15.12.2004 — Zu den vielen bedeutenden Künstlern, die Opfer des Ersten Weltkriegs wurden, gehört auch der 1867 in Lérida (Lleida, Katalonien) geborene Pianist und Komponist Enrique Granados y Campina. Auf der Rückfahrt von New York, wo die szenische orchestrierte Fassung seines Klavierzyklus «Goyescas» an der Metropolitan Opera mit grossem Beifall uraufgeführt worden war (populär daraus ist die Arie «Der Liebende und die Nachtigall»), kamen Granados und seine Frau Amparo am 24. März 1916 vor Dieppe beim Untergang der torpedierten «Sussex» ums Leben.
Bekannt geblieben ist Enrique Granados, der neben Albéniz, de Falla und Turina bedeutendste spanische Komponist seiner Generation und hochgerühmte Pianist und Chopin-Interpret, durch seine Klavierwerke.
Wie Albéniz und de Falla hatte Granados, der sich auch als Hobbymaler betätigte, Komposition bei Felipe Pedrell in Barcelona studiert, einem der Begründer der spanischen Musikwissenschaft, der für eine Erneuerung der nationalen Musik aus den Quellen der einheimischen Folklore plädierte. Nicht weniger stark wirkten sich auf Granados, der auch in Paris Unterricht genossen hatte und später mit Thibaut, Casals und Saint-Saëns konzertierte, die Einflüsse des in den 1880er Jahren in Barcelona aufkommenden Modernismus aus, einer avantgardistischen Strömung, die, vergleichbar dem Jugendstil, alle Bereiche der Kultur umfasste und die katalanische Metropole zu einem Zentrum mit internationaler Ausstrahlung machte. Von den Hauptvertretern seien genannt die Architekten Antoni Gaudí, Lluis Domènech i Montaner und Josep Puig i Cadafalch (ihre eigenwilligen Bauten sind alsbald zu Denkmälern geworden), unter den bildenden Künstlern Ramón Casas, Isidre Nonell, Pablo Picasso, Santiago Rusinyol, unter den Schriftstellern Joan Maragall und Apel.les Mestres.
Komponisten machten es zu ihrem Anliegen, die katalanische (und die andalusische) Folklore in ihre Werke einfliessen zu lassen. Die Orientierung am Zeitstil führte Granados – er war diesbezüglich kein Einzelfall – zu Richard Wagner, dessen Schaffen er bewunderte und in seinen musikdramatischen Kompositionen reflektierte.
Neben einer Handvoll Zarzuelas (einer spanischen Form der Operette mit Dialogen und Arien) schuf Granados auch die Oper «María del Carmen», die 1898 in Madrid unter seiner Leitung erfolgreich zur Uraufführung kam. Wagners Vorbild erweist sich hier in der differenzierten und gewichtigen Orchesterbehandlung (Granados beherrscht das Metier des Instrumentierens meisterhaft), in den Finessen der Harmonik, in der grossräumigen Anlage der Szenen. Granados beschreitet aber in seiner Musik mit Blick auf den Verismo eigene Wege: Nicht die stringente thematische und formale Entwicklung ist massgebend, sondern der organische Fluss des melodischen Materials, seine Brechungen und neuen Beleuchtungen, die Klangmalerei, die selbständige, nicht von Instrumenten gestützte Führung der Vokalstimmen. Ganz persönliche Färbung trägt die Einschmelzung folkloristischer Elemente aus Südspanien bei (stilisierte Volkslieder, populäre Tanzrhythmen), was dem Komponisten prompt Vorwürfe seitens chauvinistischer Katalanen eintrug.
Schauplatz der dreiaktigen Oper «María del Carmen» ist ein Dorf in der Provinz Murcia. Wasserknappheit führt zum Zweikampf zwischen Javier, dem Sohn eines reichen Bauern, und Pencho, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Pencho verwundet Javier und flieht. Penchos Geliebte María del Carmen pflegt den verletzten Javier und verspricht ihm, um Pencho die Freiheit zu sichern, die Ehe. Nach einem Jahr kehrt Pencho zurück; er und María gestehen sich ihre Liebe. Um die Heirat Marías mit Javier zu durchkreuzen, gesteht Pencho öffentlich, dass er derjenige war, der Javier verwundet hat. Dieser, todkrank, fordert Pencho zum Duell, der sich jedoch, von María beschwichtigt, zu kämpfen weigert. Javier, milde gestimmt angesichts des Todes, segnet María und Pencho und ermöglicht ihnen die Flucht.
Das in seiner Grundstimmung lyrische Werk wurde im Rahmen des seit 1951 bestehenden Opernfestivals von Wexford (gelegen an der Ostküste Irlands südlich von Dublin) im Oktober 2003 inszeniert und für das vorliegende Album live aufgezeichnet. Dem spanischen Dirigenten Max Bragado-Darman ist nicht nur die kritische Edition der Oper zu verdanken, sondern auch die inspirierte, atmosphärisch dichte Umsetzung dieser Musiktheater-Rarität mit dem Nationalen Philharmonieorchester von Belarus, dem Chor des Wexford Festivals und einem vorwiegend jungen (nicht in allen Belangen ganz überzeugenden) 13-köpfigen Solistenensemble.
Das nicht im Booklet enthaltene spanische Libretto lässt sich (ohne Übersetzungen) herunterladen bei http://www.naxos.com/mainsite/default.asp?pn=Libretti
(ws)
Enrique Granados: «Maria Del Carmen». Oper in drei Akten. Libretto von José Feliu Codina. Diana Veronese (María del Carmen, Sopran), Jesús Suaste (Pencho, Bariton), Dante Alcalá (Javier, Tenor) u. a. Wexford Festival Opera Chorus. National Philharmonic Orchestra of Belarus. Leitung: Max Bragado-Darman. (Naxos/Marco Polo 8.225292-93; 2 CDs, 103’. Booklet engl./dt.)