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Hypermusic Prologue: Alice im Branenland

19.10.2013 — Lewis Carroll hat’s vorgemacht. Seine Alice im Wunderland ist eine wunderbare Metapher ‒ über das Staunen angesichts der Absurditäten, die der Zusammenprall menschlicher Wahrnehmung und Emotionalität mit den undurchschaubaren Bauprinzipien des Universums provoziert. Für Mathematiker, wie Carroll auch einer war, gibt’s nichts Beglückenderes als scheinbar weit auseinanderliegende Architekturen, deren Formen letztlich vollkommen abgeglichen werden können, aber auch keine grössere Herausforderung als Strukturen, die sich nur beinahe übereinanderlegen lassen und den Stachel des Widerspruchs in sich tragen. Und auch wenn es sich Künstler und Literaten manchmal zu wenig bewusst sind: Sie werkeln im Grunde genommen in derselben Manufaktur ‒ auf der Suche nach Metaphern, Schematas, die sich von einer Domäne in eine andere übertragen lassen, um neues Licht auf scheinbar Altbekanntes zu werfen.

Solche Übertragungen haben in der zeitgenössischen Ästhetik zunehmend Interesse geweckt, sei es in der künstlerischen Darstellung wissenschaftlicher oder medizinischer Daten in der Sonifikation, sei es in strukturellen Verschränkungen von Intertextualität, dem postmodernen Spiel mit Selbst- und Fremdreferenzen und mit Transformationen ganzer Bedeutungsräume. Moderne Kosmologie und Elementarteilchenphysik wiederum scheinen die letzte Domäne ernstzunehmender Metaphysik ‒ mit ihren Spekulationen um eingerollte mehrdimensionale Mikrowelten (das muss man sich mal vorstellen!), Paralleluniversen und obskuren Materien und Energien, für die sich unter Umständen nicht einmal emprische Belege finden lassen werden. Zugute kommt den Erbverwalterinnen und -verwaltern Newtons und Einsteins, dass die wirkliche Welt da draussen (was immer das auch sein soll) durch menschliche Weltmodelle vermutlich unterbestimmt ist und es möglicherweise gar überabzählbar viele konsistente Beschreibungen des Universums gibt. Da ist (Hyper-)raum für kreative Freiheiten.

Der Komponist Hèctor Parra hat die theoretische Physikerin Lisa Randall um ein Libretto einer Oper gebeten, den Entwurf einer Metapher für die Transzendenz des Vertrauten in Kosmologie und ästhetischen Prozessen. Da gilt es, die Herausforderung zu meistern, absolut unimaginierbare und gefühlsmässig nicht erfassbare Strukturen auf kleinsten Skalen der Weltbeschaffenheit auf die fantastischen, emotionsgetränkten und sinnlichen Topoi der westeuropäischen Operntradition zu projizieren. Was für eine Idee!

Parra hat dazu für die Musik Strategien gewählt, die an Verfahren der Sonifikation erinnern, und streckenweise auch deren Klangerfahrungen evozieren: Er hat physikalische Parameter auf musikalische abgebildet, physikalische Grösse/Distanz auf die Dauer einer musikalischen Phase, Zeit auf rhythmische Dichte, Masse auf Lautstärke, Energie auf eine komplexere Mixtur aus Amplitude und Spektrum musikalischer Gegenstände. Verzerrungen zwischen raumzeitlichen Dimensionen spiegeln sich in den Transformationen der Klänge mit Hilfe elektronischer Bearbeitungen und Schichtungen.

Das Verfahren lässt (wie einst serielle Konstruktionsprinzipien) Raum für freie ästhetische Gestaltung. So nimmt die dabei in enger Zusammenarbeit von Librettistin und Komponist entstandene Oper «Hypermusic Prologue» neben der Frage, wie sich radikal artfremde Strukturen überblenden lassen, auch die musiktheaternahe Frage auf, was solche Explorationen der Welt mit uns als Menschen machen. Übersetzt haben dies die beiden in eine typische opernaffine Konfliktsituation zwischen einem beharrenden, ängstlichen Beschwörer des Bewährten in der Form eines Baritons und einer offenen, neugierigen und damit zentripetalen Welten-Erkundigerin in Form eines Soprans.

Der Sopran, eine Art erwachsen gewordene, aber nach wie vor unvoreingenommene, einfach mal staunende Alice, erobert sich eine fünfte Dimension, die ‒ den physikalischen Theorien Randalls gemäss ‒ die wahre Macht der Gravitationskraft beherbergt (auf einer sogenannten Brane, einer Art Parallelwelt zu der uns vertrauten, von der nur ein schwacher Abglanz in unsere bekannten Weltdimensionen hinüberschimmert). Das Sängerpaar kombiniert dabei allzumenschliche emotionale Verstrickungen und Begehrlichkeiten mit avanciertesten Fragen der theoretischen Physik. Das kann ähnlich skurril und absurd wirken wie die zurückbleibende Grimasse der verschwindenden Grinsekatze in Alice‘ kindlicher Erfahrung. Es ist auch genauso irritierend und intelligent wie erheiternd.

Eine konzeptionell derart ambitionierte Oper funktioniert nur, wenn die Musik auch für sich sprechen kann und nicht bloss ein Konstrukt bleibt, hinter dem man die Absicht erkennen würde und verstimmt wäre. Die Gefahr ist gebannt: Parra ist ein zu authentischer, handwerklich zu souveräner Tonschöpfer, als dass sich die Partitur im blossen Einfall erschöpfen würde. In der knappen Stunde Wiedergabe kann man sich den fremden Klängen hingeben ‒ faszinierenden, granular-fragmentarischen Teilchenschauern eines Ensembles aus Streichquartett (mit Kontrabass statt zweiter Violine), Flöte, Klarinette, Saxophon, Schlagwerk, den beiden Sängerakteuren und Elektronik. Die Grossarchitektur trägt im grossen Atem über die Stunde. Das Berliner Zafraan Ensemble bietet unter der Leitung von Manuel Nawri eine exzellente Wiedergabe, die Sopranistin Johanna Greulich und der Bariton Robert Koller überzeugen sowohl sängerisch als auch darstellerisch.

Auch das Bühnenkonzept (Tobias Flemming) und die Regie (Benjamin Schad) fügen sich zum Ganzen. Zitate bekannter Operntopoi ‒ ein Brunnen evoziert die Symbolik von Wagners Tristan oder Tannhäuser, endlose Papierrollen (mit den Weltenformeln) den mozartschen Leporello ‒ ein schräg über die Szenerie aufsteigendes Netz projiziert die fünfte Dimension in den vierdimensionalen Raum und entrückt sinnfällig dem auf dem Boden bleibenden Bariton die Sopranistin. «Hypermusic Prologue» ist ein grosses Werk, das eine lange Interpretationsgeschichte verdient ‒ auf allen möglichen Bühnen und Branen. (wb)

Hector Parra (Musik), Lisa Randall (Libretto): Hypermusic Prologue, Oper für zwei Singstimmen, Kammerensemble und Elektronik. Zafraan Ensemble, Manuel Nawri (Leitung), Benjamin Schad (Regie). Besuchte Aufführung: 18. Oktober 2013, Gare du Nord Basel.

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