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John Eliot Gardiners Sicht auf Robert Schumann


19.10.2010 — Auftakt zur Konzertreihe Migros Kulturprozent Classics 2010/11 im Luzerner KKL mit John Eliot Gardiners Orchestre Revolutionnaire et Romantique, dem Geiger Thomas Zehetmair und dem jungen Schweizer Cellisten Christian Poltéra.

Das ist natürlich purer Zufall: dass John Eliot Gardiners Orchestre Revolutionnaire et Romantique in Luzern ausgerechnet an einem 18. Oktober Brahms’ Doppelkonzert für Violine und Cello auf die KKL-Bühne gebracht hat, exakt 123 Jahre nach der Uraufführung. Das Werk, das Brahms notabene in Thun zu Papier gebracht hat, ist am 18. Oktober 1887 vom Geiger Joseph Joachim und dem Cellisten Robert Hausmann in Köln aus der Taufe gehoben worden.

Es ist, anders als die Formtradition im ersten Moment vermuten liesse, kein freundschaftlicher musikalischer Wettstreit zweier Streicher, sondern ein Konzert für eine Art Riesengeige, deren Aufgaben – um den grossen Tonumfang zu erreichen – sich auf zwei Spieler verteilt.

Die Konzertreihe Migros Kulturprozent Classics will Musikliebhabern quer durch die ganze Schweiz Begegnungen mit «nationalen und internationalen Spitzenorchestern mit berühmten Dirigenten und renommierten Solisten zu moderaten Preisen» ermöglichen. Dabei sollen Schweizer Musiktalente die einmalige Chance erhalten, sich für Grösseres zu empfehlen.

Da ist also als «Schweizer Talent» der junge Pergamenschikow-Schüler Christian Poltéra am Cello an der Seite des renommierten Geigers Thomas Zehetmair mit Brahms ins Rennen geschickt worden.

Das wirkt im ersten Moment bestechend, weil es die beiden Solisten eben automatisch partnerschaftlich eng verbindet und damit aufs gleiche Niveau hebt. Poltéra hat das Arrangement allerdings kaum Gelegenheit gegeben, sich autonom ins beste Licht zu rücken, weil er – sozuagen als Unterleib eines imaginierten Superinstrumentes – eher etwas im Hintergrund geblieben ist.

Die Solistenkombination für das Brahms-Konzert ist nicht das einzige, was an dem Abend speziell interessiert hat. Im Schumann-Jahr 2010 hat die Migros-Konzertreihe nämlich auch mit der Wahl des Orchesters seiner ersten Tournee einen Glanzpunkt gesetzt. Es hat bereits vor zwölf Jahren mit seinem charismatischen Leiter alle Sinfonien Schumanns eingespielt und dabei Massstäbe einer neuen Sicht auf den Romantiker gesetzt (damals noch für die Deutsche Grammophon, der Gardiner später wegen eines ambitiösen Bach-Projektes den Rücken kehrte und sein eigenes Label Soli Deo Gloria gründete).

Mit den Einspielungen strafte Gardiner alle Vorurteile endgültig Lügen, Schumanns Orchestrierungen seien verbesserungsbedürftig. Er verschlankte den in der Regel schweren und behäbigen Schumann-Ton deutscher Orchester in der Überzeugung, Schumann hätte in Leipzig mit dem damaligen Gewandhausorchester einen kleinen und wendigen Klangkörper zur Verfügung gehabt und entsprechend instrumentiert. Auf seine dritte Sinfonie, die «Rheinische» trifft dies allerdings nicht zu. Sie ist in Düsseldorf entstanden, wo dem Komponisten mit den damaligen Düsseldorfer Symphonikern ein opulenteres Ensemble zur Verfügung stand.

Das heutige Gewandhausorchester Leipzig hat dieses Jahr anlässlich des Lucerne Festivals bereits Mahlers Bearbeitungen von Schumanns zweiter und vierter Sinfonie zur Diskussion gestellt; nun konnte man sich auch von den Resultaten des «historisch informierten» Musizierens am Beispiel der dritten am lebenden Objekt einen Eindruck machen.

Vor Gardiner hatte sich bereits Harnoncourt an eine solche Lesart gemacht, allerdings ein weniger überzeugendes Resultat erreicht als der britische Kollege. David Zinman hat mit dem Zürcher Tonhalle-Orchester etwas später übrigens eine nicht minder gültige, eigene Form gefunden, die Sinfonien sensibel und transparent mit innerem Leben zu füllen.

Die Wiedergabe der «Rheinischen» durch das Orchestre Revolutionnaire et Romantique in Luzern war im Detail fein gearbeitet, energetisch aufgeladen, hatte Zug und die richtige Balance aus Durchhörbarkeit und Schmelzklang, wie er Schumann vermutlich vorgeschwebt hatte.

Bewundern konnte man da stark besetzte, gleissende Naturhörner (dass die Dinger überaus schwer zu spielen sind, machte ein atmosphärentötender Patzer zu Ende des zweiten Satzes des Brahms-Konzertes offensichtlich). Ab und zu gab es kleinere rhythmische Ausgleichsprobleme zwischen den Registern, über alles bot das Orchester aber eine mitreissende, begeisternde Wiedergabe, die Schumann eher als Erben der Klassiker, denn als Vorreiter Bruckners zelebrierte.

Etwas weniger natürlich schien sich die Zusammenarbeit von Orchester und Solisten im Brahms-Konzert zu ergeben. Die präzise, druckvoll-transparente angelsächsische Lesart Gardiners und Zehetmairs eher dunkel-impulsive und romantische Annäherung schienen nicht recht zusammenzufinden. Wohl liess sich da ein natürliches Verschmelzen von Sologeige und -cello bewundern, Zehetmair blieb aber (aus welchen Gründen auch immer) in Intonation und Artikulation immer wieder im Ungefähren bis Diskordanten und Poltéra damit aufgerieben zwischen den Lesarten.

Solisten und Orchester hatten das gleiche Programm Tage zuvor bereits in Köln und Turin gespielt. An mangelnder gemeinsamer Spielpraxis dürfte es demnach nicht gelegen haben. Vielleicht hätte etwas mehr kammermusikalischer Geist und orchestrale Zurückhaltung im Orchester Abhilfe geschaffen.

Dass Zehetmair ein exzellenter Lyriker ist, zeigte er in dem als Zugabe dargebotenen langsamen Satz aus Schumanns Violinkonzert, für den sich Poltéra zu den Orchestercelli gesellte. Ein wunderbarer Ausklang eines höchst anregenden Abends. (wb)

Migros Kulturprozent Classics, Tournee I, Orchestre Révolutionnaire et Romantique, Sir John Eliot Gardiner (Leitung), Thomas Zehetmair (Violine), Christian Poltéra (Violoncello, Schweizer Solist), Robert Schumann: Manfred-Ouvertüre op.115, Sinfonie Nr.4 «Rheinische» op.91. Johannes Brahms: Doppelkonzert für Violine und Violoncello op. 102.
Weitere Aufführungen: Genf, Victoria Hall (19. Oktober 2010), Bern Kultur Casino (20. Oktober 2010), Zürich, Tonhalle (22. Oktober 2010).

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