| 09.09.2005 — Michael Haefliger setzt als Intendant des Lucerne Festivals mit Hartnäckigkeit und Geduld auf die Integration Neuer Musik in eine traditionelle Plattform der Hochkultur. Künstlerisches Gelingen und Resonanz im Publikum geben ihm Recht.
Auf kaum einem Gebiet lässt sich so flexibel argumentieren wie in der Musik. Die Probe aufs Exempel machen Exponenten der jungen Schweizer Sommerschulen für künftige Orchestermusiker – des 2000 ins Leben gerufenen UBS Verbier Festival Orchestras und der zum zweiten Mal durchgeführten Lucerne Festival Academy. Für Verbier übt sich der Dirigent James Levine in Abstinenz. «Wir verzichten», erklärt er auf der Webseite eines Sponsors, «auf zeitgenössische Komponisten, weil wir glauben, dass ein Musiker zeitgenössische Stücke ohne profunde Kenntnis der grossen Künstler der Vergangenheit nicht spielen kann. Es ist unerlässlich für die Menschen dieser Altersgruppe, bei ihrer Ankunft in der Musikszene das richtige Rüstzeug mitzubringen.» Das hat natürlich etwas für sich. Fragt sich aber eben bloss, ob die künftigen Profis in diesem Fall überhaupt je dazu kommen werden, Zeitgenössisches zu spielen. Nicht weniger überzeugend ist deshalb der dieses Jahr in Luzern engagierte Pierre Boulez. In einem Interview beklagt er im Vorfeld der Academy, dass die Kultur des 20. und 21. Jahrhunderts in den Ausbildungsstätten vernachlässigt werde. Natürlich hat auch er Recht. Werke für grosses Orchester und Kammermusik Und so ist denn die praktische Arbeit des Nachwuchses in Luzern geprägt von neueren und neuesten kompositorischen Entwicklungen. Die Orchesterakademie ist der «Sommer»-Auflage des Lucerne Festivals angegliedert und besteht zum einen aus einem einwöchigen Meisterkurs für Streichquartette – unter der Leitung von Walter Levin vom La Salle Quartett und dem Komponisten Helmut Lachenmann. Zum andern schliessen sich daran drei Wochen harte Orchesterarbeit an – mit Uraufführungen von Werken von Dai Fujikura und Christophe Bertrand als krönendem Abschluss. Lachenmann, dieses Jahr Composer in residence am Vierwaldstättersee, arbeitet überdies mit Studierenden der Musikhochschule Luzern an eigenen Werken.
Die Chinesin Yi hat letztes Jahr den Kompositionsauftrag der «Roche Commission» zugesprochen erhalten und ist mit der Uraufführung des Resultates, realisiert vom Cleveland Orchestra, auch im eigentlichen Kernprogramm des Lucerne Festival präsent. Ein Augenschein im Dirigierkurs von Boulez und in der Klasse mit Kammermusik Lachenmanns zeigt zweierlei: Erstens werden in Luzern künstlerisch keinerlei Konzessionen gemacht. Zweitens sind die Festivalbesucher von der Tatsache, dass hier nicht für sie, sondern für die Musik gearbeitet wird, keineswegs abgeschreckt: Sowohl der Dirigierkurs als auch das in den Räumlichkeiten der Musikhochschule abgehaltene Briefing Lachenmanns sind überaus gut besucht. Auch in den öffentlich zugänglichen Stunden herrscht eine konzentrierte und sachliche Arbeitsatmosphäre. Boulez, der an der «Lyrischen Suite» und «Amériques» arbeitet, weist die Nachwuchsdirigenten zwar mit Altersmilde, aber dennoch in aller Deutlichkeit in die Schranken, wenn ihre Gesten eher als Effekt «pour la galerie» taugen – wie er das spöttisch nennt –, als der Interpretation zu dienen. Immer wieder betont er überdies, dass in der Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester Klarheit herrschen müsse und es unerlässlich sei, den Musikern unaufgeregt, aber genau zu erklären, was denn nun Missfallen errege und weshalb.
Der Blick über die Schulter dürfte für manchen Zaungast zum eindrücklichen Erlebnis geworden sein. Gerade Klangwelten wie diejenige Lachenmanns, erschliessen sich erst richtig, wenn man erlebt, wie Komponist und Ausführende Interpretationsdetails diskutieren, Unstimmigkeiten in der Partitur durchgehen oder die Schwierigkeiten einer eindeutigen Notation perkussiver Klänge erörtern. Und Hochklassiges wie Bergs Suite offenbart auch verstecktere Ausdrucksqualitäten, wenn zu bewundern ist, wie ein gestandener Dirigent einen jungen dazu bringt, mit subtilsten Gesten verständig zu führen. Alltag und Höhepunkte junger Orchestermusiker Und wie erleben die Betroffenen selber die drei Wochen harter Ensemblearbeit? Ein Ausflug der Lucerne Academy auf die Rigi bietet Gelegenheit, den Puls zu fühlen. Das «Schulreisli» ist vom Wetterglück geprägt: Aus der nebligen Stimmung einer Dampfschifffahrt über den Vierwaldstättersee gehts mit der historischen Rigibahn hinauf an die Sonne, über ein spektakuläres, end- und uferlos scheinendes Nebelmeer. Für die Studierenden ist es eine willkommene Abwechslung und eine Gelegenheit Kontakte zu knüpfen oder zu vertiefen. Der weitaus grösste Teil des Ensembles ist sonst in Kleinstgruppen auf Gastfamilien verteilt, über die auf der Rigi übrigens nur Lobendes zu hören ist.
Dabei herrscht unter dem Nachwuchs erfrischender Pragmatismus. Auf dem Weg zur Rigi antwortet ein junger amerikanischer Geiger auf die Frage, ob er die Arbeit in Luzern eher als etwas Aussergewöhnliches oder als «Business as usual» erlebe. Nach längerem Nachdenken entscheidet er sich zu einem «sowohl als auch». Mag sein, dass dies das Erfolgsgeheimnis der Lucerne Festival Academy ist: Die Arbeit schliesst nahtlos an den Alltag der Studierenden an. Sie versucht nicht, wie mancher Ferienkurs oder zahlreiche «Sommerakademien», eine Insel atmosphärischer Glückseligkeit zu bieten. Rudern die Teilnehmer von solchen zurück, finden sie sich in der Regel in einem Alltag wieder, den sie in der Folge als frustrierend erleben. (wb)
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| Lucerne Festival Academy, Luzern, 20. August bis 9. September 2005 www.lucernefestival.ch |
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