30-03.2007 — Mit «König David» gelang dem jungen Arthur Honegger der Druchbruch als Komponist; eigentlich aber ist die Dramatisierung der zwei biblischen Bücher Samuels ein geistiges Kind von René Morax, dem Waadtländer Dichter, der 1908 in dem Dörfchen Mezières das Théâtre du Jorat gegründet hatte
Während des ersten Weltkrieges – Morax bringt ihn als Postordonnanz hinter sich – schreibt er einige Stücke für Pupazzi, eine Art Marionetten; er macht dadurch die Bekanntschaft des Zürcher Puppenspielers Alfred Altherr, tritt einem Komitee bei, das dem Marionettenspiel zu grösserer Beachtung verhelfen soll, und lernt so den Winterthurer Mäzen Werner Reinhart kennen, der ihm, indem er ihn auf eine nach Indien und Ceylon führende Geschäftsreise mitnimmt, eine Gelegenheit zum Studium orientalischer Theaterformen bietet.
Für Morax öffnen sich ungeahnte Erlebniswelten: Landschaften, Architektur, Mythen, die unsere indogermanische Herkunft aufleben lassen… In Colombo wohnt er einem hinduistischen Theater bei, bewundert den Bau der endlosen lyrischen Wiederholungen und des verschlungenen Geschichtsverlaufes; in Rameswaram beeindruckt ihn eine religiöse Zeremonie so tief, dass er beschliesst, ein Werk orientalischen Charakters, das einen bezug zur Bibel hat, zu schreiben – die Ähnlichkeit zwischen der Geschichte der indischen Fürsten und jüdischen Überlieferungen frappiert ihn, vor allem die Polygamie, die so zahlreiche Streitereien hervorrief – erinnert sei vor allem an Absalom…
Zwischen den von persischer Musik beeinflussten Gesängen auf dem Kontinent und den Psalmen Davids sieht er eine mystische Verbindung. In die Schweiz zurückgekehrt, zieht Morax sich in ein kleines Gasthaus in Leuk zurück und schreibt – gestört einzig von hemdsärmeligen Wahlkundgebungen einer Walliser Partei – sein Epos, in dem er das Erlebnis des Weltkrieges und die orientalische Formen- und Sinnenwelt verarbeiten kann.
Das Théâtre du Jorat hat, nach der Aufführung des «Tell» von Morax, während des Krieges seine Tore schliessen müssen, und der «König David» bietet eine gute Gelegenheit, es neu zu eröffnen. Zunächst tritt Morax an seinen Hauskomponisten Gustave Doret mit der Bitte um Vertonung des Dramas heran.
Doret lehnt ab, sei es wegen seines in dieser Zeit offenkundigen Antisemitismus, sei es wegen anderer Verpflichtungen (Honegger allerdings wird er den Erfolg später neiden und als einflussreicher Journalist dafür sorgen, dass die Waadtländer Aufführungen in Lausanne und Genf zunächst kaum Presseecho finden.) Der von Doret als Ersatz vorgeschlagene Jean Dupérier lehnt ab, weil er befürchtet, die zahlreichen Chöre nicht bewältigen zu können.
Ernest Ansermet schlägt schliesslich den in der Schweiz noch unbekannten Arthur Honegger vor. Ohne zu zögern sagt dieser zu… und stutzt ob der vorgesehenen seltsamen Besetzung: Grosser Chor und lediglich siebzehn Instrumentalisten.
Strawinsky rät ihm, so zu tun, als sei dies gerade sein Wunsch gewesen. Ein Rat, den Honegger «als wertvolle Lektion in Kompositionslehre» dankbar entgegennimmt. Und da die Zeit bis zur geplanten Uraufführung schon recht knapp bemessen ist, schlägt er umgehend vor, zunächst einmal die Chöre zu schreiben, damit die Sänger beschäftigt seien.
Der Erfolg, den der «König David» beim Publikum von Beginn weg hatte, war überwältigend. (wb)
Aufnahmen (Auswahl):
Michel Corboz (Leitung), Choeur et Orchestre de la Fondation Gulbenkian
Charles Dutoit (Leitung), Orchestre Philharmonique de Monte Carlo
Ernest Ansermet (Leitung), Orchestre de la Suisse Romande