04.05.2006 — Auf das 19.Jahrhundert zurück geht die Kontrastierung der beiden grössten Komponisten des Spätbarock: Bach gilt als der verinnerlichte, vergeistigte Wortverkündiger, wohingegen Händel als sinnenfreudiger, mit dramatischem Schwung Begeisterung stiftender «Volksprediger» angesehen wird. Grösste Verbreitung fand von Händels Werken dementsprechend der «Messias». Bereits 1871 jedoch, in einer Zeit, als das bürgerliche Chorwesen einen Höhepunkt erreicht hatte, setzte Ferdinand Hiller das Kölner Publikum mit einer Aufführung der «Theodora» Händels in Erstaunen.
Das neben dem «Messias» einzige christliche Oratorium aus der Feder des routinierten Oratorienschreibers besitzt gerade jene Qualitäten, die sonst den Bachschen Werken zugesprochen werden. Händel selber hielt es für sei bestes Werk, ganz im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, die der Märtyrergeschichte nicht viel abgewinnen konnten. Gründe für den relativen Misserfolg zur Zeit der Uraufführung sahen ältere Autoren jedoch vor allem im Libretto; die Charaktere seien «matt, die Verse fade und dilettantisch», schrieb 1925 etwa Newman Flower, in dessen Besitz sich das Autograph des Librettos befand.
Die Geschichte der «Theodora» führt uns zurück in die Zeit der spätromantischen Christenverfolgungen. Die Heldin weigert sich, das Namensfest des Kaisers nach heidnischem Brauch zu feiern und wird eingekerkert. Didymus – im Oratorium Händels von einem männlichen Altus (zu seiner Zeit einem Kastraten) gesungen, liebt Theodora. Er ist von ihr zum Christentum bekehrt worden und versucht, sie zu befreien. In ihren Kleidern nimmt er ihren Platz im Gefängnis ein. Die List wird jedoch entdeckt. Theodora kehrt freiwillig zu Didymus zurück, der wegen des Befreiungsversuchs zum Tode verurteilt worden ist. Gemeinsam gehen die beiden in den Tod.
Vor allem in der Person Theodoras muss wohl der Grund für die kühle Aufnahme des Werkes durch die Engländer (und Engländerinnen) gesehen werden. Händel meinte zu seinem Librettisten Morell: «Die Juden werden nicht zu ihr kommen (wie zu ‚Judas Maccabaeus‘), da es eine christliche Geschichte ist; und die Damen werden nicht kommen, weil es eine tugendhafte ist.» Tatsächlich erwartete das Publikum von Händel zu seiner Zeit «kriegerisches Getöse» (wie im «Judas Maccabaeus») oder alttestamentarischen Donner (wie im «Samson»).
Trotz dem christlichen Motiv überbringt das Märtyrerdrama – wie auch der «Messias» – nicht in erster Linie eine neutestamentliche Botschaft. «Zentral ist im ‚Messias‘ die anglikanische Glaubensgewissheit des ‚If God be for us, who can be againstus‘ (Nr.50), zentral ist das Identifizerungsangebot Volk Israel – auserwähltes Volk England, ‚God‘s Own People‘ meint Jürg Stenzl («Where Grace, and Truth, and Love Abound»). Er ergänzt: «Auch das Christentum der Theodora weist genau dieses quasi alttestamentarische Glaubensverständnis auf. (. . .) Martyrium steht nicht in bezug auf Christi Passion, sondern ist Erfüllung der ‚dread commands‘ des allmächtigen Vatergottes.»
Interessant ist die Zeichnung der beiden Welten durch Morell und Händel: die Heiden werden keinesfalls als Barbaren, als unbedingte Feinde dargestellt, vielmehr arbeiten die Schöpfer einen Gegensatz heraus zwischen weltzugewandten, lebensfreudigen Hedonisten in der Art der damaligen Pastoralliteratur – die Römer singen ausnahmslos in Dur! – während Theodora als weltabgewandte Gottesdienerin dargestellt wird, die ihr Glück ganz im seligen Jenseits zu finden glaubt.
«Theodora» nimmt so als Oratorium eine Zwischenstellung ein: Didymus, der Liebende, ja sogar der Kleidertausch im Kerker, das Verwechslungsmotiv, gehören eigentlich ins Genre des «oratorio erotico», der Grundkonflikt jedoch eindeutig ins christliche Bühnenstück. Hier zeigt sich, bei aller Verinnerlichung der Musik, doch wieder Händels praktischer Sinn, der ihn immer wieder an die dramatische Wirkung, an die Bedürfnisse seines Publikums denken liess. (wb)
Einige verfügbare Aufnahmen:
Concentus Musicus Wien (Nikolaus Harnoncourt)
Gabrieli Consort (Paul McCreesh)
Les Arts Florissants(William Christie)
Collegium Cartusianum (Peter Neumann)