Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Gregor Joseph Werners «Instrumental-Calender»

05.02.2004 — Gregor Joseph Werner: Einst sonnte er sich jahrzehntelang in fürstlicher Wertschätzung, doch seit zwei Jahrhunderten hat er sich mit einem kümmerlichen Schattendasein zufrieden zu geben. Des Oberhofkapellmeisters Pech war, dass ein Grösserer sein Amtsnachfolger geworden ist.

In Ybbs an der Donau, östlich von Linz, wurde Gregor Joseph Werner 1693 geboren. Über der ersten Lebensphase dieses Sohns eines Tischlermeisters liegt Dunkel; möglich, dass er in Wien beim «Gradus ad Parnassum»-Altmeister Johann Joseph Fux studiert hat. Jedenfalls muss der hochtalentierte junge Mann eine fundierte Ausbildung genossen haben.

Erst nach seiner Heirat 1727 lassen sich seine Lebensspuren lückenlos verfolgen: 1728 berief ihn die Mutter des mit 17 Jahren noch unmündigen Paul Anton Esterházy zum Hofkapellmeister nach Eisenstadt. Die Dame muss sehr religiös gewesen sein, denn Werner hatte vor allem für Kirchenmusik zu sorgen. Dementsprechend bilden in seinem Schaffen geistliche Werke den Schwerpunkt, darunter eine Vielzahl von Messen, Vespern, Motetten, Hymnen, Litaneien und deutschen Oratorien.

Nachdem Gregor Joseph Werner während 33 Jahren sein Amt versehen hatte, stellte ihm Fürst Paul II. Anton, vielleicht der sakralen Klänge und gelehrten Kontrapunkte spätbarocker Schule etwas überdrüssig, 1761 einen «haus-Officier» als Vizekapellmeister an die Seite, den 29-jährigen Joseph Haydn, und erweiterte die Kapelle mit der neuen Hof- und Kammermusik. (1762 starb Paul Anton, und dessen Bruder Nikolaus I. Joseph, der Baryton-Spieler, wurde zu Haydns grossem Förderer.)

Wohl möglich, dass Werner, als Oberhofkapellmeister nur noch für die Kirchenmusik verantwortlich, dem um fast zwei Jahrzehnte jüngeren, für Tafelmusik und Oper zuständigen Neutöner Haydn mit Vorbehalten begegnet ist; einen «gsanglmacher» hat er ihn genannt, und 1765 beschwerte er sich beim Fürsten über Haydns lasche Dienstauffassung.

Nach Werners Tod 1766 rückte Haydn auf. Er hielt die Erinnerung an seinen Vorgänger wach durch Aufführungen und Ausgaben: Noch 1804 veröffentlichte Haydn eine Sammlung von wernerschen Streichquartett-Fugen «aus besonderer Achtung gegen diesen berühmten Meister».

Dieser weiland berühmte, heute nur noch Spezialisten bekannte Meister publizierte in Augsburg 1748 eine Sammlung unter dem barocken Titel «Neuer / und sehr curios- / Musicalischer / Instrumental- / Calender, / Parthien-weiß […] / in die zwölff / Jahrs-Monat eingetheilet / und / Nach eines jedwedern Art und Eigenschafft mit Bizzarien / und seltzamen Erfindungen herausgegeben, / Durch / Gregorium Josephum Werner […]». In der lateinischen Widmung heisst das Werk schnörkellos «Calendarium Musicum».

Porträts in Noten (Der aberwitzige Bauer, Der spielende Schäfer, Der Faulenzende, Der hinkende Bote, Der melancholische Student), Naturschilderungen (Das veränderliche Aprilwetter, Ein Erdbeben, Der liebliche Sommer, Ein Sturmwetter auf der See), Stimmungsbilder (Gute Hoffnung eines glückseligen Jahres, Die Nachsinn- und Betrachtung, Widerhall oder Echo, Der Zeitvertreib, Die Jagd, Der Schlaf oder ein Nachtstück) und kalendarische Ereignisse (Die Sonne betritt den Widder, Die Sonne im Krebs, Die Sonne in der Waage) reihen sich zu einem klingenden Gang durch alle Monate.

So bunt die Fülle, so durchdacht aufgebaut ist das Ganze. Jeder Monat ist charakterisiert durch fünf (Januar vier) Sätze in jeweils gleicher Tonart. Die Musik mit einer Vielzahl programmatischer Vorwürfe zeugt von Werners handwerklicher und formaler Souveränität, von Erfindungsreichtum, Komik, Humor und stets im Zaum gehaltenem Witz. Tonmalerisch führt er die Eigenheiten der einzelnen Monate vor Ohren, Menschen, Tätigkeiten und Szenen, Tiere, Stimmungen, durchwegs mit sicherem Geschmack, grobschlächtigen Effekten abhold.

Phantasie und Konstruktionskunst dokumentiert Gregor Joseph Werner in den sechzehn zweiteiligen Menuetten. Sie reflektieren, verteilt auf die entsprechenden Monate, den jeweiligen Sonnenstand nach Tages- und Nachtlänge. Tag- und Nachtgleiche fallen in die Monate März und September; alle anderen Positionen sind ungleich: im Januar und im November beispielsweise beträgt die Tageslänge 9, die Nacht 15 Stunden. Werner setzt dieses Zahlenverhältnis kunstvoll um: Er baut den ersten Teil des in der Regel ja geradtaktigen und symmetrischen Menuetts auf 9 Takten, den zweiten auf 15 Takten auf, ohne dass Ungleichheiten im formalen oder melodischen Verlauf spürbar werden.

Das siebzehnköpfige, auf alten Instrumenten spielende Ensemble A Corte Musical unter der Leitung des Fagottisten Rogério Gonçalves realisiert in wechselnder Zusammensetzung von Streichern und Bläsern mit konzertantem Zugriff und Freude an den solistischen Herausforderungen und den Feinheiten der Partitur eine temperamentvolle Darstellung dieser erheiternden Jahreschronik. (ws)

Gregor Joseph Werner: Calendarium Musicum. Ensemble A Corte Musical. Leitung: Rogério Gonçalves. (2 einzeln erhältliche CDs. Gallo 1068, 62’, Vol. 1: Januar–Juni / Gallo 1069, 57’, Vol. 2: Juli–Dezember)

Schreibe einen Kommentar