01.10.2008 — Das Zürcher Opernhaus und das Schweizer Fernsehen haben in einer Koproduktion mit grossem Erfolg auf ungewöhnliche Weise bereits Mozarts «Zauberflöte» zur Primetime auf die TV-Bildschirme gebracht − in einer Zweikanalübertragung, wobei auf dem einen Kanal das Geschehen auf der Bühne und auf dem zweiten die Arbeiten hinter den Kulissen beobachtet werden konnten. Nun haben die beiden gemeinsam mit dem deutsch-französischen Kulturkanal Arte Verdis «Traviata» mitten in den Pendlerströmen des Zürcher Hauptbahnhofes zur Aufführung gebracht. Die Produktion ist über verschiedene Kanäle von Begleitprogrammen sekundiert worden: Zuschauer konnten ihre Meinung zum Projekt in Interviews vor Ort oder telefonisch kundgeben und sich während der Produktion auf der Webseite von Arte in einem Chat austauschen. Im Anschluss an die Übertragung äusserten sich im Studio überdies (allerdings recht belanglos) die frühere MTV-Chefin Catherine Mühlemann, der Zürcher Operndirektor Alexander Pereira und die Sängerin Maya Boog zum Gelingen des Experimentes. Die Produktion provozierte international ein grosses Echo, und die Reaktionen des Publikums im Chat und Interviews waren fast ausschliesslich sehr positiv bis euphorisch (so euphorisch, dass Nutzer des Arte-Chats sich fragten, ob kritische Anmerkungen zensiert würden – eine eher gewagte Annahme). Es hat also offensichtlich ganze Arbeit geleistet, das Team rund um den routinierten Musikfilme-Regisseur Adrian Marthaler, den TV- Regisseur Felix Breisach, das Orchester der Oper Zürich unter der Leitung von Paolo Carignani und die Solisten Eva Mei (Violetta), Vittorio Grigolo (Alfredo), Katharina Peetz (Flora) und Angelo Veccia (Giorgio). Anfängliche kleinere Abstimmungsprobleme in der Tontechnik und eher schräge Details der bildnerischen Umsetzung − unfreiwillig komisch etwa die Chormitglieder in Pelzmänteln mit Bratwürsten wie Prozessionskerzen in der Hand − liessen zunächst Zweifel am Gelingen des Abends aufkommen. Die trotz widriger klimatischer Verhältnisse sehr hohe sängerische Qualität (war da wirklich alles live gesungen?) und die Geradlinigkeit der Inszenierung erzeugten mit der Zeit allerdings einen musikalischen Sog, dem man sich kaum entziehen konnte. Der einzige (auch in den Zuschauerkommentaren geäusserte) ernsthafte Einwand richtete sich vor allem auf die Kommentare und Interviews der ansonsten sehr sympathisch wirkenden Moderatorin Sandra Studer, die den Fluss der Erzählung vor allem zu Beginn allzusehr unterbrachen. Dabei entstand überdies der Eindruck, dass nicht wirklich mit dem Bahnhof, sondern bloss im Bahnhof gespielt wurde. Das Dekor wirkte zufällig und die Aufführung schien nicht wegen des ungewöhnlichen Spielortes einen eigenen Reiz zu entfalten, sondern trotz diesem. Die Moderatorin nahm in ihren Conferences die Stimmung der Oper auch nicht auf, sondern platzte mehr oder weniger ungerührt in diese hinein, um die Aufmerksamkeit wieder auf die Umstände der Produktion zu zwingen. Zudem bedeutete die Produktion in der Publikumsnähe gegenüber üblichen Opernaufführungen trotz des hohen technischen Aufwandes eher einen Rückschritt: Untertitel, die es dem nicht operngewohnten TV-Publikum erlaubt hätten, die Handlung im Detail mitzuverfolgen, wurden nicht mitgeliefert. Das Projekt ist damit auch ein Beispiel dafür, wie sehr sich mit modernen Methoden des Kulturmarketings das Interesse in der Musikvermittlung vom Eigentlichen, nämlich den Werken, auf die technischen und organisatorischen Umstände ihrer Realisierung verlagert hat (siehe dazu auch die Rezension der CD zu einem Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker). Das Schweizer Ferrnsehen bringt am 5. Oktober, um 23.15 Uhr, in der Sendung Klanghotel denn auch auch ein «Making of» zur Produktion. Bereits im Vorfeld stand im Zentrum der Kommunikation, dass für 15 Kilometer Kabel 17 provisorische Starkstrom-Anschlüsse verwendet wurden, die Technik 462 Mannstage aufwenden musste, 16 HD-Kameras zum Einsatz kamen und so weiter und so fort. Man kann Verständnis dafür haben, dass das Schweizer Fernsehen sich für das Experiment für eine sehr populäre Oper entschieden hat. Schliesslich ging es ja offenbar darum, die Kunstform auch einem hochkulturfernen Massenpublikum näherzubringen. Der Erfolg gibt den Produktionspartnern dabei sicher auch recht. Man kann aber auch bedauern, dass die Chance nicht genutzt wurde, in der zeitgemässen Form der Musikvermittlung auch ein zeitgemässes Werk zu vermitteln. Man hätte einen zeitgenössischen Komponisten ja sogar mit einem solchen beauftragen können. Die Massenwirkung, die mit einer «Traviata» generiert worden ist, hätte sich dabei allerdings kaum eingestellt, und möglicherweise wäre der Ruf des Elitären laut geworden. Man muss sich aber fragen, weshalb in dem Bahnhof-Ambiente eine überaus konventionelle Inszenierung in überaus konventionellen historischen Kostümen nötig war. Ironischerweise wurde ja im Falle der «Zauberflöte» im traditionellen Ambiente des Opernhauses eine modernistische szenische Umsetzung gewählt, die viel besser in das Bahnhof-Ambiente gepasst hätte, als ins altehrwürdige Theater. Man kann sich auch fragen, wohin die Kooperation zwischen dem Zürcher Opernhaus, das immerhin 80 Prozent des Kulturbudgets des Kantons Zürich verschlingt, und des gebührenfinanzierten Schweizer Fernsehens führen mögen. Trotz aller Sympathie für das in Sachen medialer Vermittlung fraglos sehr interessante Projekt wurde man nämlich den Eindruck nicht ganz los, dass da mit erheblichen Mitteln und Ressourcen eine rückwärts gewandte Opernästhetik und das Kulturverständnis des in Sachen Programmgestaltung doch eher mutlos agierenden Zürcher Opernhauses − eine Art «Glamour und Lifestyle für alle» − propagiert wurde. Man wagt sich nicht auszumalen, wieviel Goodwill man für modernes Musiktheater und Neue Musik schaffen könnte, wenn dazu diese geballte Masse an finanziellen und intellektuellen Ressourcen zur Vefügung stehen würden. (wb)
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| «La Traviata» im Zürcher Hauptbahnhof. Koproduktion von Zürcher Opernhaus, Schweizer Fernsehen und Arte, Dienstag 30. September 2008, www.sf.tv/sf1/latraviata | |||||||||