09.03.2004 — Ein origineller, ein selbstsicherer Mann ist dieser Nicolas Vallet gewesen, einer, dem – lange vor dem Aufkommen des freischaffenden Musikers – Unabhängigkeit mehr galt als finanzielle Absicherung und Lob von Aristokraten, einer, dem die Bürger näher waren als die Hofleute. Das mag mit ein Grund sein dafür, dass über sein Leben nur wenige Dokumente vorhanden sind, dass sogar sein Todesjahr nur mit «nach 1642» bezeichnet werden kann.
Nicolas Vallet, um 1583 in einem Dorf nahe Laon nördlich von Paris geboren – sein Vater war Berufsmusiker –, wanderte 1613, im Alter von etwa 30 Jahren, nach Amsterdam aus; vermutlich wegen seines calvinistischen Glaubens und um Pest und Hungersnot zu entfliehen.
In Amsterdam liess er sich als freischaffender Musiker nieder, unweit der Oude Kerk, an der Jan Pieterszoon Sweelinck bis zu seinem Tod 1621 wirkte. Vallet erteilte Instrumentalunterricht, und um 1615 eröffnete er eine Tanzschule, gab in diesem und im folgenden Jahr drei Bände mit Lautenmusik heraus (das zweibändige «Le Secret des Muses» und die 21 «Psalmen Davids» für Singstimme und Laute); 1620 folgte das «Regia Pietas», eine Bearbeitung der 150 Psalmen des Genfer Psalters für Singstimme und Laute. 1626 gründete Vallet gemeinsam mit drei englischen Lautenisten ein Quartett, das öffentlich und in privatem Rahmen auftrat.
Einer der führenden Lautenisten der Gegenwart, Paul O’Dette, gibt mit der Auswahl von 28 Sätzen – Tänzen, Fantasien, Liedbearbeitungen, Variationen – einen Eindruck vom Reichtum der Sammlung «Le Secret des Muses» und von der stilistisch breit gefächerten Kunst Vallets, der, auf der Höhe seiner Zeit, Renaissance- und Barockeinflüsse aus seinem Heimatland, aus den Niederlanden, England, Spanien, Norddeutschland und Italien verarbeitet hat. Ungewöhnlich ist die durchgehende Vierstimmigkeit in den kontrapunktischen Sätzen, charakteristisch und wirkungsvoll die häufige Verlegung der Melodie in die Basssaiten.
Paul O’Dette interpretiert die Werke auf der zehnchörigen Laute in der alten Renaissancestimmung mit ausgefeilter Perfektion bis in die Details der Ornamentik, mit musikantischer Eindringlichkeit, expressiver Eleganz und einem phänomenalen Klang- und Nüancenreichtum. Es lohnt sich, dank O’Dettes Vermittlung Nicolas Vallets Bekanntschaft zu machen! (ws)
Nicolas Vallet: Le Secret des Muses. Paul O’Dette, Laute. (Harmonia Mundi HMU 907300; 74’)