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Jahrestagung 2007 der DGM: Musik und Identität

27.09.2007 — Die Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM) widmete sich an ihrer Jahrestagung 2007 dem Verhältnis von Identität und Musik. An der Justus-Liebig-Universität Giessen situierte sie das Thema im Spannungsfeld von Pädagogik, Psychologie und Soziologie, ohne althergebrachte Forschungsinteressen der Zunft – etwa die physiologischen Grundlagen des Hörens und Musizierens – aus den Ohren zu verlieren.

Migrationsbewegungen, multikulturelle Gesellschaften und die globale Kommunikation haben in den sozialen Gemeinschaften tiefe Spuren hinterlassen. Was früher selbstverständlich schien – die Verwurzelung in einer stabilen weltanschaulich, beruflich oder sozial definierten Gruppe – findet sich kaum noch. Das Individuum definiert sich mittlerweile über patchworkartig zusammengesetzte und ständig wechselnde Identitäten. Musikpräferenzen geben diesen Zugehörigkeiten auf unmittelbare Art Ausdruck. Da erstaunt es kaum, dass sie auch von der DGM für einmal ins Zentrum des Interesses gerückt wurden. Das Treffen in Giessen wies überdies darauf hin, dass das Interesse an den Arbeiten der Gesellschaft auch auf andern Gebieten weiter steigt. Davon zeugten die sich durchgehend auf hohem Niveau bewegenden Posterpräsentationen – rund doppelt so viele wie an der letztjährigen Tagung der DGM in Freiburg (siehe Rezension).

Dass Musik für Heranwachsende als Sparringpartner bei der Identitätssuche ein wichtige Rolle spielt, unterstrich etwa die Ludwigsburger Pädagogin Renate Müller, die dabei auch zu durchaus paradoxen Einsichten kam. So wies sie darauf hin, dass Adoleszente aus dem Rahmen fallende oder provokative Popstars zwar wesentlich interessanter finden, als die gutbürgerlichen Bezugspersonen ihrer näheren Umgebung. Im eigenen Lebensentwurf möchten sie diesen aber dennoch keineswegs folgen. Dieses Resultat von Befragungen Jugendlicher stellt Müller – und mit ihr die empirische Psychologie und Soziologie – vor ein Rätsel. Möglich, dass Antworten darauf in tiefenpsychologischen Ansätzen zu finden sein könnten, die trotz aller evidenzbasierter Methodik nicht aus den Augen verloren werden sollten und für die derartige Beobachtungen keineswegs neu sind.

Aufs Glatteis der Geschlechterfragen wagten sich Gunter Kreutz, Laura Mitchell und Emery Schubert, die als Gäste vom Royal Northern College of Music in Manchester die zunehmende Internationalisierung der Gesellschaft über die deutsche Sprachgrenze hinaus dokumentierten. Ihre empirischen Daten lassen kaum Zweifel daran, dass Frauen und Männer Musik verschieden wahrnehmen. Exemplifiziert wurde der Befund mit Hilfe des biologisch fundierten Modells von Baron-Cohen, das mitfühlende (empathizing) und strukturerfassende (systemizing) Arten der Musikrezeption unterscheidet. Die Befragungsdaten zeigen deutlich, dass Frauen zur ersten und Männer zur zweiten Art des Hören neigen.

Enttabuisierte Geschlechterunterschiede

Zu noch brisanteren Einsichten zur Geschlechterfrage führten Berichte zu Untersuchungen, die Peter Sedlmeier und Kathrin Roscher von der TU Chemnitz durchgeführt haben. Sie konnten nicht nur nachweisen, dass das Urteil über die Qualität von Musik deutlich davon abhängt, ob ein Mann oder eine Frau als Interpreten angenommen werden und ob ihr Geschlecht mit stereotypen Vorstellungen zum Instrument – eher weiblich (etwa Harfe) oder männlich (zum Beispiel Trompete) – übereinstimmt. Auch die Frage, für wie attraktiv die Interpreten befunden werden, spielt beim Urteil eine signifikante Rolle. Eine bemerkenswerte Notiz am Rande: Die Tests waren mit den Originalbildern der Interpreten nicht durchzuführen, weil die attraktiveren männlichen Interpreten der Versuche tatsächlich besser spielten als die weniger attratkiven – ein Effekt, der sich bei Interpretinnen wiederum nicht einstellte. Frauen neigen laut der Chemnitzer Studie im Gegensatz zu den den Männern überdies dazu, weniger attraktive Frauen an typischen Fraueninstrumenten musikalisch höher einzuschätzen als attraktivere.

Autogrammstunde mit Klaus-Ernst Behne, dem Autor eines Klassikers zu Hörertypologien.


