinn und Geist ihrer Schöpfer war eine Grundvoraussetzung der historischen Aufführungspraxis. Doch wäre es kaum zum mit ihr eng verbundenen Einsatz alten Instrumentariums gekommen, wenn in Museen und Sammlungen nicht historische Musikinstrumente die Zeiten überdauert hätten.
Bereits in der frühen Phase wurde die Erforschung original (in der Regel in unspielbarem Zustand) erhaltener Tasten-, Blas- und Streichinstrumente und deren exakter Nachbau an die Hand genommen. Etwa von einem der (anfänglich belächelten) Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis, dem in England wirkenden Arnold Dolmetsch (1858–1940). Er unterhielt eine eigene Instrumentenwerkstatt, erweckte ab 1890 vergessene Instrumente des 15. bis 18. Jahrhunderts in Konzerten zu Klang und Wirkung und gründete 1925 ein Kammermusikfestival, in dem er mit seiner Familie in Solo- und Ensemblewerken Blockflöte, Laute, Gambe (auch im Gambenconsort), Clavichord und Cembalo bekannt machte. Sein Buch «The Interpretation of the Music of the XVIIth and XVIIIth Century“ (London 1915) steht am Anfang der besonders in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts rasch angewachsenen Publikationen zu historischen Aufführungspraktiken alter Musik.
Auf dem Kontinent fanden sich 1901 unter dem Präsidium von Camille Saint-Saëns Sängerinnen und Instrumentalisten in Frankreich in der «Société de concerts des instruments anciens» zusammen, in Deutschland gründete der (1961 verstorbene) Cellist und Gambenspieler Christian Döbereiner 1905 die «Vereinigung für Alte Musik», Kern der Gambenbewegung der 1920er-Jahre.
In Österreich gehört Eduard Melkus, Mitglied des Wiener Gamben-Quartetts und Leiter der Capella Academica, zum Kreis um Gustav Leonhardt und Alice und Nikolaus Harnoncourt, der ab 1948 die historische Aufführungspraxis pflegte und 1957 den Concentus Musicus Wien ins Leben rief.
Eine treibende Kraft in der Schweiz war der Basler August Wenzinger, der sich als Solist und im Trio der Musik für Gambe in historisch orientiertem Spiel widmete. Von 1954 bis 1958 leitete er die Cappella Coloniensis des WDR Köln, das erste Orchester mit Originalinstrumenten.
Ein weiteres Kölner Ensemble machte auf dem Gebiet der historischen (historisierenden) Aufführungspraxis mit Opern, Oratorien, Konzertzyklen und durch Schallplattenreihen von sich reden: die 1976 aus dem seit 1963 von Helmut Müller-Brühl geleiteten Kölner Kammerorchester herausgelöste, auf alten Instrumenten spielende Barockformation Capella Clementina. Nach einem Jahrzehnt intensiver Auseinandersetzung brachten Dirigent und Musiker ihre Erfahrungen wiederum ins Kölner Kammerorchester ein, die Prinzipien der historischen Aufführungspraxis mit dem modernen Instrumentarium realisierend – nicht zuletzt mit Blick auf eine weniger eingeschränkte Auswahl an Solisten und die Auftritte in grossen Konzertsälen.
Seit 1988 unterhält das Kölner Kammerorchester die Konzertreihe «Das Meisterwerk», in Köln, Paris und München. Die drei jüngsten unter diesem Qualitätsbegriff vorgelegten Einspielungen (die vierte in diesem Zyklus steht noch aus) sind geistlichen Solokantaten von Johann Sebastian Bach gewidmet. Sie dokumentieren die Vertrautheit des Leiters und der Instrumentalisten, darunter exzellente Solisten, mit Bachs Klangrede und bringen die Begegnung mit jungen, die anspruchsvollen Aufgaben mit Ausstrahlung und berührender Intensität meisternden Vokalisten, alle drei herausragende Bach-Interpreten.
Die norwegische Mezzosopranistin Marianne Beate Kielland ist zu hören in den Kantaten BWV 54 («Widerstehe doch der Sünde»), 169 («Gott soll allein mein Herze haben»), 170 («Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust») und in den Arien «Bekennen will ich seinen Namen» (200) und «Schlage doch, gewünschte Stunde» (die wohl nicht von Bach stammt).
Populären Werken widmet sich der Bassbariton Hanno Müller-Brachmann: den Kantaten BWV 56 («Ich will den Kreuzstab gerne tragen»), 82 («Ich habe genug») und 158 («Der Friede sei mit dir»).
Geistliche Solokantaten für Alt und Tenor – Marianne Beate Kielland und Markus Schäfer – enthält die dritte CD: «Geist und Seele sind verwirret» (BWV 35) und «Ich armer Mensch, ich Sündenknecht» (55) von Bach sowie (die ehemals Bach zugeschrieben) Kantaten Telemanns «Ich weiß, daß mein Erlöser lebt» und Georg Melchior Hoffmanns «Meine Seele rühmt und preist». (ws)
Johann Sebastian Bach: Geistliche Solokantaten. Marianne Beate Kielland (Alt), Markus Schäfer (Tenor). Kölner Kammerorchester. Leitung: Helmut Müller-Brühl. (Naxos 8.557615D) Bei Amazon kaufen
Johann Sebastian Bach: Geistliche Solokantaten. Hanno Müller-Brachmann (Bassbariton). Collegium vocale Siegen. Kölner Kammerorchester. Leitung: Helmut Müller-Brühl. (Naxos 8.557616D) Bei Amazon kaufen
Johann Sebastian Bach: Geistliche Solokantaten. Marianne Beate Kielland (Alt). Bach Vocalensemble Köln. Kölner Kammerorchester. Leitung: Helmut Müller-Brühl. (Naxos 8.557621D) Bei Amazon kaufen