17.04.2004 — Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, der das Alte Europa zerstört hatte, gehörte Paul Hindemith (1895–1963) zur antiromantisch orientierten jungen Komponistengeneration und wurde bald einer der nachhaltigsten Förderer und Exegeten der neuen Musik in Deutschland: Zwischen 1923 und 1927 engagierte er sich in deren Zentren Donaueschingen und Baden-Baden als Organisator, Interpret und Komponist.
In der Weimarer Republik gehörte er mit seinem expressionistisch geprägten Frühwerk zu den Schreckgespenstern, den Bilderstürmern. Dass Hindemith indes bereits in jenen Jahren mit der Tradition und deren ästhetischen Vorstellungen und Formen nicht gebrochen hatte, belegen, vor allem in der frühen Kammermusik, Einflüsse von Bach, dem späten Beethoven, von Reger und Brahms, beweist Hindemiths Interesse an den funktionalen Aspekten der Musik: Im Zeichen der pädagogischen und reformerischen Ansätze jener Epoche komponierte er auch Werke für Laien, viele Sing- und Spielmusiken. Tradition, durchwegs als Gegensatz zur romantischen Ausdrucksästhetik begriffen, und Erneuerung prägten Hindemiths Schaffen, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Werken unterschiedlich in Ausmass und Auswirkung.
Der engagierte Avantgardist, der als exzellenter Kenner der Instrumente mit staunenswerter Leichtigkeit über die Finessen des kompositorischen Handwerks verfügte, revidierte sein musikalisches Denken, unterwarf es einem neuen ethischen Anspruch: Der aus den Fugen geratenden Welt wollte er die Beständigkeit und Verlässlichkeit (auch Kalkulierbarkeit) eines vom Zeitgeist unabhängigen Musikbegriffs entgegensetzen. Theoretisch untermauert hat er seine Position in der «Unterweisung im Tonsatz» (1936/37).
Hindemiths Entwicklung habe eine «fatale Wendung zum Offiziellen» genommen, stellte Adorno 1963 fest. Ein durchgreifender Stilwandel kündigt sich etwa im 2. Streichtrio von 1933 an, in der Symphonie «Mathis der Maler» aus dem gleichen Jahr und in der 1937 in Zürich uraufgeführten gleichnamigen Oper: die Abkehr vom radikalen Frühwerk, die Rückbesinnung auf Neobarock und Neoklassik, auf gemässigte Tonalität, ältere Formen und Kompositionstechniken, auf strukturelle Vereinfachung, alles einem bis ins Detail kontrollierenden, streng ordnenden Denken unterworfen.
Einen Einschnitt in Hindemiths Biografie brachte das Jahr 1933. Fern davon, sich mit den neuen Machthabern arrangieren zu wollen, wurde er von den Nationalsozialisten als «Kulturbolschewik» und «Geräuschemacher» gebrandmarkt. Obwohl sich Wilhelm Furtwängler für ihn eingesetzt hatte («Der Fall Hindemith»), emigrierte der Komponist 1938.
Das Schaffen Hindemiths (er liess sich nach Jahren des amerikanischen Exils 1953 in der Schweiz nieder) hatte auf Vertreter der Nachkriegsgeneration erheblichen Einfluss; allerdings mochte er den Entwicklungen der Avantgarde nicht folgen, konnte in seiner selbst gewählten künstlerischen Isolation keine Jünger um sich scharen, die des Meisters Werke unter die Leute bringen. Und um seine Kompositionen, die während Jahrzehnten zu den meistaufgeführten der klassischen Moderne gehörten, macht heute die Mehrzahl der Instrumentalisten, Dirigenten und Opernintendanten einen Bogen.
Einspielungen für die DGG
In den Vierzigerjahren begann Hindemith, unzufrieden mit vielen Interpretationen seiner Werke, vermehrt selbst zum Taktstock zu greifen. Weder «störende individualistische Beimischung», expressive Belastung noch strukturell ausgeklügelte Analyse mochte er hören, sondern «nur» die sachliche, nicht individuell geprägte Umsetzung der Partitur in Klang.
1953 bot ihm die Deutsche Grammophon Gesellschaft eine Aufnahmeserie eigener Kompositionen mit den Berliner Philharmonikern an. In den Jahren 1954, 1956 und 1958 wurden insgesamt acht Werke eingespielt und auf Mono-Langspielplatten veröffentlicht: Konzert für Orchester op. 38 (1925); Konzertmusik für Klavier, Blechbläser und Harfen op. 49 (1930); Symphonie «Mathis der Maler» (1934); Symphonische Tänze (1937); Thema mit Variationen «Die vier Temperamente» für Klavier und Streichorchester (1940); Symphonische Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber (1943); Ballett-Ouvertüre «Amor und Psyche» (1943); Symphonie «Die Harmonie der Welt» (1951).
Im Rahmen der DG-Serie Original Masters, in der bedeutende historische Interpretationen auf Compact Disc zugänglich gemacht werden (Direktübertragung der Originalbänder auf CD), liegen nun diese Einspielungen vor. Sie ermöglichen die Auseinandersetzung mit charakteristischen Werken Hindemiths und führen vor Ohren, wie sich der Komponist deren optimale Realisierung vorgestellt hat: klar in der Gliederung, zügig in den Tempi, nervig im Ausdruck, mit der kantig aggressiven Schärfe des Spaltklangs, mit starkem, aus der Faktur und der dichten Instrumentation resultierendem Innendruck, breiter dynamischer Skala, vehementen Kontrasten, in den langsamen Tempi farbenreich, ohne Anflug von Gefühlsüberschwang oder Pathos.
Die Berliner Philharmoniker brillieren durch eine alle Klippen der Partituren meisternde Orchesterkultur. Elegant und fein differenziert das Spiel der Pianistin Monique Haas, seriös und eher verhalten jenes des Pianisten Hans Otte. Als Zugabe ein Kurzinterview von 1956, in dem sich Hindemith über die Aufnahme der Symphonie «Mathis der Maler» äussert.
Die Klangqualität der Mono-Aufnahmen stösst in den üppig besetzten (und instrumentierten) Orchesterwerken an die Grenze: Die von Hindemith intendierte Transparenz hätte durch die Technik der Stereofonie einigermassen adäquat eingefangen werden können. (Die ersten Stereo-LPs kamen erst Anfang der Sechzigerjahre in den Handel.) Kein Wunder, dass die beiden der Kammermusik nahe stehenden Werke mit Klavier das optimalere Hörergebnis bescheren.
Sorgfalt im Detail ist leider fürs Booklet nicht aufgewendet worden. Die Satzbezeichnungen der Symphonischen Tänze stehen fälschlicherweise auch bei den Symphonischen Metamorphosen; das dritte Aufnahmedatum der Symphonie «Mathis der Maler» war der 1. Oktober (nicht der 10.) 1955; die Foto des dirigierenden Hindemith ist mit 1969 datiert… (ws)
Hindemith conducts Hindemith. The complete recordings on Deutsche Grammophon. Monique Haas (in op. 49) und Hans Otte (in «Die vier Temperamente»), Klavier. Berliner Philharmoniker. Leitung: Paul Hindemith. (Original Masters, DG 474 770-2; 3 CDs, mono. 3h8’)