Wie eng Musik und emotionale Identität verbunden sind, zeigte die an der Open University des zwischen London und Birmingham situierten Milton Keynes tätige Dorothy Miell. Sie ist aufgrund verschiedener Studien zum Schluss gekommen, dass die musikalische Selbstfindung bereits in früher Kindheit geprägt wird und spätere Erfahrungen entsprechend eingepasst werden. Zudem zeigte sie auf, dass das musikalische Selbstbild weitaus komplexer sein kann, als man annehmen könnte. So bezeichneten sich in Umfragen etwa Personen als unmusikalisch, die durchaus über eine reiche praktische Erfahrung mit Musizieren verfügen und auf Musik auch sensibel ansprechen. Dies weist darauf hin, dass Musikalität auch ein soziales Konstrukt ist, und die Selbsteinschätzung von familiären Prägungen, schulischen Erfahrungen und weiteren Umgebungsfaktoren abhängt.

Musik als Mittel oder Stolperstein der Integration

Wie weit Musik im ganz praktischen kommunalen Alltag eine Rolle in der Integration von Migranten spielen kann, erörterte der Grazer Musikpsychologe Richard Parncutt, der eine gemeinsam mit seiner Studentin Angelika Dorfer realisierte emprische Untersuchung zur Nutzung von Musik unter Zugewanderten vorstellte. Die beiden stellten eher überraschend fest, dass eine Integration schwieriger wird, je höher das musikalische Bewusstsein einer Person ist. Eine aktive Auseinandersetzung mit Musik und ein entsprechend klares musikalisches Profil scheinen starke Stabilisatoren der personalen Identität zu sein. Migranten und die Vertreter der Kultur, in welche sie einwandern, stellen nach den Studien Parncutts und Dorfers Musik wiederum unterschiedliche Rollen zu. Während sie für erstere ein Mittel darstellt, die eigene Kultur auch in der Fremde zu erleben, nutzen sie letztere als Ausgangspunkt des interkulturellen Austauschs. Darin mag bei der Nutzung der Musik für Integrationsarbeit ein nicht zu unterschätzendes Konfliktpotential liegen.

In einigen Diskussionen von Referaten wurde aber auch immer wieder die Frage gestellt, wie weit sich der Begriff Identität überhaupt definieren lässt, und auch Warnungen vor einem allzu inflationären Gebrauch wurden laut. So wurde etwa darauf hingewiesen, dass einige der diskutierten individuellen Beziehungen zur Musik – etwa im Weg zur akustischen Selbstfindung einer jugendlichen Pop- oder Jazzgruppe – keineswegs als Identitätsfindung gesehen werden muss. Es genüge, wenn man den Vorgang als eine Änderung der stilistischen Mittel oder gar bloss der ästhetischen Präferenzen charakterisiere.

Schützenhilfe für Stumpfs Verschmelzungstheorie

Neben der angeregten und richtungweisenden Beschäftigung mit dem Phänomen der musikalischen Identität verlor die DGM in Giessen aber auch eines ihrer traditionellen Kerngeschäfte, nämlich die Physiologie des Hörens, nicht aus den Ohren. Da wurden gar überaus interessante neue Beiträge zur Frage des Konsonanz- und Dissonanzempfindens vorgelegt, und zwar vom Kölner Jost Fricke und dem Mönchengaldbacher Martin Ebeling, der Konzeptionen Frickes nutzte, um nicht nur Hindemiths Theorie der Akkordklassen zu widerlegen, sondern auch überzeugende Argumente für die stumpfsche Verschmelzungstheorie des Konsonanzhörens vorzubringen.

Die Themen der Posterpräsentationen reichten von neurologischen Aspekten bis zur klassischen Musiksoziologie.  


Fricke hat 2005 den Vorschlag gemacht, einer Erörterung der Frage, ob zwei Intervalle verschmelzen, nicht die mathematisch strenge Korrelation zugrundezulegen, sondern eine Unschärfespanne zu berücksichtigen. Diese soll der zeitlichen Toleranz entsprechen, welche das Auseinanderhalten von Nervenimpulsen im Gehör unmöglich macht, wenn diese in kürzerem Abstand als 0,8 Millisekunden erfolgen. Entsprechende Modellrechnungen Frickes zeigen eine hohe Übereinstimmung mit der stumpfschen Konzeption und bestätigen damit dessen Verschmelzungstheorie der Konsonanz (Leserbrief).

Ebeling wiederum ist es auf Basis der frickschen Modellrechnungen gelungen, den Nachweis empirisch zu unterbuttern. Er befragte Probanden zu den subjektiv empfundenen harmonischen Beziehungen von 160 Akkordverbindungen, denen Hindemith in seiner «Unterweisung im Tonsatz» von 1940 klare hierarchische Bewertungen zuweist. Dabei zeigte sich, dass die Akkordfolgen keineswegs im hindemithschen Sinn gehört werden. Insbesondere bewerteten die Versuchspersonen die Akkordverbindungen je nach der Reihenfolge der Akkorde unterschiedlich. Nach Hindemiths Theorie dürfte die Reihenfolge der Präsentation bei der Bewertung des Verhältnisses aber keine Rolle spielen. Die Resultate scheinen dafür eben die Verschmelzungstheorie Stumpfs zu bestätigen. (wb)

Musk und Identität, Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie, Justus Liebig Universität Giessen, 14. bis 16. September 2007.

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