05.10.2004 — Einsamkeit, Ermattung, Auflösung, Verflüchtigung, Erstarrung und immer wieder Anläufe, Ausbrüche, Abbrüche, Neubeginn – Verstörung, Entfremdung, Heimatlosigkeit. Die Musik des 1935 geborenen Georgiers Giya Kancheli, die er ab 1991 im Exil im Westen geschaffen hat, wirkt mit ihren in gedehntem Zeitmass sich entwickelnden Texturen von gläserner Kühle und harschen Eruptionen, von fragiler Schwerelosigkeit und kompakten Akkord-Blöcken verstörend, beunruhigend. Hoffnung oder Trost suggerieren Anklänge an einst Gehörtes, die alsogleich wieder zerfasern, in chromatischen Intervallen, in kleinmotivischen kreisenden Figuren, in brüchigen Bewegungsmustern sich verflüchtigen.
Kanchelis introvertierte, klanglich subtil differenzierte Musik ist von eigenwilligem, von eigenartigem, leicht manieristisch patiniertem Reiz, wirkt wie Selbstreflexion und Suche nach Ganzheit und Schönheit, die nur in Andeutungen und aus unüberbrückbarer Entfremdung erinnert werden. Über allem liegt Traurigkeit, Wehmut, Melancholie, Verzagtheit, gelegentlich auch Aufbegehren.
In «Diplipito» (1997) für Violoncello, Countertenor und Orchester (Streicher, Gitarre, Klavier, Schlagzeug) sind es die Individualitäten menschliche Stimme und Solocello, die in spannungsvollem Gegensatz stehen zur emotionalen Distanz des Kollektivs Orchester. Die «Valse Boston» (1996) für Klavier und Streicher bringt nicht Beschwingtes im Dreivierteltakt, nicht Tänzerisch-Lustvolles. Auch hier grosse dynamische Spannweite, brüske Wechsel, Fragmentierung, Zerfaserung, durchsetzt von Harmonie evozierenden melodischen Erinnerungspartikeln, die sich nicht zusammenfügen. Die Einsamkeit des ziellos Wandernden. Das Leben ein Traum.
Eine beeindruckende, beklemmend intensive, klanglich höchst subtile Umsetzung der beiden je knapp halbstündigen Werke ist dem amerikanischen Dirigenten (und Pianisten) Dennis Russell Davies, dem Berner Cellisten Thomas Demenga, dem amerikanischen Countertenor Derek Lee Ragin (er hat «bedeutungslose Worte aus einem georgischen Epos» zu singen) und dem Stuttgarter Kammerorchester zu verdanken. (ws)
Giya Kancheli: Diplipito/Valse Boston. Thomas Demenga, Derek Lee Ragin, Dennis Russell Davies, Stuttgarter Kammerorchester. (ECM New Series 1773; 57’)