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Händels Abschied von der Oper

25.11.2003 — Zwar endet die dreiaktige Oper in barocker Festlaune mit einer Doppelhochzeit, doch der baldige Tod des einen Bräutigams steht bereits durch Orakelspruch fest: Achilles, der wichtigste griechische Held im Trojanischen Krieg, wird durch einen Pfeil des trojanischen Königssohns Paris getötet werden – des Unverwundbaren verwundbare Ferse wird ihm zum Verhängnis. Soviel zum mythologischen Hintergrund.

Doch Georg Friedrich Händel und sein Librettist Paolo Antonio Rolli haben mit der italienischen Oper «Deidamia» von 1740 kein Heldendrama nach klassischer Art geschaffen. Vielmehr wählten sie einen Ausschnitt aus der Jugendzeit des Achill: Um ihn vor dem geweissagten Tod im Krieg zu bewahren, schickten ihn seine Eltern auf die Insel Skyros, wo er als Mädchen namens Pyrrha verkleidet mit den Töchtern des Königs aufwächst und zum heimlichen Liebhaber der ältesten Tochter Deidamia avanciert (die er dann, wie Sitte und Anstand es gebieten, ehelicht, bevor er sich dem Kriegshandwerk widmet).

Das Schicksal führt Regie. Den Griechen wurde verkündet, dass sie den Krieg gegen Troja nicht gewinnen können ohne Achill, und eine Suchmannschaft unter der Führung des Odysseus wird entsandt, ihn ausfindig zu machen und zu rekrutieren. Die Handlung am Hof des Lykomedes ist entsprechend verwickelt, es geht um Verkleidung und Entdeckung, um echte und um vorgetäuschte Liebe, um List, Scherz, Spiel und Ernst im Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft. Die Ambivalenz, ein Charakteristikum dieser letzten Oper Händels, findet ihren Ausdruck in einer reich gestuften musikalischen Rhetorik, die Freude, Trauer und Verzweiflung ebenso einschliesst wie Ironie, Zynismus und Melancholie.

Die Interpretenschar dieser auch aufnahmetechnisch herausragenden Einspielung unter der Leitung von Alan Curtis nimmt die Innenspannung auf, musiziert nicht über die Brüche des Werks hinweg. Die vier Sängerinnen Simone Kermes, Dominique Labelle, Anna Maria Panzarella (Sopran) und Anna Bonitatibus (Mezzosopran) ebenso die beiden Baritone Furio Zanasi und Antonio Abete gestalten ihre anspruchsvollen, zum Teil hochvirtuosen Partien in den Seccorezitativen und den Arien differenziert und in bewundernswerter Balance zwischen typengetreuer Haltung und subjektiver Expressivität. Das bisher zu Unrecht kaum beachtete Werk enthält einige der ergreifendsten Opernarien Händels.

Il Complesso Barocco und dessen Vokalisten zeichnen sich aus durch eine ebenso klangschöne wie plastische, feurige und einfühlsame Ausformung des Orchesterparts und der drei kurzen Chorsätze. Alles in allem ein opulentes spätbarockes Fest! – Das Album ist mit einem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik 2003 ausgezeichnet worden. (ws)

Georg Friedrich Händel: Deidamia. (Ga) Opera in tre atti, HWV 42. Il Complesso Barocco. Leitung: Alan Curtis. (Virgin Veritas 7243 5 45550 2 2; 3 CDs; Booklet mit Libretto in Italienisch und Englisch; 181’)

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