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Johann Wenzel Kalliwoda

07.10.2006 — Er war ein Wunderkind auf der Geige, ein Schützling Carl Maria von Webers, legte seine 1. Sinfonie im Alter von 24 Jahren vor, und Werke aus seiner flüssig geführten Feder standen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts in den bedeutenden Musikzentren des deutschen Sprachraums prominent auf den Programmen.

Bald jedoch verschwand Johann Wenzel Kalliwoda aus dem Kreis der Bevorzugten – bereits früh war ihm ein Hang zur Vielschreiberei und das Abgleiten in Gebiete der zu leichten Muse vorgeworfen worden. Überkommene Urteile, gefällt unter zeitgebundenen Bedingungen, gilt es immer wieder zu überprüfen: Christoph Spering und Das Neue Orchester stellen mit ihrem jüngsten Album zwei Sinfonien und eine Ouvertüre Kalliwodas zur Diskussion.

Ruhmvoll war das Wirken des 1801 in Prag geborenen Musikers im Dienst des Fürsten Carl Egon II. zu Fürstenberg in Donaueschingen. (Ein späteres Mitglied des Herrscherhauses, Max Egon, war entscheidend an der Gründung der weltberühmten Musiktage beteiligt.) Der 21-Jährige folgte 1822 auf Konradin Kreutzer als Chef der Hofoper und der rund dreissig Positionen umfassenden Hofkapelle. Kalliwoda machte Donaueschingen berühmt durch Musiktheateraufführungen, durch seine Auftritte als Violinist (der Fürst schenkte ihm eine Stradivari), durch Konzerte mit renommierten Sängerinnen und Instrumentalisten und durch sein vielseitiges kompositorisches Œuvre.

Die Revolution von 1848 führte zur Auflösung der Hofkapelle, 1850 brannte das Theatergebäude nieder, und nach dem Tod seines grosszügigen Arbeitgebers vier Jahre später übersiedelte Kalliwoda nach Karlsruhe, kehrte auf Wunsch Karl Egons III. 1857 wieder für kurze Zeit nach Donaueschingen zurück. Doch die Epoche grosser Erfolge war unwiederbringlich vorbei. Kalliwoda starb 1866 in Karlsruhe.

In seinen Sinfonien 5 und 7 und der Ouvertüre op. 238 (zwischen 1825 und 1843 schuf Kalliwoda u. a. 7 Sinfonien und 16 Konzertouvertüren, frei schweifende Tongemälde) erweist er sich als Romantiker mit klassischen Wurzeln. Die Nähe zu Beethoven, zu Webern, zu Schumann (der Kalliwoda schätzte) in manchen Zügen, zur grossen Geste und lyrischen Innigkeit hat ihn nicht in Abhängigkeit geführt, vielmehr zu einem Spiel mit Nähe und Distanz, ironischen Brechungen, architektonischen Wagnissen (die ihm oft negativ ausgelegt worden sind).

Kalliwoda, ein eminenter Melodiker, sattelfester Kontrapunktiker, gewiefter Harmoniker und Meister der Instrumentation und Klangmischungen, baut auf Hörerwartungen, die er alsbald unterläuft und ihnen den Boden entzieht. Kennzeichnend sind auch der Wechsel zwischen profilierter thematischer Erfindung mit davon abgespaltenen Begleitfiguren und einer Fortspinnung thematischer Partikel. Was manche seiner Zeitgenossen verunsichert hat, mag heute auf besonderes Interesse stossen.

Einer vorurteilslosen Wiederentdeckung des Schaffens von Johann Wenzel Kalliwoda leistet das seit 1988 bestehende, mit Instrumenten, Spieltechnik und Klang auf romantische Vorbilder sich stützende Neue Orchester den besten Dienst: Unter der Leitung seines Gründers gewinnt es den Partituren emotionale Kraft und kernige Frische ab, glättet weder Kanten noch Brüche, spannt weite Entwicklungsbögen, nimmt ein durch markante Soli von Holz- und Blechbläsern und eine in allen Registern atmosphärisch dichte Gestaltung. (ws)

Johann Wenzel Kalliwoda: Symphonies 5 & 7; Overture No 16 op. 238. Das Neue Orchester. Leitung: Christoph Spering. (cpo 777 139-2; 68′)

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