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Margarete von Österreich

24.10.2006 — In Frankreichs Département Ain, westlich von Genf am Jura, zieht ein prachtvoller Bau viele Besucher an: die Klosterkirche von Brou in Bourg-en-Bresse, ein Wunderwerk filigraner Steinmetzkunst. Allgegenwärtig ist auf Mauern, Schildern und in Nischen ein plastisches Schmuckelement, die Initialen P und M, umschlungen vom Liebesknoten. Wie ein Siegel prägt es allerorten den aufstrebenden lichtdurchfluteten spätgotischen Raum.

An prominenter Stelle in der Kirche Saint-Nicolas-de-Tolentino erheben sich ein Katafalk und ein Baldachingrab. Die prunkvollen Sarkophage bergen die irdischen Reste Philiberts des Schönen und seiner Gattin Margarete von Österreich. Für einmal ist es indes nicht wie erwartet: Philibert II. von Savoyen war eine Randfigur, seine Frau die zentrale Gestalt. Dies, obwohl sie vorerst nur als einer der Spielsteine in der auf Gebietserweiterung und -sicherung basierenden Heiratspolitik der Habsburger Dynastie galt.

Margarete allerdings verband mit ihrem zweiten Mann (der erste war bereits im Jahr der Eheschliessung gestorben) die grosse Liebe: Wie Margarete 1480 geboren, erlag Philibert aber bereits 1504 Verletzungen, die er sich auf der Jagd zugezogen hatte. Seine Witwe bereitete ihm – und sich – eine imposante Begräbnisstätte, die Kirche von Brou, die sie mit den Initialen P und M prägen liess.

Das angegliederte Kloster wurde in den Wirren der Französischen Revolution aufgelöst, doch der Bau überstand jene Zeit und die Kriege späterer Jahrhunderte unbeschadet.

Die in der Renaissance im konservativen gotischen Stil erbaute dreischiffige Basilika, begonnen 1506, beendet 1532, zwei Jahre nach Margaretes Tod, verschlang Unmengen von Geld. Doch die Mäzenin hatte ihre Ressourcen: Ab 1507 regierte sie – Kaiser Maximilian I. von Habsburg und Maria von Burgund waren ihre Eltern – als Generalstatthalterin in den Niederlanden. An ihrem Hof in Mecheln entfaltete sie das Wirken einer an Wissenschaft und Kunst interessierten Grande Dame: Sie trug naturkundliche Sammlungen zusammen, besass eine Vielzahl von Maya-Kunstwerken aus Cortez‘ Mexiko-Expedition 1519, pflegte ausgedehnte Briefwechsel, förderte Kunstschaffende, verfasste Gedichte über Abschied, Schmerz, Tod und den Triumph ewiger Liebe und liess sie von prominenten Komponisten vertonen.

Sie baute, einzigartig für eine Frau in jener Epoche, eine der grössten adligen Bibliotheken auf, trug Kostbarkeiten zusammen, darunter 340 Manuskripte und 46 gedruckte Bücher. Von Margaretes hoher Wertschätzung der Musik zeugt unter anderem das Tanzbuch mit 59 Basses danses, in Gold und Silber auf schwarzem Grund notiert (Brüssel, Bibliothèque Royale, Ms. 9085) und eine auf ihr Geheiss kompilierte Handschrift (Ms. 228), wegen ihrer Grösse von 36,5 auf 25 cm «Grand Chansonnier» genannt. Der prächtig geschmückte Band vereint ein- bis vierstimmige Chansons von berühmten und von anonym gebliebenen Musikern.

Die Sopranistin Anne Delafosse-Quentin und ihr Ensemble «Les Jardins de Courtoisie» lassen in ihrem mit «Carnetz Secretz» betitelten Album Margarete von Österreich und ihre Zeit aufleben. Einerseits klangvoll und farbenreich in Vokalsätzen (und drei Tänzen) aus dem «Grand Chansonnier» u. a. von Alexander Agricola, Loyset Compère, Matthaeus Pipelare, Josquin des Prez, Pierre de la Rue, andrerseits in Wort (frz./engl.) und Farbbild in einem schmucken 80-seitigen Büchlein im Format einer CD-Box (die Scheibe steckt hinter dem vorderen Deckel). Eine bibliophile Kostbarkeit des französischen kulturellen Begegnungszentrums und Festivalorts Ambronay, der auch durch exzellente CD-Produktionen mit Raritäten von sich reden macht. (ws)

Carnetz Secretz / Marguerite d’Autriche. Les Jardins de Courtoisie. Leitung: Anne Delafosse-Quentin. (Ambronay Editions AMY 007; 61′)

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